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Zusammenhang zwischen Suizid und häuslicher Gewalt. Kenntnisstand und Nachverfolgung in der Schweiz

26.3106 · Interpellation · 2026-03-12

Departement des Innern

Stellungnahme zum Vorstoss liegt vor

Wortlaut

Jüngste Untersuchungen in Kent und Medway (Vereinigtes Königreich), die auf einer Echtzeitüberwachung von Suizidfällen in Verbindung mit polizeilichen Daten zu häuslicher Gewalt basieren, legen nahe, dass ein grosser Teil der Suizide durch Gewalt «beeinflusst» wird, insbesondere durch Gewalt in der Partnerschaft und Zwangskontrolle. Die Ergebnisse haben die Debatte über die unzureichende Erfassung von Suiziden im Zusammenhang mit Gewalt sowie über mangelnde gezielte Präventionsmassnahmen neu entfacht.

In der Schweiz gibt es detaillierte Statistiken zum Thema Suizid (Bundesamt für Statistik), doch scheinen Kontextfaktoren wie häusliche Gewalt nur begrenzt systematisch dokumentiert zu sein. Ein besseres Verständnis der Zusammenhänge zwischen Gewalt, psychischer Abhängigkeit und Suizid könnte jedoch die Prävention und Erkennung von Risikosituationen verbessern.

Ich stelle dem Bundesrat folgende Fragen:

  1. Verfügt der Bund über Daten, anhand derer sich der Anteil der Suizide in der Schweiz ermitteln lässt, die mit häuslicher Gewalt oder Zwangskontrolle zusammenhängen?

  2. Gibt es auf Bundes- oder Kantonsebene Quervergleiche zwischen Selbstmordstatistiken, Polizeidaten und Meldungen über häusliche Gewalt?

  3. Ist der Bundesrat der Ansicht, dass die derzeitigen Überwachungsmethoden Suizide im Zusammenhang mit Gewalt angemessen erfassen, oder besteht die Gefahr einer Unterschätzung, von der in einigen internationalen Studien die Rede ist?

  4. Sind Pilotprojekte oder Empfehlungen geplant, um die Erhebung interdisziplinärer Daten (Gesundheit, Justiz, Polizei, Sozialdienste) zu den Kontextfaktoren von Suiziden zu verbessern?

  5. Beabsichtigt der Bundesrat, die Prävention häuslicher Gewalt ausdrücklich in die nationale Strategie zur Suizidprävention einzubinden, insbesondere im Hinblick auf die Ausbildung von Fachpersonen und die Früherkennung?

Mit der Antwort auf diese Fragen liesse sich beurteilen, ob die aktuellen Instrumente ausreichen, um einen potenziell wichtigen, jedoch noch wenig dokumentierten Risikofaktor zu erfassen.

Stellungnahme des Bundesrates

1. und 2. Anhand der Daten, die den Statistiken des Bundesamtes für Statistik (BFS) zugrundeliegen, lässt sich nicht ermitteln, welche Suizidfälle mit häuslicher Gewalt zusammenhängen. Folglich sind dazu keine bivariaten Analysen möglich. Verfügbar sind einerseits die Daten der Todesursachenstatistik im Gesundheitsbereich und andererseits die im Rahmen der polizeilichen Kriminalstatistik veröffentlichten Daten zur häuslichen Gewalt. Bei Letzterer müssen dem BFS jedoch allfällige Suizide nicht gemeldet werden. Die Statistik berücksichtigt hier lediglich die polizeilich registrierten Verstösse gegen das Strafgesetzbuch sowie allfällige beschuldigte Personen. 3. Grundsätzlich ist von einer Unterschätzung der Anzahl Suizide auszugehen. Gemäss dem im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit 2020 erstellten Bericht «Routinedaten zu Suiziden und Suizidversuchen in der Schweiz – Ist-Analyse und Identifizierung von Verbesserungspotenzial» sind der Grossteil der Suizide leicht durch die todesfeststellenden Ärztinnen und Ärzte zu erkennen. Unsicherheiten gibt es aber bei tödlichen Verkehrsunfällen, Ertrinken oder Vergiftungen. Häusliche Gewalt wurde in dem Bericht nicht speziell identifiziert. 4. Der erwähnte Bericht enthält Empfehlungen für die Optimierung der Daten zu Suiziden, unter anderem auch die Schulung von todesfeststellenden Ärztinnen und Ärzte. Aufgrund fehlender Ressourcen wurden diese aber nicht systematisch weiterverfolgt. 5. Häusliche Gewalt ist als Risikofaktor für Suizide bekannt, wie der Nationale Aktionsplan Suizidprävention (2016) festhält. Es wird empfohlen die Themen Suizid-, Gewalt- und Suchtprävention in der Früherkennung und Frühintervention zu vereinen. Dieser Ansatz wird in den Aktivitäten des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) zur Früherkennung und Frühintervention im Rahmen der Strategien Prävention nicht-übertragbare Krankheiten und Sucht umgesetzt. Zur Unterstützung der Akteurinnen und Akteure informiert die online-Plattform des BAG www.bag-blueprint.ch über Gesundheitsprojekte zu Suizidprävention sowie häusliche Gewalt und Gewalt an Frauen.