22.4405 · Interpellation · 2022-12-14
Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung
Erledigt
Wortlaut
Gemäss Agroscope Bericht (112/2021) hat die Anwendung von Pflanzenkohle (PK) in der Landwirtschaft ein grosses Potential den Klimawandel zu verlangsamen, indem Kohlenstoff langfristig im Boden gebunden wird. Diese Technik könnte einen erheblichen Beitrag zur Erreichung der Schweizer Klimaziele leisten. Zudem soll der Einsatz von PK Nährstoffkreisläufe (insbesondere Stickstoff) im Boden positiv beeinflussen, gasförmige Emissionen (Lachgas, Ammoniak) und die Auswaschung von Phosphat und Nitrat ins Grundwasser reduzieren und die Wasserspeicherfähigkeit erhöhen. Allerdings sind diese positiven Effekte stark abhängig von der Art der PK und ihrem korrekten Einsatz, sowie dem Boden auf dem sie angewendet wird. So ist beispielsweise noch kein optimaler Aktivierungsprozess identifiziert und in der Schweiz sind gemäss Agroscope Bericht bisher nur wenige Maschinen verfügbar, die den gemäss aktuellem Forschungsstand idealen Einsatz von PK (Unterflurdüngung) effizient ermöglichen.
Vor diesem Hintergrund bitte ich den Bundesrat, folgende Fragen zu beantworten:
1. Wie wird das Potential von PK zur Bodenverbesserung und als CO2-Senke in der Schweiz eingeschätzt?
2. Werden dabei auch Entwicklungen auf europäischer Ebene (CO2-Zertifikate, Liberalisierung der Ausgangsmaterialien zur PK-Herstellung) berücksichtigt und umfassende Betrachtungen der ökologischen und ökonomischen Nachhaltigkeit (optimale Nutzung der natürlichen Ressource Biomasse: ist die Verkohlung in grossem Massstab sinnvoll oder werden Nährstoffe verschwendet) einbezogen? Könnte das Potential in der Schweiz besser genutzt werden (Förderprogramm)?
3. Erste Forschungsprojekte (AgroCO2ncept, "Recycle4Bio", "Black goes Green"), die die agronomische und ökologische Wirkung von PK untersuchten, wurden bereits durchgeführt bzw. laufen aktuell. Genügt die Datenbasis, um Aussagen zur Wirkung von PK auf Bodenqualität und als CO2-Senke zu tätigen? Falls nicht, gibt es Bestrebungen, diese Datenlücken mit zusätzlichen Forschungsprojekten zu füllen?
4. Zentral für den sinnvollen und effektiven Einsatz von PK im Boden ist die korrekte Anwendung in der Landwirtschaft. Wie kann sichergestellt werden, dass Schweizer Landwirt:innen diesbezüglich aus- und weitergebildet werden? Wie wird sichergestellt, dass unsachgemässe Herstellung und Einsatz von Pflanzenkohle minimiert werden?
Stellungnahme des Bundesrates
1. Pflanzenkohle kann als biologische Kohlenstoffsenke einen Beitrag zur Verminderung des Klimawandels leisten, das Potential in der Schweiz ist jedoch beschränkt. Schätzungen sind mit grossen Unsicherheiten verbunden und schwanken zwischen 0.14 und 1.16 Mt CO2-Aquivalenten pro Jahr. Auf Schweizer Böden ist nicht mit einer generellen Erhöhung der Erträge durch die Ausbringung von Pflanzenkohle zu rechnen, da Ackerflächen in der Schweiz gut mit Nährstoffen versorgt sind und eine gute Nährstoffrückhaltekapazität aufweisen.
2. Die Schweiz war das erste europäische Land, welches eine Regelung zu Pflanzenkohle im Rahmen der Dünger-Verordnung (DüV SR 916.171) eingeführt hat. In der kommenden Totalrevision dieser Verordnung ist vorgesehen, die Regelung auf 2024 hin der europäischen Düngemittelverordnung (EU) 2019/1009 anzugleichen, wobei die bis anhin geltenden strengen Grenzwerte bezüglich potentieller Schadstoffe beibehalten werden sollen. Die Vernehmlassung der neuen Düngerverordnung erfolgt im Frühling 2023. Die Wirtschaftlichkeit der Pflanzenkohleproduktion kann nur durch die Kombination aus dem Erlös des Kohleverkaufs und der energetischen Nutzung der Abwärme aus dem Pyrolyseprozess erreicht werden. Die Produktion einzig zum Erhalt von CO2-Zertifikaten lohnt sich wirtschaftlich nicht. Umfassende Langzeitstudien zur Berücksichtigung aller ökonomischer und ökologischer Aspekte fehlen derzeit. Von einer grossflächigen Ausbringung von Pflanzenkohle auf Ackerflächen wird aktuell abgeraten, da die Langzeitwirkungen auf Schweizer Böden zu wenig erforscht sind. Zudem könnte eine Subventionierung der Pflanzenkohle zur Herstellung von Biomasse anstatt Nahrungsmitteln auf der landwirtschaftlichen Nutzfläche führen und widerspräche der Biomassestrategie der Schweiz. Der Bundesrat plant daher derzeit kein Förderprogramm.
3. Um die Wissenslücken zum Potential und der Wirkung von Pflanzenkohle auf Schweizer Böden zu verringern, wurden bereits weitere Forschungsprojekte wie i) eine "Potentialstudie zur Pyrolyse von Hofdüngern in der Schweiz" (Ithaka-Institut) und ii) der "Einfluss von Pflanzenkohle auf den Nährstoffkreislauf und die Wirkung beim Tier" (FiBL) durch das BLW finanziert. Die Klimastrategie Landwirtschaft und Ernährung sowie der Bericht in Erfüllung des Postulats 19.3639 Bourgeois "Kohlenstoffsequestrierung in Böden" werden momentan erarbeitet. Sie werden auch darauf eingehen, ob weiterer Forschungsbedarf im Bereich Pflanzenkohle besteht.
4. Die Problematik der unsachgemässen Herstellung und Verwendung von Pflanzenkohle wird in einem gemeinsamen Faktenblatt der Bundesämter für Landwirtschaft und Umwelt und von kantonalen Vertretern der Gruppe CercleSol thematisiert. Das Faktenblatt ist auf der Internetseite www.bafu.admin.ch > Themen > Klima > Fachinformationen > CO2-Entnahme und Speicherung abrufbar und richtet sich vor allem an kantonale Stellen und landwirtschaftliche Berater. Agridea widmet sich zudem in einem Arbeitskreis der sachgemässen Herstellung und Anwendung von Pflanzenkohle in der Landwirtschaft.
Antwort des Bundesrates.