Ist die staatlich subventionierte Tourismuswerbung mit den Nachhaltigkeitszielen vereinbar?
24.4145 · Interpellation · 2024-09-26
Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung
Stellungnahme zum Vorstoss liegt vor
Wortlaut
Wie hat sich die Zahl der internationalen Ankünfte in den letzten 25 Jahren entwickelt?
Wie hat sich in diesem Zeitraum der Anteil der Tourist:innen aus Fernmärkten (ausserhalb Europas) an allen ausländischen Besucherinnen und Besucher entwickelt?
Wie wird sich der Anteil der Tourist:innen von Fernmärkten an den gesamten internationalen Ankünften gemäss Prognosen entwickeln?
Schweizer Tourist:innen und solche aus dem naheliegenden Ausland besuchen häufiger auch touristische Orte abseits der Hotspots. Tourist:innen aus Fernmärkten wollen grossmehrheitlich die meist überlaufenen Hotspots besuchen, ist es sinnvoll gerade bei diesem Besucher:innensegment Werbung zu betreiben?
Würde der Verzicht auf Werbung in Fernmärkten dazu führen, dass die Gesamtzahl der internationalen Tourist:innen sinken würde?
Erachtet der Bundesrat es als aus ökologischer Sicht für sinnvoll, Geld in die Bewerbung von Fernmärkten zu investieren und damit zusätzliche Langstreckenflüge auszulösen?
Wie rechtfertigt der Bundesrat die Subvention einer ohnehin boomenden Branche?
Begründung
Die Förderung von Fernreisen aus Überseemärkten führt zu einem signifikanten Anstieg des CO₂-Ausstosses durch Langstreckenflüge. Angesichts der globalen Klimakrise muss die Schweiz ihre Verantwortung wahrnehmen und sich für eine Reduktion von Emissionen einsetzen. Es stellt sich deshalb die Frage, inwiefern es sinnvoll ist, in die Bewerbung von Fernmärkten zu investieren.
Der Overtourismus wird an immer mehr Orten zum Problem. Die sehr zahlungskräftige Kundschaft insbesondere aus den USA verdrängen zunehmend die Schweizer Kundschaft und verteuern deren Ferien und Ausflüge (bspw. Skiferien) erheblich. Es stellt sich deshalb die Frage, inwiefern eine zusätzliche Bewerbung von Fernmärkten aus sozialer, volkswirtschaftlicher und insbesondere ökologischer Sicht sinnvoll sind.
Stellungnahme des Bundesrates
1. In der Schweiz wird die Tourismusnachfrage anhand der Beherbergungsstatistik gemessen. Diese erfasst die Ankünfte der Gäste pro Hotel und nicht für die Schweiz als Land. Aufgrund dessen analysiert der Bundesrat die Tourismusnachfrage in der Regel anhand der Hotellogiernächte. Die Zahl der Hotellogiernächte der internationalen Gäste ist in den letzten 25 Jahren, das heisst zwischen 1998 bis 2023, um insgesamt 10 Prozent gestiegen.
2. Der Anteil der Gäste aus Fernmärkten (Märkte ausserhalb Europas) an allen ausländischen Gästen, gemessen anhand der Hotellogiernächte, ist von 25 Prozent im Jahr 1998 auf 42 Prozent im Jahr 2023 gestiegen.
3. Gemäss den Prognosen, die von BAK Economics im Auftrag des SECO erstellt werden, ist davon auszugehen, dass der Anteil der Gäste aus Märkten ausserhalb Europas an allen internationalen Gästen in den kommenden drei Jahren ansteigen wird.
4. Gäste, die zum ersten Mal in die Schweiz reisen, besuchen unabhängig von ihrer Herkunft tendenziell zuerst die bekannten Tourismusorte. Diese Gäste reisen aber kaum ausschliesslich an diese Orte, sondern besuchen im Rahmen derselben Reise auch weniger bekannte Orte. Für die Bedeutung der Fernmärkte für den Schweizer Tourismus wird auf die Stellungnahme des Bundesrats zur Motion 22.3788 verwiesen. Gäste aus den Fernmärkten buchen mit erheblichem zeitlichem Vorlauf, was den Leistungsträgern Planungssicherheit gibt. Und sie reisen während des ganzen Jahres, d.h. auch in den Nebensaisons, und ermöglichen den Leistungsträgern dadurch oft einen Ganzjahresbetrieb und sichern so wertvolle Ganzjahresarbeitsplätze.
5. Die Wirkungsmessung von Schweiz Tourismus (ST) zeigt, dass die Marketingaktivitäten von ST Reiseziele und Übernachtungsentscheide bei rund 14 Prozent der Übernachtungen in der Schweizer Hotellerie und Parahotellerie beeinflusst haben. Der Verzicht auf Werbung in den Fernmärkten dürfte deshalb zu einem Rückgang der entsprechenden Gäste und sehr wahrscheinlich auch zu einem Rückgang der internationalen Gäste insgesamt führen.
6. Der Bundesrat erachtet die Bewerbung von Fernmärkten durch ST, die explizit einen Schwerpunkt bei der nachhaltigen Tourismusentwicklung setzt, als sinnvoll. Die durchschnittlichen Tagesausgaben der Gäste aus den Fernmärkten sind im Vergleich zu denjenigen der übrigen Gäste deutlich höher und sorgen insgesamt für 28,6 Prozent des touristischen Gesamtumsatzes. Zudem ist festzuhalten, dass ST darauf hinwirkt, die Aufenthaltsdauer der Gäste – insbesondere der Gäste aus den Fernmärkten – zu verlängern. Damit werden die negativen Auswirkungen auf die Umwelt pro Gast und Logiernacht reduziert.
7. ST unterstützt die Tourismusakteure dabei, ausländische Märkte zu bewerben oder neue Märkte zu erschliessen – eine Aufgabe, welche die wenigsten Tourismusakteure eigenständig erfüllen könnten. Zudem übernimmt ST für den Schweizer Tourismus eine wichtige Führungsfunktion und ist Impuls- und Taktgeber, gerade im Bereich der nachhaltigen Tourismusentwicklung. Der Bundesrat hat am 20. September 2024 auf Basis der durchgeführten Aufgaben- und Subventionsüberprüfung indes beschlossen, den Bundesbeitrag an ST um 20 Prozent zu reduzieren.