preparatory:AB 318942
Reimann Lukas · Nationalrat · St. Gallen · Fraktion der Schweizerischen Volkspartei · 2023-05-02
Wortprotokoll
Das Schweizerdeutsche ist für uns die Muttersprache, es ist für uns aber auch Identität. Es stellt für uns viel dar, es stellt die Vielfalt der Schweiz, die verschiedenen Regionen, dar. Ich glaube, wenn jemand volksnah zu den Bürgerinnen und Bürgern sprechen will, dann spricht er im Dialekt. Die Dialekte prägen den Charakter, sie sind Ausdruck und Symbol der Schweiz. Nichts drückt die Vielfalt unseres Landes besser aus. Die Dialekte prägen. Dialekte müssen auch weiterentwickelt werden. Wenn man etwas weiterentwickeln will: Wo, wenn nicht in diesem Parlament, soll das möglich sein?
Ich staune etwas über das Büro und seine Antwort, in der gesagt wird, man könne das nicht machen, das sei sehr kompliziert, auch wegen der Übersetzungen. Da muss ich dem Büro sagen, dass es in den Nachhilfeunterricht in den Grossen Rat des Kantons Bern gehen könnte. Der Grosse Rat des Kantons Bern hat seit Langem ein zweisprachiges Parlament: Man spricht schweizerdeutsch und französisch. Das funktioniert beim Protokollieren - sogar mit Spracherkennung -, das funktioniert bei der Übersetzung, und das ist in diesem Sinne kein Problem. Im Kanton Luzern sind Schweizerdeutsch und Hochdeutsch möglich, so wie ich das [PAGE 754] hier als Möglichkeit beantrage. Gemäss Staatskanzlei des Kantons Luzern nutzen 70 Prozent der Kantonsräte Schweizerdeutsch und nur 30 Prozent Hochdeutsch. Auch in den Kantonen Uri, Schwyz, Obwalden, Nidwalden, Glarus, Basel-Landschaft und den beiden Appenzell wird schweizerdeutsch gesprochen.
Ich möchte vielleicht noch eine Person zitieren, nämlich Christiane Brunner, die 1994 in der Debatte zur Verbesserung der Verständigung zwischen den Sprachgebieten Folgendes gesagt hat:
"[...] les Romands, d'autre part, doivent accepter que le schwytzertütsch est la langue maternelle des compatriotes alémaniques et l'expression de leur culture propre, je trouve qu'il y a une contradiction massive entre ces deux conclusions. Pour ma part, j'estime que les Suisses romands devraient apprendre le suisse alémanique." (BO 1994 N 383)
Mesdames et Messieurs les députés romands, le suisse alémanique, pour parler, est bien plus facile que l'allemand. Cette langue n'a que deux temps.
Später sagt sie auf Schweizerdeutsch: "Wül ich jetz vo Schwytzerdütsch gredt han, will ich das au no uf Schwytzerdütsch säge. Grad do inne im Saal, dr Herr Borer Roland het's scho gseit, het's en Röschtigrabe. Ich weiss nöd, wer emol bestimmt hät, dass d'Dütschschwytzer uf dr einte und d'Welschschwytzer uf dr andere Syte sölled sitze [...]." (AB 1994 N 383) Uf jede Fall söllemer schwyzerdütsch und französisch rede. Das sind die Worte von Christiane Brunner.
Auch im Ausland gibt es verschiedene Dialekte, und es käme keinem bayerischen CSU-Abgeordneten in den Sinn, nicht bayerisch zu sprechen. Auch Bayerisch und Schriftdeutsch sind sehr unterschiedlich.
Die Mundart ist die Sprache der ganzen Bevölkerung. Sie ist unabhängig vom gesellschaftlichen Status. Sie wird von allen gesprochen und verstanden, und es ist letztendlich für uns Deutschschweizerinnen und Deutschschweizer die Sprache, zu der wir eine enge emotionale Beziehungen haben und in der wir uns am differenziertesten ausdrücken können. Zu ihr werden wir immer eine besondere Beziehung und ein besonderes Verhältnis haben.
Standardsprache und Mundart haben beide ihre Bedeutung, ihren Reichtum und ihren sinnvollen Anwendungsbereich. Es zeugt aber von einem Dünkel, wenn behauptet wird, schwierige wissenschaftliche Zusammenhänge könnten nur in der Standardsprache ausgedrückt werden. Das stimmt nicht. Schweizerdeutsch und die Mundarten sind so reichhaltig und differenziert, dass mit ihnen alles ausgedrückt werden kann. Wenn aber anderssprachige Leute und Leute, die die Mundart nicht verstehen, anwesend sind, kann man selbstverständlich auch zu Hochdeutsch wechseln, und wir haben ja die Übersetzungen. Das funktioniert im Kanton Bern, und das würde auch hier funktionieren.
Ich freue mich über Ihre Zustimmung.