AB 112980
Teuscher Franziska · Nationalrat · Bern · Grüne Fraktion · 2010-09-30
Wortprotokoll
Im Jahre 1872 ist der Wolf in der Schweiz ausgerottet worden. Damals gab es in der Schweiz gegen 440 000 Schafe. Dann haben wir 123 Jahre nichts mehr vom Wolf gehört, bis 1995 im Wallis wieder ein Exemplar gesichtet worden ist. Heute haben wir immer noch dieselbe Anzahl Schafe wie 1872, und noch immer haben wir heute die gleiche Hysterie in Jäger- und Schäferkreisen.
Ein wichtiger Grund, weshalb wir heute in der Schweiz immer noch so viele Schafe haben, sind unsere Subventionen. Je nach Schätzung geben wir pro Jahr insgesamt zwischen 45 und 100 Millionen Franken für die Schafhaltung aus. Die Schafe sind uns fast noch mehr wert als unsere Jugend. Für "Jugend und Sport" haben wir im Parlament 55 Millionen Franken beschlossen. Tatsache ist, dass die Schafhaltung heute für viele ein Hobby oder ein Nebenerwerb ist.
Was bekommen wir dafür? Die unbehirtete Sömmerung auf Alpweiden führt nachweislich zu grossen ökologischen Schäden. Es gibt Gebiete, in denen durch falsche Schafhaltung sogar grössere Schäden entstanden sind als durch Skipisten. Die unbehirtete Schafhaltung hat auch weitere Nachteile. Die Schafe konkurrenzieren nämlich die Wildtiere hinsichtlich Ernährung und Platz. Das möchte ich all den Jägern hier im Saal mitgeben, die sich immer für den Schutz der Wildtiere einsetzen.
Man muss es immer wieder wiederholen: Jedes Jahr gibt es bis zu zehntausend Abgänge in Schafpopulationen aufgrund fehlender Behirtung, aufgrund von Unfällen und Krankheiten. Aber wehe, wenn ein Wolf ein Schaf frisst. Dann fangen Jäger- und Schäferkreise gleich mit Heulen an. Wenn ich die Anzahl Vorstösse sehe, welche von Parlamentarierinnen und Parlamentariern aus den CVP-Reihen eingereicht worden sind, wage ich zu fragen, ob diese Parlamentarier vielleicht nicht den Wolf mit dem Teufel verwechseln.
Seit 1995 gibt es nun auch wieder Wölfe bei uns in der Schweiz, und die fressen, wo es am einfachsten ist. Ich frage Sie: Was würden Sie tun, wenn Sie ohne Wasser in der Wüste unterwegs wären und plötzlich vor einem Wassertank stehen würden? Würden Sie den Wassertank stehenlassen und weiter suchen, ob es irgendwo ein Restaurant gibt? Welchen Unsinn habe ich in letzter Zeit über Wölfe gelesen, und in dieser Debatte hier ist vorhin auch einiges Unsinnige gesagt worden. Einer von unseren Kollegen hat in einer renommierten Tageszeitung gesagt, man wolle die Haus- und Nutztiere schützen und nicht die Raubtiere, man dürfe auch die Gefahr von Schutzhunden für Wanderer, Touristen, Strahler und Pilzsammler nicht gänzlich abstreiten. Er fügte den Satz hinzu: "Heute Rinder, morgen Kinder". Aber nur im Märchen fressen Wölfe Kinder! Das kennen wir vom Rotkäppchen und von der Grossmutter, die der Wolf gefressen hat.
Aber zurzeit lese ich auch ganz andere Dinge in den Medien. Es war zu lesen von einer Attacke von Nutztieren auf Menschen. Im Solothurner Jura hat eine Kuh einen 79-jährigen Mann angegriffen und schwer verletzt. Müsste man in der Optik derjenigen, die sich jetzt gegen den Wolf wehren, nicht auch unser Konzept für die Nutz- und Haustiere anpassen? Die Leute, die hier am lautesten rufen, dass man jetzt viel rigoroser gegen den Wolf vorgehen solle, und die die Berner Konvention zum Schutz des Wolfes kündigen wollen, sind alles Leute, die hier immer wieder Sparmassnahmen beschliessen wollen. Hier können Sie nun wirklich sparen: Die Kosten des Wolfabschusses im Chablais im Jahr 2006 wurden auf 330 000 Franken beziffert. Ein weiterer Abschuss 2009 im Chablais wurde auf 160 000 Franken beziffert. Seit 2006 wurden im Chablais 188 Wolfrisse registriert und dafür Entschädigungen von rund 100 000 Franken bezahlt. Der Aufwand, den man für die Wolfsjagd betreibt, ist also um einiges höher als die tatsächlich verursachten Schäden.
Mit Behirtung können wir die Schafe wirklich schützen. Ich verlange das mit meiner Motion, weil wir damit die ökologische Aufwertung der Sömmerungsgebiete und auch die Koexistenz von Schafen und Wölfen ermöglichen. Wird die Behirtung in den ökologischen Leistungsnachweis einbezogen, können wir das Zusammenleben von Schafen und Wölfen erleichtern. Deshalb bitte ich Sie, meine Motion anzunehmen.
Wir dürfen den Schutzstatus des Wolfes keinesfalls ritzen, denn damit würden wir einen Blankoscheck erteilen, diese Tierart ein weiteres Mal auszurotten.