21.3040 · Postulat · 2021-03-02
Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung
Erledigt
Wortlaut
Der Bundesrat wird beauftragt, in einem Bericht aufzuzeigen, wie mithilfe eines verstärkten Engagements der öffentlichen Hand zugunsten der Weiterbildung und der Berufsbildung neue berufliche Perspektiven in Brachen, die einen Strukturwandel durchlaufen, geschaffen werden können.
Begründung
Der ökologische Wandel bringt Arbeitsplätze in bestimmten Industrie- und Dienstleistungssektoren zum Verschwinden, ermöglicht aber gleichzeitig auch den Aufschwung neuer Berufe in Zusammenhang mit einer nachhaltigeren Wirtschaft. Dies geht aus dem Bericht der Internationalen Arbeitsorganisation (IAO) aus dem Jahr 2018 hervor. Diese Studie zeigt einen Faktor auf, der sehr wichtig ist, damit der ökologische Wandel zur Schaffung von Arbeitsplätzen führt: eine wirksame und gezielte berufliche Umschulung. Dazu sind ein langfristiger Plan und eindeutige Zahlen notwendig, um so die aktuellen und künftigen Bedürfnisse der Wirtschaft zu bestimmen und die Mittel für die (Um-)Schulung von Tausenden von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern zu planen. In der Schweiz besteht kein solcher Plan. Gleichzeitig vertieft die Digitalisierung den Graben zwischen der alten Produktionswirtschaft und der neuen digitalen Wirtschaft. Dabei bleiben die Mitarbeitenden aufgrund der fehlenden Möglichkeiten, sich in diesen neuen Berufszweigen auszubilden oder (neu) zu qualifizieren, auf der Strecke. Gemäss einer Studie des McKinsey Global Institute verschwindet in der Schweiz bis 2030 eine Million Arbeitsplätze aufgrund der Digitalisierung.
Heute hat ungefähr ein Viertel der Bevölkerung eine Weiterbildung gemacht, aber es sind noch keine erfolgreichen Instrumente (im Rahmen der Arbeitslosigkeit oder Ausbildungsbeihilfen) vorhanden, um eine schnelle und wirksame berufliche Umschulung zu ermöglichen. Es mangelt an finanziellen Mitteln und an detaillierten Studien über die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes.
Diese Verschwendung von Arbeitskräften könnte vermieden werden, indem im Voraus Massnahmen getroffen werden, die die berufliche Umschulung oder Neu-Qualifizierung vereinfachen. Ich beauftrage daher den Bundesrat:
- eine Arbeitsmarktanalyse zu erstellen, die die neuen Perspektiven aufzeigt, die dieser Strukturwandel mit sich bringt.
- einen Bericht vorzulegen, der die Massnahmen erläutert, die bereits bestehen oder zur Unterstützung der beruflichen Umschulung noch einzuführen sind; konkret soll der Bundesrat die Möglichkeit prüfen, ein Umschulungsstipendium zu schaffen für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Branchen, die mit massiven Streichungen von Arbeitsplätzen konfrontiert sein werden, das es ihnen ermöglicht, sich in den Berufen der Zukunft auszubilden und zu integrieren.
Antrag des Bundesrates
Der Bundesrat beantragt die Ablehnung des Postulates.
Stellungnahme des Bundesrates
Der Bundesrat hat sich verschiedentlich, zuletzt im Rahmen des Berichts "Auswirkungen der Digitalisierung auf Beschäftigung und Arbeitsbedingungen - Chancen und Risiken", mit den Auswirkungen des strukturellen Wandels auf den Arbeitsmarkt beschäftigt. Er geht davon aus, dass es auch künftig zu einem gesamtwirtschaftlichen Beschäftigungsanstieg kommt. Mögliche Auswirkungen auf einzelne Branchen sind aber, wie strukturelle Veränderungen generell, schwer prognostizierbar.
