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Zunahme der Parkinson-Erkrankungen und mögliche Zusammenhänge mit Pestiziden

26.3358 · Interpellation · 2026-03-20

Departement des Innern

Erledigt

Wortlaut

Die Parkinson-Krankheit gehört zu den häufigsten neurodegenerativen Erkrankungen. Auch in der Schweiz nimmt die Zahl der Betroffenen seit Jahren zu. Die Erkrankung führt zu erheblichen Einschränkungen der Lebensqualität und verursacht zunehmende Belastungen für das Gesundheits- und Sozialwesen.

Neben genetischen Faktoren werden in der wissenschaftlichen Literatur zunehmend auch Umweltfaktoren als mögliche Risikofaktoren diskutiert. Verschiedene epidemiologische Studien weisen darauf hin, dass eine chronische Exposition gegenüber bestimmten Pestiziden mit einem erhöhten Risiko für Parkinson verbunden sein könnte, insbesondere bei beruflich exponierten Personen.

Mehrere Wirkstoffe u.a. aus den Gruppen der Herbizide, Fungizide und Insektizide werden in diesem Zusammenhang in der wissenschaftlichen Literatur diskutiert. Einige dieser Wirkstoffe sind auch in der Schweiz zugelassen oder wurden hier eingesetzt.

Gleichzeitig wird im Parlament mit der parlamentarischen Initiative 22.441 («Modernen Pflanzenschutz in der Schweiz ermöglichen») die Übernahme der Produkte auch für Notfallzulassungen aus den Nachbarländern sowie Belgien und den Niederlanden diskutiert.

Vor diesem Hintergrund stellen sich Fragen zur Entwicklung der Parkinson-Erkrankung in der Schweiz, zu möglichen Umweltfaktoren sowie zur Regulierung von Pflanzenschutzmitteln.

Der Bundesrat wird gebeten, folgende Fragen zu beantworten:

  1. Wie hat sich die Prävalenz und Inzidenz der Parkinson-Erkrankung in der Schweiz in den letzten 20 Jahren entwickelt, und wie stellt sich diese Entwicklung im Vergleich zu den Nachbarländern dar?

  2. Wie ist die regionale Verteilung der Parkinson Erkrankungen in der Schweiz?

  3. Welche Erkenntnisse liegen dem Bund zum möglichen Zusammenhang zwischen Pestizidexposition und Parkinson vor, insbesondere bei beruflich exponierten Personen (Landwirtschaft, Baumschulen, Gartenbauämter etc.)?

  4. Welche Wirkstoffe, bei denen wissenschaftlich erwiesen ist, dass sie die Wahrscheinlichkeit Parkinson-Krankheit fördern,

  • waren in der Schweiz zugelassen

  • sind in der Schweiz aktuell zugelassen

  • könnten bei der Umsetzung der pa.Iv. 22.441 (Version SR Beschluss vom 5.3.26) zugelassen werden.

