22.3352 · Motion · 2022-03-18
Departement des Innern
Erledigt
Wortlaut
Der Bundesrat wird beauftragt, ein neues nationales "Tinguely-Programm" zu lancieren, das den Austausch zwischen Stadt und Land fördert. Das Programm soll im Rahmen der Schweizerischen Strategie Austausch und Mobilität von Bund und Kantonen umgesetzt werden, wobei die nationale Agentur Movetia die operative Verantwortung trägt. Bei der Umsetzung des Programms sind die Gemeinden miteinzubeziehen.
Begründung
Für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die direkte Demokratie in der Schweiz ist das gegenseitige Verständnis von Stadt und Land essentiell. In jüngster Zeit wird der Gegensatz zwischen städtischen und ländlichen Regionen verstärkt wahrgenommen. Gemäss dem "Stadt-Land-Monitor 2021" empfindet ein Grossteil der Schweizer Bevölkerung diesen Gegensatz als relevant. Zudem weist die Studie ein gesellschaftliches Bedürfnis für Massnahmen zur Verbesserung des Stadt-Land-Verhältnisses aus. Austausch und Mobilität innerhalb der Schweiz sind wichtig für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Bestehende Programme legen heute aber keinen Fokus auf den Austausch zwischen Stadt und Land. Der Bundesrat wird daher beauftragt, die Konzeption und Umsetzung eines neuen Programms einzuleiten, das diese Lücke schliesst. Als Grundlage dient die Schweizerische Strategie Austausch und Mobilität von Bund und Kantonen. Darin ist festgehalten, dass insbesondere der Bund den Binnenaustausch verstärkt und geeignete nationale Programme schafft. Das Programm könnte nach dem schweizweit bekannten Künstler Jean Tinguely benannt werden, der mit seiner Biografie exemplarisch für die Brücke zwischen Stadt und Land steht.
Primäres Ziel des Programms ist es, Jugendlichen vom Land Erfahrungen in der Stadt und Jugendlichen aus städtischen Gebieten Erfahrungen auf dem Land zu ermöglichen. Zielgruppe sind primär Jugendliche auf den Sekundarstufen I und II. Die Austausche fördern praktische Erfahrungen, zum Beispiel in Form von Volontariaten oder Projektwochen. In diesem Rahmen sollen teilnehmende Individuen und Gruppen persönliche Kontakte auf dem Land respektive in der Stadt knüpfen können. Es obliegt der Agentur Movetia, unter Miteinbezug der Schweizer Gemeinden entsprechende Angebote auszuarbeiten und damit dazu beizutragen, Vorurteile zwischen Stadt und Land abzubauen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken.
Antrag des Bundesrates
Der Bundesrat beantragt die Ablehnung der Motion.
Stellungnahme des Bundesrates
Der Bundesrat fördert den Austausch und die Mobilität von Jugendlichen in der Schweiz aktiv und anerkennt damit deren Beitrag zur Stärkung des nationalen Zusammenhalts sowie zur Verständigung zwischen den kulturellen und sprachlichen Gemeinschaften. Sowohl der Bund als auch die Kantone engagieren sich diesbezüglich auf der Grundlage der 2017 verabschiedeten Strategie für Austausch und Mobilität. Diese gemeinsame Strategie ermöglicht nicht nur die Förderung des Austauschs und der damit einhergehenden positiven Auswirkungen, sondern steckt auch den Rahmen für die Zusammenarbeit und Koordination zwischen Bund, Kantonen und den anderen Akteuren dieses Bereichs. All diese Akteure unterstützen bereits zahlreiche Angebote für den Austausch zwischen Stadt und Land.
Auf ausserschulischer Ebene werden aktuell verschiedene Austauschmöglichkeiten angeboten, wie z. B. Freiwilligenarbeit in einer anderen Sprachregion, Leben in einer anderen Familie oder die Teilnahme an Projekten, die auf dem Land, in den Bergen oder in der Stadt stattfinden können. Junge Menschen, die Freiwilligenarbeit auf dem Land leisten möchten, finden zahlreiche Angebote, insbesondere auf der Plattform des Vereins Agriviva. Um das städtische wie auch das ländliche Leben kennenzulernen, können junge Menschen Au-Pair-Erfahrungen machen, wie sie beispielsweise von der Dachorganisation Pro Filia angeboten werden. Beide Organisationen erhalten auf der Grundlage von Artikel 7 Absatz 2 des Kinder- und Jugendförderungsgesetzes (KJFG; SR 446.1) für ihre regelmässigen Aktivitäten bereits Unterstützung vom Bund.
Der Austausch wird auch in der Schule gefördert. Movetia bietet mit Unterstützung des Bundes zahlreiche Möglichkeiten für Klassenaustausche oder individuelle Austausche während der Ferien an. Obwohl die Förderung der Landessprachen im Zentrum dieser Angebote steht, haben Lehrpersonen über die Plattform match&move von Movetia die Möglichkeit, bei der Auswahl der Austauschklassen auch das Stadt-Land-Kriterium zu berücksichtigen. Für Schulen bestehen zudem weitere Projekte, die von Kantonen oder privaten Organisationen ins Leben gerufen wurden. Dazu zählt beispielsweise die Initiative "Schule auf dem Bauernhof", eines der zahlreichen Projekte des Schweizerischen Bauernverbands.
Angesichts dieser zahlreichen Initiativen ist der Bundesrat der Ansicht, dass ein neues nationales Programm zur Förderung des Austauschs zwischen Stadt und Land nicht notwendig ist.
Der Bundesrat beantragt die Ablehnung der Motion.