Die Aus- und Weiterbildung von Fachkräften liegt im ureigenen Interesse der Wirtschaft. Die Unternehmen sichern sich so ihren Berufsnachwuchs und stellen zugleich sicher, dass die Angestellten ihr Fachwissen weiterentwickeln können. Die Vermittlung beruflicher Qualifikationen erfolgt in einem fein abgestimmten System aus eidgenössischen Bildungsabschlüssen (formale Bildung auf Sekundarstufe II und Tertiärstufe), rasch anpassungsfähiger, berufsorientierter Weiterbildung (Kurse, Seminare; nicht-formale Bildung) und informellem Lernen (on the job, Fachliteratur). In der Berufsbildung sind die Organisationen der Arbeitswelt für die Definition der Bildungsinhalte zuständig. Bildungsangebote sind dadurch auf die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes abgestützt. Alle beruflichen Grundbildungen werden auf Initiative der Wirtschaft entwickelt und mindestens alle fünf Jahre auf wirtschaftliche, technologische, ökologische und didaktische Entwicklungen hin überprüft und angepasst. Auch die Bildungsangebote und Abschlüsse der höheren Berufsbildung werden regelmässig überprüft und an neue Entwicklungen angepasst. Zudem ist das Angebot an berufsorientierter Weiterbildung riesig. Neue Angebote können rasch installiert werden.
Die Berufsbildung zeichnet sich durch Arbeitsmarktorientierung und Anpassungsfähigkeit aus. Unternehmen und Individuen sind so in der Lage, sich an veränderte Umstände fortlaufend anzupassen (bspw. im Bereich nachhaltige Wirtschaft oder Digitalisierung). Die Beteiligung der Bevölkerung in der Schweiz an Weiterbildung ist europaweit eine der höchsten. Grund dafür ist, dass die Unternehmen die Aus- und Weiterbildung stark unterstützen. Zudem stehen diverse Fonds für die Finanzierung von Weiterbildungen zur Verfügung (Branchen, Gesamtarbeitsverträge, Kantone).
Dank des durchlässigen Bildungssystems sind Wechsel in der Tätigkeit und lebenslanges Lernen gut möglich. Die Berufsbildung vermittelt zudem ein breites Set an Kompetenzen. Einzelne dieser Kompetenzen können durch den Strukturwandel zwar obsolet werden. Viele Kompetenzen sind aber weiterhin nutzbar und können mit neuen Kompetenzen, auch on the job, ergänzt werden. Zeitintensive Umschulungen in Berufe mit völlig anderen Kompetenzen sind selten.
Bund und Kantone tragen dazu bei, dass sich Personen ihren Fähigkeiten entsprechend weiterbilden können. Der Bund fördert beispielsweise die Grundkompetenzen Erwachsener. In der BFI-Periode 2021-2024 stehen dafür knapp 43 Millionen Franken zur Verfügung. Zudem werden in der höheren Berufsbildung seit Anfang 2018 die Teilnehmenden vorbereitender Kurse für eidgenössische Berufs- und höhere Fachprüfungen finanziell entlastet. Ausserdem hat der Bundesrat im Rahmen der Förderung des inländischen Arbeitskräftepotenzials eine kostenlose Standortbestimmung, Potentialabklärung und Laufbahnberatung für Erwachsene über 40 Jahre beschlossen (Pilotprojekt 2021 in elf Kantonen; ab 2022 gesamtschweizerisch).
Das Berufs- und Weiterbildungssystem in der Schweiz ist auf Wandel ausgelegt. Das Bildungssystem bietet sowohl Möglichkeiten für Weiterbildung wie auch für Umschulungen. Die entsprechenden Bildungsgefässe sind vorhanden und werden von den Verbundpartnern laufend weiterentwickelt. Der Bundesrat sieht deshalb keinen zusätzlichen Handlungsbedarf.
Der Bundesrat beantragt die Ablehnung des Postulates.