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Gysin Remo · Nationalrat · Basel-Stadt · Sozialdemokratische Fraktion · 2005-06-16

Wortprotokoll

Herr Bundesrat, können Sie sich vorstellen, was es heisst, 30 bis 60 Absagen zu bekommen, und das als Start ins Berufsleben, sei es eine Absage für eine Lehrstelle oder für eine erste Stelle nach der Lehre? Wie würden wir uns da fühlen, wie fühlt sich der Vater oder die Mutter, wenn sie da zusehen müssen, und wie fühlen sich die Direktbetroffenen? Ich verstehe relativ schlecht, wieso wir hier dem Bundesrat sozusagen massenweise auf den Buckel kriechen müssen, damit er endlich reagiert. Wir wissen, dass er nur ein Akteur ist neben den Kantonen, neben den Unternehmen, aber er ist ein wichtiger Akteur für die Rahmenbedingungen.

Wir wollen alle keine Alibifunktion, wir wollen etwas, das greifen wird. Da ist es vielleicht wichtig, wenn wir uns noch einmal überlegen, welches die Ursachen für die zurückgehende Ausbildungsbereitschaft sind:

1. Es ist der wirtschaftliche Strukturwandel - neue Technologien, Rationalisierung -, der zur Änderung des Berufsbildes, zu neuen Berufen führt: Berufe verschwinden, neue kommen.

2. Es ist auch das internationale Management, das wir immer mehr in der Schweiz antreffen. Das finde ich grundsätzlich gut, aber diese Manager haben offenbar einen anderen Bezug zu unserer Berufslehre. Es gibt leider heute riesige internationale Unternehmen, deren Führungsspitzen noch nicht begriffen haben, was die Berufsbildung, die Berufslehre bei uns bedeuten. Da ist auch Nachholbedarf.

3. Wir haben die Maturanden und Jugendlichen mit universitären Ausbildungen, die immer mehr an verschiedensten Orten die Lehrabsolventinnen und -absolventen ersetzen. Das betrifft z. B. den kaufmännischen Bereich, aber auch den Sozialbereich, die Sozialarbeiter. Sie können fast überall hinschauen, wo Sie wollen: Da ist ein Verdrängungseffekt festzustellen.

4. Bei der wirklich unsicheren Wirtschaftslage können wir uns nicht organisatorische Verfahren und Aufwendungen erlauben, die sich auch vermeiden liessen. Das ist auch ein Ansatzpunkt, wo der Bund tätig werden müsste.

5. Es gibt Schwierigkeiten, die bei der Schule und bei denen liegen, die Lehrstellen suchen. Das muss man auch sehen. Es gibt Defizite im kognitiven Bereich, im sozialen Bereich. Es gibt sprachliche Schwächen bei Migranten und anderen. Da hilft oft auch ein Zwischenjahr nicht. Oft beobachten wir, dass ein Zwischenjahr keine Verbesserungen bringt. [PAGE 906]

6. Eine weitere Ursache sind Vorurteile. Die Vorurteile der Unternehmerschaft fangen schon bei ausländischen Namen an. Da muss man sicher auch Abhilfe schaffen.

7. Dazu kommt das Image der Berufsbildung als zweite Wahl.

Was sind die Schlussfolgerungen aus diesen Ursachen? Es zeigt sich, dass es auf unterschiedlichsten Ebenen unterschiedlichste Massnahmen braucht. Es braucht einen Kranz von Massnahmen. Alle müssen mitwirken. Und dann müssen wir noch einmal den Bund bitten, jetzt endlich aktiv zu werden. Es ist unglaublich, wie viel Beharrungsvermögen er zeigt.

Ich möchte ganz kurz auf die Möglichkeit des Basislehrjahres eingehen. Es ist schon viel darüber gesagt worden. Ich möchte nur, auch hier, differenzieren. Es ist uns klar, dass hier eine Chance liegt, aber ein Basislehrjahr muss freiwillig erfolgen. Es muss im Interesse aller Beteiligten sein: der Berufsverbände und der Unternehmen. Es braucht eine positive Kosten-Nutzen-Relation möglichst im ersten Jahr. Ein Basislehrjahr muss selektiv eingeführt werden, allenfalls kann man auch mit Pilotprojekten starten.

Meine Damen und Herren, Herr Bundesrat: Ich bitte Sie, hier endlich aktiv zu werden! Wir brauchen Sofortmassnahmen, wir brauchen mittel- und längerfristige Massnahmen. Aber wir können nicht länger zuschauen.

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