19.3101 · Interpellation · 2019-03-13
Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung
Erledigt
Wortlaut
Das Münchner Umweltinstitut untersuchte 2018 im italienischen Vinschgau die Belastung durch Pestizide über die Luft. Von 29 untersuchten Pestiziden konnten 20 nachgewiesen werden, 12 auch innerhalb einer geschlossenen Ortschaft und 6 auf 1600 Meter über Meer, abseits in einem Seitental. An einer Messstelle wurden elf Wirkstoffe gemessen, darunter zwei Fungizide, welche die Wirkung eines ebenfalls nachgewiesenen Insektizids auf Bienen um das Zigfache vergrössern ("Cocktail-Effekt"). Die 2019 publizierte grösste derartige Studie aus Deutschland weist über 100 luftverfrachtete Pestizid-Wirkstoffe an 47 Standorten nach. Unter anderem wurde Glyphosat an 55 Prozent der Standortproben festgestellt, obwohl es gemäss Zulassung in der Luft nicht mobil ist.
Ich bitte den Bundesrat, folgende Fragen zu beantworten:
1. Gibt es in der Schweiz Untersuchungen über die Verbreitung von Pestiziden auf dem Luftweg, und ist ein systematisches Monitoring geplant?
2. Was sagt er zu den frappanten Resultaten der kürzlich veröffentlichten deutschen Tiem-Studie "Biomonitoring der Pestizid-Belastung der Luft" (2019)?
3. Wie wird dieser Verbreitungsweg bei der Zulassung berücksichtigt, und was passiert, wenn nachträglich eine viel grössere Volatilität festgestellt wird (beispielsweise bei Glyphosat)?
4. Wie geht die Zulassungsbehörde mit dem Cocktail-Effekt um?
5. Wie kann das Vorsorgeprinzip angewendet werden, sodass Wohn- und Schutzgebiete, Tourismus und der Biolandbau vor Immissionen geschützt werden können?
6. Reicht der Aktionsplan Pflanzenschutz noch aus, um das Problem der Windverfrachtung von Pestiziden angemessen zu lösen? Welche zusätzlichen Massnahmen wären nötig?
Quellen:
Umweltinstitut München: http://www.umweltinstitut.org/aktuelle-meldungen/meldungen/2019/vom-winde-verweht-luftmessungen-im-vinschgau.html
Tiem-Studie (2019): Biomonitoring der Pestizid-Belastung der Luft mittels Luftgüte-Rindenmonitoring und Multi-Analytik auf >500 Wirkstoffe inklusive Glyphosat 2014-2018: http://enkeltauglich.bio/aktuelle-studie
Stellungnahme des Bundesrates
1. In der Schweiz wird die Luftverfrachtung von Pestiziden nicht systematisch gemessen. Die Aufnahme eines systematischen Monitorings der Verbreitung von zugelassenen Pestiziden auf dem Luftweg ist auch nicht geplant. Hingegen wurde die Belastung der Umwelt durch ausgewählte persistente organische Schadstoffe (POP) anhand von Flechten untersucht. Vergleiche der Flechten-Biomonitorings von 1995 und 2014 zeigen eine starke Abnahme der Belastung durch persistente organische Schadstoffe, inklusive persistenter Organochlor-Pestizide (u. a. DDT und Lindan).
2. Der Bundesrat nimmt die neuen Erkenntnisse der Tiem Studie zum Biomonitoring der Pestizid-Belastungen der Luft zur Kenntnis. Eine mögliche Verfrachtung von Pestiziden über die Luft ist bekannt. Die Studie zeigt, dass von den 500 untersuchten Pestiziden 8 bewilligte Pflanzenschutzmittel in dem Rindenmonitoring gefunden wurden. In dieser Studie wurde nicht geprüft, ob die gemessenen Konzentrationen für die Umwelt schädlich sein können. Der Nachweis einer Substanz sagt alleine noch nichts über allfällige schädliche Auswirkungen aus.
3. Der Eintrag eines Pflanzenschutzmittels in die Luft wird im Rahmen des Zulassungsprozesses beurteilt. Dabei werden Prozesse wie die Volatilität - Verdampfen des Wirkstoffs - als auch der fotochemische Abbau in der Luft berücksichtigt. Mittels chemischer Parameter (Dampfdruck, Henry-Konstante, Halbwertzeit in der Luft) wird beurteilt, ob ein Wirkstoff das Potenzial hat, in die Atmosphäre zu gelangen, und ausreichend stabil ist, dass er über weite Distanzen transportiert werden könnte ("long range transport"). Die meisten Pflanzenschutzmittel sind kaum flüchtig.
Die höchsten Emissionen von Pflanzenschutzmitteln ausserhalb der Kultur sind bei der Applikation durch Abdrift zu erwarten. In der Zulassung werden für diesen Eintragsweg in angrenzende Flächen mögliche Risiken für Mensch und Umwelt bewertet.
Glyphosat ist ein Wirkstoff, der eine geringe Volatilität aufweist. Der Transport von Glyphosat, wie er in der Tiem-Studie beschrieben wird, erfolgt wahrscheinlich über Winderosion von Bodenpartikeln.
4. Nach heutigem Stand des Wissens wird das Risiko eines Cocktail-Effekts als gering eingestuft. Es sind aber sowohl auf internationaler Ebene als auch national im Rahmen des Aktionsplans Pflanzenschutzmittel Massnahmen vorgesehen, mögliche Effekte von Mehrfachrückständen noch intensiver und genauer zu prüfen.
5. Das Vorsorgeprinzip wird bereits insofern umgesetzt, als im Rahmen des Registrierungsverfahrens eine Risikobeurteilung für die menschliche Gesundheit und die Umwelt durchgeführt wird, bevor ein Produkt in Verkehr gebracht wird. Im Massnahmenpaket der Agrarpolitik 2022 ist zur Verstärkung des Vorsorgeprinzips vorgesehen, dass Landwirte, die Direktzahlungen erhalten, die Abdrift bei der Anwendung von Pflanzenschutzmitteln um 75 Prozent zum Schutz der aquatischen und terrestrischen Umwelt und des Menschen reduzieren müssen. Diese Massnahme vermindert die Emissionen von Pflanzenschutzmitteln in alle angrenzenden Gebiete. Andere Massnahmen im Rahmen des Vorsorgeprinzips, wie der Verzicht auf Pflanzenschutzmittel, Direktsaat und Mulchsaat sowie Zwischensaaten, werden bereits heute im Rahmen der Direktzahlungsverordnung umgesetzt und tragen massgeblich zu einer Reduktion der Gesamtemissionen einschliesslich der Winderosion bei.
6. Durch den Aktionsplan wird eine Vielzahl von Massnahmen umgesetzt, um den mengenmässigen Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zu reduzieren. Jede mengenmässige Reduktion führt letztendlich auch zu einer Reduktion der Immissionen in andere Bereiche. Es werden keine zusätzlichen Massnahmen anvisiert, um Verfrachtungen durch Wind in der Landwirtschaft zu erfassen und zu regeln.
Antwort des Bundesrates.