20.3405 · Interpellation · 2020-05-06
Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung
Erledigt
Wortlaut
Im Zusammenhang mit der Lancierung des NFP 78 stelle ich dem Bundesrat folgende Fragen:
1. Ist der Bundesrat der Ansicht, dass die Bewältigung der Covid-19-Pandemie lediglich eine Sache des Gesundheitswesens ist oder dass sie praktisch alle Aspekte des individuellen und sozialen Lebens des Menschen betrifft?
2. Könnte sich der Bundesrat vorstellen, das NFP 78 um ein Programm zu ergänzen, das die Geistes- und Sozialwissenschaften in diese Bewältigung einbezieht, nachdem er doch darauf hingewiesen hat, dass die Bekämpfung der Pandemie heute wesentlich vom Verhalten der Bevölkerung abhängt?
3. Werden Expertinnen und Experten aus den Geistes- und Sozialwissenschaften angemessen vertreten sein, wenn es darum geht, die Projektgesuche zu begutachten, die auf die Sonderausschreibung vom März 2020 hin und im Hinblick auf das NFP 78 eingereicht worden sind?
4. Erachtet der Bundesrat den Betrag von 30 Millionen als genügend, mit Blick auf den Umstand, dass in zahlreichen andern Ländern weitaus höhere Beträge für die Forschung in diesem Bereich aufgewendet werden?
Begründung
Im März 2020 wurde eine Sonderausschreibung für Forschungsvorschläge zur Bekämpfung der Covid-19-Pandemie mit einem Volumen von 10 Millionen lanciert. Ende April beauftragte der Bundesrat den Schweizerischen Nationalfonds (SNF) ergänzend dazu, ein nationales Forschungsprogramm zu Covid-19 zu lancieren, im Umfang von 20 Millionen, mit dem Ziel, gesundheitliche Empfehlungen und innovative Lösungen zur Bekämpfung von Covid-19 zu erarbeiten.
Am 3. Mai 2020 haben 17 Professorinnen, Professoren und ehemalige Mitglieder des Forschungsrates des SNF einen offenen Brief zum NFP 78 an die Leitung des SNF gerichtet. In diesem Brief monieren sie, dass diese Forschungsinitiative auf einem "übertrieben engen Krankheits- beziehungsweise Gesundheitsverständnis" beruhe. Und weiter heisst es in dem Brief: "Es handelt sich um Ursachenforschung in einem mehrheitlich bio-medizinischen und technischen Verständnis. Dies ist unter der Akutperspektive nachvollziehbar, nicht aber in einem Systemverständnis. Die aktuelle Situation mit das Sozialleben stark einschränkenden Massnahmen und deren Folgen machen deutlich, dass die Pandemie eine deutlich umfassendere Dimension beinhaltet. Geistes- und Sozialwissenschaften -Anthropologie, Geschichte, Ökonomie, Politikwissenschaften, Psychologie, Rechtswissenschaften, Soziologie etc. - müssen deshalb unbedingt in die Beforschung der Ursachen, Prozesse, Wahrnehmungsmuster und -verzerrungen, sowie kurz- und langfristigen Folgen der Pandemie einbezogen werden, um einem umfassenden systemischen Wissenschaftsverständnis zu genügen."
Stellungnahme des Bundesrates
Der Bundesrat ist sich bewusst, dass die Covid-19-Pandemie wesentliche Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft hat. Die Forschung zu solchen Fragen wird dazu beitragen, die Auswirkungen besser zu verstehen. Als erste Reaktion und dringendste Massnahme zur Bekämpfung der Pandemie hat der Schweizerische Nationalfonds (SNF) im März 2020 eine "Sonderausschreibung Coronaviren" durchgeführt. Von den 284 eingereichten Projekten wurden 271 begutachtet und davon 22 Projekte aus der Biomedizin, 10 Projekte aus den Sozial- und Geisteswissenschaften und 4 Projekte aus den MINT-Disziplinen genehmigt (Fördervolumen 10 Millionen Franken). Die Ausschreibung deckt auch künftige Pandemien und sozial- und geisteswissenschaftliche Fragestellungen ab. Ergänzend zu dieser Sonderausschreibung hat der SNF im Auftrag des Bundesrates das Nationale Forschungsprogramm "NFP 78 Covid-19" Ende April 2020 ausgeschrieben. Damit sollen nationale und internationale Erkenntnisse und Forschungskompetenzen gebündelt werden (Fördervolumen 20 Millionen Franken; Forschungszeit 2 Jahre). Das NFP 78 hat die biomedizinische und klinische Forschung im Fokus, um dringende Fragen zur Früherkennung, Übertragbarkeit, Wirkung, Prävention sowie Behandlung von Covid-19-Viruserkrankungen besser verstehen und die Corona-Pandemie mit gezielten Massnahmen angehen zu können. Von den 190 eingereichten Gesuchen sind neben dem Bereich Life Sciences auch die Sozial- und Geisteswissenschaften und der MINT-Bereich vertreten. Die Evaluationsergebnisse des NFP 78 liegen bis zum heutigen Zeitpunkt noch nicht vor. Zusätzlich zu den beiden Ausschreibungen beteiligen sich auch Hochschulen und Forschungsstätten mit ordentlichen Mitteln und Drittmitteln an der Erforschung der Corona-Pandemie in all ihren Facetten. Wie hoch die dafür in der Schweiz eingesetzten Mittel insgesamt sind, lässt sich heute nicht feststellen.
1./2. Der Bundesrat hat das NFP 78 auf 24 Monate befristet. Er müsste bei Bedarf über eine inhaltliche Erweiterung oder Verlängerung beschliessen. Dabei ist festzuhalten, dass Forschungsprojekte zu Einzelthemen im Rahmen der regulären Projektförderung des SNF immer eingereicht werden können.
3. Alle Forschungsgesuche werden nach SNF-Standards unter Einbezug von internationalen Expertinnen und Experten aus den jeweiligen Fachbereichen evaluiert.
4. Das Engagement der Schweiz an europäischen und internationalen Programmen ist bei weitem grösser als vom Interpellant suggeriert. So etwa ist die Schweiz mit Forschergruppen an der ersten abgeschlossenen von insgesamt drei Horizon 2020-Ausschreibungen zu Covid-19 sowie im Rahmen der multilateralen Zusammenarbeit an der Coalition for Epidemic Preparedness Innovations (CEPI, 10 Millionen) und der Strategie "R&D Blueprint" der WHO für Covid-19 (2,5 Millionen) beteiligt.
Zusätzlich fördert die Schweiz mit 60 Millionen Franken die Entwicklung und Bereitstellung von Diagnostika, Therapien und Impfstoffen für Covid-19: 30 Millionen für die in Genf ansässige internationale Impfallianz "Gavi", die andere Hälfte geht an das Therapeutics Accelerator Programm und die Stiftungen "Wellcome Trust" und die "Foundation for Innovative New Diagnostics FIND", die den Zugang zu Diagnostika und Therapien für Covid-19 in Entwicklungsländern fördern.
Antwort des Bundesrates.