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preparatory:AB 224012

Leutenegger Oberholzer Susanne · Nationalrat · Basel-Landschaft · Sozialdemokratische Fraktion · 2017-12-11

Wortprotokoll

Am 22. Dezember 2017 wäre Marthe Gosteli hundertjährig geworden. Sie ist aber am 7. April 2017 verstorben und konnte auch den Festakt, der am Samstag für sie durchgeführt worden ist, nicht mehr erleben. Wir entscheiden damit gleichsam posthum über die weitere Existenz ihres Archivs; das macht die heutige Entscheidung denn auch besonders wichtig.

Das von Frau Gosteli geschaffene Archiv ist das wichtigste Gedächtnis der Geschichte der Frauen in der Schweiz. Was wollte Marthe Gosteli damit? Sie wollte den vielen vergessenen Frauen der Geschichte ein Gesicht geben, ihnen ein Gedächtnis bewahren, die Erinnerungen an ihr Tun wachhalten und im öffentlichen Bewusstsein sichtbar machen. Sie hat 1982 auch eine Stiftung gegründet, um den Weiterbestand des Archivs zu sichern.

Wer war nun diese Frau? Wer war Marthe Gosteli, die den Wert der Geschichte und der Zeitdokumente so früh erkannt hat? Frau Gosteli war kaufmännische Angestellte, geboren wurde sie 1917 auf dem Bauernhof ihrer Eltern in Worblaufen bei Bern. Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete sie in der Abteilung Presse und Rundfunk des Armeestabes, und nach dem Krieg leitete sie die Filmabteilung des Informationsdienstes der US-amerikanischen Botschaft. Sie hatte damit viele Erfahrungen mit Medien und stellte diese dann ab Mitte der Sechzigerjahre in den Dienst der Frauenbewegung. Sie hat sich auch in Nonprofitorganisationen stark engagiert. Sie war Präsidentin des Bernischen Frauenstimmrechtsvereins. Sie war Vizepräsidentin des Bundes Schweizerischer Frauenvereine. Sie präsidierte auch die Arbeitsgemeinschaft der Schweizerischen Frauenverbände für die politischen Rechte der Frau. Ihr grösstes Engagement, das 1971 dann endlich zum Ziel führte, galt der Annahme des Frauenstimmrechts auch auf eidgenössischer Ebene.

Frau Gosteli war durch und durch von bürgerlichen Werten geprägt. Sie setzte sich dafür ein, dass Frauen und Männer gemeinsam an der politischen Entwicklung arbeiten. "Zäme schaffe, zäme bestimme" war eine ihrer Losungen, daran arbeitete sie mit grossem Engagement und grosser Hartnäckigkeit. Sie hat sehr früh erkannt, dass die offizielle Geschichtsschreibung einen wichtigen Part auslässt, nämlich die Rolle der Frauen, die in den Archiven und Schulbüchern fehlen, solange sie keine politischen Rechte haben. Sie begann dann, die Dokumente von vielen Frauenorganisationen in ihrem Hause zu archivieren, die sonst dem Schredder anheimgefallen wären.

Frau Schmid-Federer hat darauf hingewiesen, wie umfangreich das Archiv ist. Ich hatte am Samstag erneut Gelegenheit, das Archiv zu besichtigen. Als besonders eindrücklich aufgefallen sind mir einige Beispiele, die ich kurz erwähnen möchte. Im Archiv finden sich zum Beispiel die Materialien von Frau Else Züblin-Spiller, auf die der heutige SV-Service zurückgeht. Der Ursprung waren die damaligen Soldatenstuben, heute ist der SV-Service die Marktführerin in der Gemeinschaftsgastronomie in der Schweiz. Ein weiteres Beispiel sind die Dokumente zur Lindenhofschule in Bern, einer der ersten Pflegerinnenschulen der Schweiz. Vollständig dokumentiert ist die Geschichte des Bundes Schweizerischer Frauenorganisationen. Nicht zu vergessen ist auch die vollständige Dokumentation zur Frauenstimmrechtsbewegung. Sie haben sicher auch Kenntnis davon, dass diese Dokumentation eine der wesentlichen Quellen von Petra Volpe für ihren Film "Die göttliche Ordnung" war. Sie haben ja nun ein Exemplar bei sich auf dem Tisch und können den Film dann über die Weihnachtstage anschauen, falls Sie ihn noch nicht gesehen haben.

Frau Gosteli hat viele Preise erhalten, unter anderem auch von der Burgergemeinde Bern. Sie hat den Ehrendoktor der Universität Bern, und was speziell ist: 1997 boten ihr die SVP-Frauen die Ehrenmitgliedschaft der SVP an. Dies zeigt, dass sie durch und durch bürgerliche Wurzeln hatte.

Es ist wichtig, dass das Archiv weitergeführt werden kann. Wir hoffen natürlich auf die Unterstützung von Ihnen allen. Das Archiv zeigt auch, dass ein privates Engagement sehr weit führen kann, und das von Frau Gosteli ist nicht nur wichtig für uns Frauen, es ist wichtig für die ganze Schweizer Geschichte! Denken Sie mit Frau Gosteli: "Ohne Geschichte keine Zukunft!" Das war ihr Leitspruch.

Das Archiv ist das historische Gedächtnis nicht nur der Frauen, sondern der Schweiz überhaupt. Ohne das Archiv kann die schweizerische Geschichte der letzten 150 Jahre nicht korrekt abgebildet werden. Ich danke Ihnen bestens für die Unterstützung unseres Postulates. Es ist damit auch eine posthume Anerkennung des Lebenswerks einer bedeutenden Frau der jüngeren Schweizer Geschichte. Wer mehr wissen möchte, dem empfehle ich diese Biografie hier über Frau Gosteli zur Lektüre.