17.4162 · Interpellation · 2017-12-14
Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation
Erledigt
Wortlaut
In der Schweiz sind 40 Prozent aller untersuchten Insektenarten vom Aussterben bedroht. Eine kürzlich erschienene Langzeitstudie zeigt, dass in Deutschland in 27 Jahren die Anzahl der fliegenden Insekten und damit die Biomasse dieser Tiere um drei Viertel zurückgegangen ist. Ohne Insekten sind jedoch funktionierende Ökosysteme, welche die lebensnotwendigen Leistungen wie Gesundheit und Ernährung für unsere Gesellschaft erbringen, nicht möglich. Mit weniger Insekten drohen Leistungen auszufallen, Schädlinge und invasive gebietsfremde Arten breiten sich aus, und die Bodenfruchtbarkeit geht zurück. Vor diesem Hintergrund sind die obengenannten Zahlen alarmierend. Sie zeigen, dass sich unsere Umwelt rasch und in einem dramatischen Ausmass verändert. Werden unserem Ökosystem drei Viertel des Fundamentes weggeschlagen, ist das ein massivster Eingriff in den Naturhaushalt. Die Zahlen zeigen, dass sich unsere Umwelt rasch und in einem dramatischen Ausmass verändert. Hauptursachen für den Insektenschwund werden in der Siedlungsentwicklung (z. B. Bodenversiegelung, eintönige Freiflächen), der übermässigen Verwendung von Pestiziden und generell dem Flächenverlust für die Natur vermutet. Die Folgen stark beeinträchtigter Ökosysteme sind für den Wirtschaftsstandort Schweiz, die Landwirtschaft und damit für die Schweizer Bevölkerung von grosser Tragweite. Wir müssen deshalb handeln, bevor es zu spät ist. Ich lade den Bundesrat ein, folgende Fragen zu beantworten:
1. Warum gibt es immer weniger Insekten in der Schweiz?
2. Wie schätzt er das Problem generell ein, und mit welchen Auswirkungen auf die Schweizer Wirtschaft und Gesellschaft rechnet er?
3. Welche Instrumente insbesondere im Naturschutz bzw. in der Umweltpolitik stehen schon heute zur Verfügung oder wurden mindestens beschlossen, welche mithelfen, den Insektenschwund zu stoppen und umzukehren?
4. Die Berichte über den Umweltzustand und den Artenschwund in der Schweiz zeigen, dass die vorhandenen Instrumente ungenügend sind. Welche Massnahmen gedenkt er zu ergreifen, um diese Lücken zu stopfen, dem Insektensterben Einhalt zu gebieten und ihre positiven Wirkungen auf Landwirtschaft, Gesundheit, Vielfalt zu erhalten und zu fördern?
5. In welchen Bereichen müssen dringend die Hebel angesetzt werden, damit die Insekten in der Schweiz nicht weiter zurückgehen und sich die Situation verbessert?
Stellungnahme des Bundesrates
1. Die Verluste an der Vielfalt der Insekten und ihrer Biomasse lassen sich auf zahlreiche Faktoren zurückführen: die stetig ansteigenden Ansprüche der Schweizer Gesellschaft an Wohnraum, Mobilität und Ernährung, die Auswirkungen von Freizeit- und Sportaktivitäten in der freien Natur, die intensive Nutzung der Gewässer sowie des Gewässerraums, Chemikalien- und Nährstoffeinträge in ökologisch sensiblen Lebensräumen, Lichtverschmutzung oder den Verlust an Arten (z. B. Pflanzen, Mikroorganismen) und Landschaftselementen, auf welche die Insekten für ihr Überleben angewiesen sind.
2. Der Insektenschwund trifft Wirtschaft und Gesellschaft gleichermassen. Insekten sind in sämtlichen Lebensräumen zu finden, spielen eine Schlüsselrolle für das Funktionieren der Ökosysteme und garantieren damit deren Leistungen, auf die wir für unsere wirtschaftliche Wohlfahrt sowie für unser gesellschaftliches Wohl angewiesen sind (z. B. Erhaltung der Bodenfruchtbarkeit, Bestäubung, Eindämmung von Schädlingen). Funktionierende Ökosysteme sind widerstandsfähiger gegenüber klimatischen Veränderungen und den Einflüssen invasiver gebietsfremder Arten. Der Verlust an Insekten wirkt sich deshalb negativ aus, z. B. auf die Landwirtschaft, die Waldwirtschaft und das Wohlergehen der Bevölkerung im Allgemeinen.
3. Der Schutz der Biodiversität ist in der Bundesverfassung (SR 101, Art. 78) und in zahlreichen Gesetzesgrundlagen verankert (z. B. Natur- und Heimatschutzgesetz, SR 451; Gewässerschutzgesetz, SR 814.20). Direktzahlungsbeiträge fördern die Anlage von Biodiversitätsförderflächen in der Landwirtschaft. Das Gewässerschutzgesetz verlangt die Renaturierung von Flüssen und Seen. Der Aktionsplan zur Strategie Biodiversität Schweiz (AP SBS) formuliert Massnahmen zur Erhaltung und Förderung einer reichhaltigen und gegenüber Veränderungen reaktionsfähigen Biodiversität mit ihren Ökosystemleistungen. Weitere Massnahmen zugunsten der Insekten sind im Massnahmenplan Bienengesundheit sowie im Aktionsplan zur Risikoreduktion und nachhaltigen Anwendung von Pflanzenschutzmitteln vorgesehen.
4. Der AP SBS zielt darauf ab, die Flächennutzung stärker auf die Bedürfnisse der Arten, insbesondere auch der Insekten, auszurichten. Beispielsweise sollen die Vernetzung von Lebensräumen vorangetrieben, die Qualität der Freiräume in Siedlungen und Agglomerationen verbessert und die rechtlichen Vorgaben zum ökologischen Ausgleich im Siedlungsraum mittels Musterbaureglementen konkretisiert werden. Im Landwirtschaftsbereich sollen auf Basis der Agrarpolitik 2022 plus die natürlichen Ressourcen besser geschont und die Biodiversität wirkungsvoller gefördert werden. Gestützt auf die Wirkungsanalyse des AP SBS wird der Bundesrat allenfalls eine Ergänzung des Aktionsplans mit weiteren Massnahmen beschliessen.
5. Massnahmen zur langfristigen Erhaltung der Insekten müssen sich auf deren gefährdete Lebensräume wie Feuchtgebiete und nährstoffarme Standorte konzentrieren. Der Bundesrat hat für die Jahre 2017 bis 2020 zusätzliche Mittel für entsprechende dringliche Sanierungen und Aufwertungsmassnahmen gesprochen. Es dürften aber weitere Massnahmen beispielsweise in den Bereichen der Land- und Forstwirtschaft oder der Raumplanung erforderlich sein, um den Bedürfnissen der Insekten besser Rechnung tragen zu können.
Antwort des Bundesrates.