19.3311 · Interpellation · 2019-03-22
Departement des Innern
Erledigt
Wortlaut
Gesundheitskompetenz ist die Fähigkeit der oder des Einzelnen, im täglichen Leben Entscheidungen zu treffen, die sich positiv auf die Gesundheit auswirken. Eine im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit veröffentlichte Studie des Forschungsinstituts GfS Bern (2016) stellt fest, dass weniger als die Hälfte der Schweizer Bevölkerung über eine ausreichende Gesundheitskompetenz verfügt. Besonders Menschen, die in bescheidenen finanziellen Verhältnissen leben oder ein tiefes Bildungsniveau haben, sowie ältere Menschen und Personen mit Migrationshintergrund weisen eine geringe Gesundheitskompetenz aus. Die Studie zeigt auf, dass Menschen mit hoher Gesundheitskompetenz weniger häufig an chronischen Erkrankungen leiden und seltener stationär behandelt werden müssen. Menschen mit einer tiefen Gesundheitskompetenz haben indessen Mühe zu beurteilen, welches die Vor- und Nachteile einer Behandlung sind und wann eine zweite Meinung eines anderen Arztes eingeholt werden sollte.
Im Bericht der Expertengruppe "Kostendämpfungsmassnahmen zur Entlastung der obligatorischen Krankenpflegeversicherung" vom 24. August 2017 wird als eine Massnahme die Stärkung der Gesundheitskompetenz und Informiertheit der Patientinnen und Patienten genannt. Die erwähnte Studie und die Empfehlung der Expertengruppe zeigen klar, dass im Bereich Gesundheitskompetenz Handlungsbedarf besteht. Trotzdem wurde diese Massnahme im ersten Massnahmenpaket des Bundes, das am 14. September 2018 in die Vernehmlassung geschickt worden ist, nicht berücksichtigt.
1. Welche Massnahmen sieht der Bund zur allgemeinen Stärkung der Gesundheitskompetenz der Schweizer Bevölkerung vor? Sind spezifische Massnahmen für ältere, chronisch kranke oder Menschen in bescheidenen finanziellen Verhältnissen oder mit tiefem Bildungsniveau geplant?
2. Wenn ja, ist im Rahmen solcher Massnahmen auch eine Sensibilisierung der Schweizer Bevölkerung für das Thema Fehl- und Überversorgung vorgesehen?
3. Werden im für den Herbst 2019 angekündigten zweiten Massnahmenpaket zu den Kostendämpfungsmassnahmen zur Entlastung der obligatorischen Krankenpflegeversicherung Massnahmen zur Verbesserung der Gesundheitskompetenz priorisiert werden?
4. Kann sich der Bund vorstellen, private, breitabgestützte Initiativen wie z. B. "Smarter Medicine-Choosing Wisely Switzerland" zu unterstützen, die sich zum Ziel setzen, die Gesundheitskompetenz der Schweizer Bevölkerung zu verbessern?
Stellungnahme des Bundesrates
1. Die Stärkung der Gesundheitskompetenz und der Eigenverantwortung der Bevölkerung ist Bestandteil der gesundheitspolitischen Strategie des Bundesrates Gesundheit 2020. Patientinnen und Patienten sollen sich effizienter im Gesundheitssystem bewegen, Krankheiten besser vorbeugen und mit ihren Krankheiten sowie der Inanspruchnahme von medizinischen Leistungen sorgsamer umgehen können. Wie der Bundesrat bereits in seiner Antwort auf die Interpellation Ruiz Rebecca 17.4184 erläutert hat, wird die Förderung der Gesundheitskompetenz in verschiedenen nationalen Gesundheitsstrategien als Querschnittthema mitberücksichtigt. So wird beispielsweise in der Strategie zur Prävention nichtübertragbarer Krankheiten das Selbstmanagement für Menschen mit chronischen Krankheiten gefördert. Die Förderung der Gesundheitskompetenz der Patientinnen und Patienten ist auch ein Ziel der gemeinsamen Strategie E-Health Schweiz 2.0 von Bund und Kantonen. Weiter unterstützt das Bundesamt für Gesundheit (BAG) im Rahmen der Umsetzung der schweizerischen Integrationspolitik ein Informationsportal im Internet, auf dem leicht verständliche Gesundheitsinformationen in diversen Sprachen der Migrationsbevölkerung in der Schweiz zur Verfügung stehen (www.migesplus.ch). Damit soll der Zugang zu Gesundheitsinformationen für vulnerable Gruppen erleichtert werden.
Darüber hinaus sind in erster Linie die Kantone zuständig für die Umsetzung konkreter Massnahmen und Angebote. Der Bundesrat begrüsst denn auch die Initiative des Kantons Zürich, der 2018 das Programm Gesundheitskompetenz Zürich lanciert hat, welches mit Praxisprojekten und Kampagnen einen Beitrag zur Stärkung der Gesundheitskompetenz der Zürcher Bevölkerung und der Gesundheitsversorger leisten will.
Auf nationaler Ebene sind diverse Organisationen und Leistungserbringer aus dem Gesundheitswesen in der Allianz Gesundheitskompetenz zusammengeschlossen, in der auch das BAG aktiv mitarbeitet. Die Allianz organisiert Tagungen, unterstützt Projekte und veröffentlicht Publikationen zum Thema Gesundheitskompetenz.
2./4. Aktuell sind vonseiten des Bundes keine allgemeinen Kampagnen zum Thema Fehl- und Überversorgung vorgesehen. Im Rahmen der Strategie Antibiotikaresistenzen wurde jedoch eine öffentliche Kampagne zur korrekten Verwendung von Antibiotika lanciert. Der Bundesrat begrüsst zudem Aktivitäten Dritter wie das in der Interpellation erwähnte Beispiel von "Smarter Medicine - Choosing Wisely Switzerland", welche unter anderem zum Ziel hat, die öffentliche Diskussion über Fehl- und Überversorgung in der Medizin zu fördern. Der Bundesrat hat aber momentan nur in begrenztem Masse (auf der Basis von Art. 5 Abs. 2 des Konsumenteninformationsgesetzes) die Möglichkeit, solche Aktivitäten auch finanziell zu unterstützen.
3. Der Schwerpunkt des zweiten Massnahmenpakets zur Entlastung der obligatorischen Krankenpflegeversicherung liegt auf der Prüfung von Massnahmen in den Bereichen Arzneimittel, Angemessenheit der medizinischen Versorgung und Verbesserung der Transparenz. Über die genaue Ausgestaltung des zweiten Pakets und der Massnahmen entscheidet der Bundesrat bei Eröffnung der Vernehmlassung Ende 2019.
Antwort des Bundesrates.