Stellungnahme des Bundesrates

1. und 2. In der Schweiz existiert keine Statistik, in der die Parkinson-Erkrankungen systematisch erhoben werden. Entsprechend verfügt der Bundesrat über keine Daten – weder zur Anzahl der jährlichen Neuerkrankungen noch zur Gesamtzahl der an Parkinson erkrankten Personen (Prävalenz). Es sind somit auch keine Aussagen zu deren regionalen und zeitlichen Entwicklung über die letzten 20 Jahre möglich. Eine epidemiologische Studie aus dem Kanton Genf kam 2018 auf eine Prävalenz von 183 Fällen pro 100 000 Einwohnerinnen und Einwohner. Schätzungen auf Basis dieser Studie gehen für die ganze Schweiz von über 15 000 an Parkinson erkrankten Personen aus. Diese Schätzungen werden auch von der Vereinigung «Parkinson Schweiz» geteilt. Mit dem Alter nimmt die Wahrscheinlichkeit zu, an Parkinson zu erkranken. Auf Grund der demografischen Entwicklung und der längeren Überlebenszeit mit der Krankheit ist deshalb mit einem Anstieg der absoluten Fallzahlen zu rechnen. Von den Nachbarländern verfügt Deutschland über die ausführlichsten Erhebungen zu Parkinson-Erkrankungen. Gemäss Robert Koch-Institut lag 2022 die Prävalenz in Deutschland bei rund 350 Fällen pro 100 000 Einwohnerinnen und Einwohner, in der Altersgruppe der über 65jährigen lag sie gar bei 1 420 Fällen pro 100 000 Einwohnerinnen und Einwohner. Die altersstandardisierte regionale Verteilung weist hingegen kein eindeutiges Muster auf. In Frankreich, Italien und Österreich gibt es wie in der Schweiz keine systematische Erfassung der Erkrankungen. Die Schätzungen zur Prävalenz scheinen sich in Frankreich auf einem vergleichbaren Niveau wie in Deutschland zu bewegen, in Italien und Österreich liegen sie zwischen den in der Schweiz und in Deutschland beobachteten Werten. Ohne systematische Erfassung in den meisten Ländern dürfte ein solcher Vergleich allerdings nur eine begrenzte Aussagekraft haben. Da die Schätzungen für die Schweiz auf älteren Daten basieren und angesichts der Zahlen aus dem nahen Ausland ist es möglich, dass die Zahl der Fälle in der Schweiz tendenziell unterschätzt wird. 3. Verschiedene Untersuchungen (u.a. Langzeitstudie von Paul et al. 2023. «A pesticide and iPSC dopaminergic neuron screen identifies and classifies Parkinson-relevant pesticides». Nat Commun 14, 2803) bestätigen, dass eine langjährige und häufige Exposition gegenüber Pestiziden das Risiko, an einem Parkinsonsyndrom zu erkranken, erhöht. Zu den besonders betroffenen Berufsgattungen zählen insbesondere Landwirtinnen und Landwirte, aber unter Umständen auch Winzerinnen und Winzer, Baumschulisten und -schulistinnen, Gärtner und Gärtnerinnen etc. Im Rahmen des Aktionsplans zur Risikoreduktion und nachhaltigen Anwendung von Pflanzenschutzmitteln wurde vom Seco eine Studie in Auftrag gegeben, welche die Auswirkungen von Pflanzenschutzmitteln auf die Gesundheit der Landwirte untersucht (aufrufbar unter www.seco.admin.ch/studie-gesundheit-landwirte). Die Studie aus dem Jahr 2017 liefert auf Basis internationaler Studien Hinweise, dass gewisse Krebserkrankungen und Schäden des Nervensystems (z.B. Morbus Parkinson) in der Landwirtschaft im Vergleich zu anderen Berufsgruppen häufiger vorkommen. Derzeit führt das Tropen- und Public Health-Institut in Basel eine Studie zu den Auswirkungen von Pflanzenschutzmitteln auf den Menschen durch. 4. Es ist zurzeit nicht klar, welche der chemisch und strukturell unterschiedlichen Pestizide zu einem erhöhten Risiko für eine Parkinson-Erkrankung führen. Das zeigt sich auch daran, dass in Frankreich und Deutschland Parkinson bei beruflich exponierten Personen zwar als Berufskrankheit anerkannt wird. Diese Anerkennung hängt aber nicht von der Exposition durch bestimmte Pestizide ab. Deshalb ist es derzeit nicht möglich, eine vollständige Liste von Wirkstoffen zu erstellen, die Parkinson mitverursachen können.Bisher gibt es nur für die Wirkstoffe Rotenon und Paraquat klare Hinweise auf einen direkten Zusammenhang mit Parkinson. Pestizide mit diesen Stoffen sind in der Schweiz schon länger verboten (Paraquat seit 1989, Rotenon seit 2011). Auch in der Europäischen Union sind diese Stoffe nicht mehr erlaubt. Pflanzenschutzmittel mit diesen Wirkstoffen können somit auch nicht bei der Umsetzung der parlamentarischen Initiative Bregy (22.441) «Modernen Pflanzenschutz in der Schweiz ermöglichen» zugelassen werden.