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21.4401 · Interpellation · 2021-12-09

Departement des Innern

Erledigt

Wortlaut

Die Corona-Krise und die Massnahmen zur Eindämmung der Pandemie haben vielschichtige soziale und psychische Auswirkungen für die Bevölkerung. Aus der Beratungspraxis ist bekannt, dass die Verfügbarkeit von Alkohol während der Pandemie insbesondere für Menschen, welche bereits Belastungen ausgesetzt sind oder von einem risikoreichen Konsum betroffen sind, gravierende Auswirkungen haben kann. Selbst bei zwischenzeitlichen Schliessungen von "Ausschankstätten" musste mutmasslich von einer Verschiebung des Konsums in den privaten Raum ausgegangen werden. Zur Erfassung der Situation wird der Bundesrat gebeten, folgende Fragen zu beantworten:

1. Ist es bekannt, ob und welche Folgen die Schliessung der öffentlichen Lokalitäten wie Restaurants und Bars auf den Alkoholmissbrauch hatte?

2. Kann eine Verlagerung des Alkoholkonsums vom öffentlichen in den privaten Raum während der Pandemie bestätigt werden?

3. Wenn ja, konnte festgestellt werden, ob die Verlagerung des Alkoholkonsums in das private Umfeld vermehrt zu Gewaltdelikten, insbesondere zu häuslicher Gewalt, geführt hat?

4. Werden seit der Pandemie vermehrt Alkoholgetränke im tiefen Preissegment verkauft und importiert? Gibt es Zahlen dazu?

5. Welche Bevölkerungsgruppen sind besonders von einem verstärkten Alkoholproblem während der Pandemie betroffen?

Begründung

Die Massnahmen zur Eindämmung der COVID-19 Pandemie haben in der Schweiz zu einer starken Einschränkung des öffentlichen Lebens und der entsprechenden Verlagerung in den privaten Bereich geführt. Die Reduktion sozialer Kontaktmöglichkeiten und die Zunahme sozialer Isolation einerseits und der über Wochen andauernde Dichtestress aufgrund von Homeoffice anderseits fallen mit Belastungen wie wirtschaftliche Sorgen, zum Beispiel durch den Verlust der Arbeitsstelle, zusammen. Diverse Folgeprobleme gehen damit einher, so der Konsum von Alkohol- und anderen Suchtmitteln, negative Folgen für die psychische Gesundheit oder der Anstieg häuslicher Gewalt.

Während sich der Alkoholkonsum in öffentlichen Räumen wie Bars und Restaurants während des Lockdowns reduziert hat, unterlag der übrige Verkauf keinen Einschränkungen. Die OECD geht davon aus, dass der Lockdown sowohl das Konsumverhalten wie auch den Verkauf von alkoholischen Produkten beeinflusst hat. Untersuchungsdaten einiger Länder nehmen einen erhöhten Alkoholkonsum bei einem grösseren Anteil der Bevölkerung an und beziffern einen Anstieg des Verkaufs von Alkohol um 3-5 Prozent. Aus der Beratungspraxis gibt es Hinweise, dass in der Schweiz vergleichbare Entwicklungen stattgefunden haben.

Stellungnahme des Bundesrates

1., 2. und 5. Zum direkten Zusammenhang zwischen der Schliessung von Gastronomiebetrieben infolge der Covid-19-Pandemie und dem problematischen Alkoholkonsum kann der Bundesrat keine Aussage machen. Es gibt jedoch verschiedene Untersuchungen und Hinweise zu den Auswirkungen der Covid-19-Pandemie auf den Alkoholkonsum.

Zwischenergebnisse einer laufenden Studie, welche das Bundesamt für Zoll und Grenzsicherheit (BAZG) bei Sucht Schweiz in Auftrag gegeben hat, zeigen, dass der Alkoholkonsum insgesamt seit 2019 zwar leicht abgenommen hat. Verhältnismässig hat der Konsum im privaten Raum jedoch zugenommen. Auf die Verschiebung des Konsums in den privaten Raum weist auch hin, dass 2020 z.B. beim Bier mehr Flaschen und Dosen und weniger Fässer versteuert wurden.

Die Entwicklung des Alkoholkonsums in der Pandemie ist allerdings sehr heterogen, nicht nur zwischen, sondern auch innerhalb der Altersgruppen. Während beispielsweise ein Teil der jungen Erwachsenen mehr Alkohol konsumiert, trinken andere in dieser Altersgruppe weniger. Es laufen derzeit weitergehende Analysen bezüglich der Gründe der Änderung des Konsums und der Personengruppen, welche ihren Konsum erhöhten. Sucht Schweiz geht im Schweizer Suchtpanorama 2021 davon aus, dass die Covid-19-Krise riskante Konsummuster bei jenen erhöht, die schon zuvor stärker konsumierten und Alkohol zur Stressregulierung oder Selbstmedikation einsetzen (v.a. Männer und Personen mit tiefem Bildungsstand oder geringem Einkommen).

3. In der Schweiz setzte sich der Trend der letzten Jahre mit einer gewissen Zunahme der Fälle häuslicher Gewalt auch während der Covid-19-Pandemie fort. Im Jahr 2020 registrierte die Polizei während der ausserordentlichen Lage 6 Prozent mehr Straftaten im häuslichen Bereich. Die Beratungen bei den Opferhilfen nahmen 2020 um 5 Prozent zu.

Alkoholkonsum gehört zu den wissenschaftlich belegten Risikofaktoren für häusliche Gewalt. Es bleibt jedoch unklar, ob die Zunahme von Fällen häuslicher Gewalt mit der Pandemie selbst oder einem eventuell vermehrten Alkoholkonsum aufgrund der Pandemie zusammenhängt.

4. Der Bund verfügt über keine Daten über das Preissegment des importierten und verkauften Alkohols. Er kann lediglich den Alkoholverkauf pro Kopf und die importierten Mengen aufzeigen. 2020 wurden 7.2 Liter reiner Alkohol pro Person verkauft. Im Vergleich zu den Vorjahren (2019: 7.5 Liter, 2018: 7.3 Liter, 2017: 7.4 Liter) hat der Verkauf von Alkohol leicht abgenommen. Insgesamt wurden 2020 beim hochprozentigen Alkohol 612'000 Hektoliter reiner Alkohol importiert, gegenüber 455'000 im Jahr 2019. Das entspricht einer Zunahme von rund 25 Prozent. Bei den Weissweinen ist ein leichter Importrückgang in der Höhe von 1,2 Prozent und bei den Rotweinen ein Anstieg der Importe um 3,7 Prozent zu verzeichnen. Beim Bier gibt es erstmals seit 2013 wieder eine Zunahme beim Importbier, welches im Detailhandel oftmals zu einem tieferen Preis als inländische Biere verkauft wird: Im Vergleich zum Jahr 2019 nahm 2020 die Menge des eingeführten Bieres aus dem Ausland um 6,4 Prozent zu und lag bei 1.1 Millionen Hektoliter. Gleichzeitig reduzierte sich die steuerpflichtige Menge des in der Schweiz gebrauten Bieres gegenüber 2019 um 7,4 Prozent (3.44 Millionen Hektoliter). Es ist denkbar, aber nicht gesichert, dass diese Entwicklung auch mit einer Verlagerung des Konsums von den Restaurationsbetrieben in den privaten Raum zusammenhängt.

Antwort des Bundesrates.