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22.3748 · Interpellation · 2022-06-16

Justiz- und Polizeidepartement

Erledigt

Wortlaut

Vielerorts ist Mentoring ein bewährtes Instrument - auch bei der Unterstützung von Geflüchteten. Es dient der beruflichen wie der sozialen Integration, ergänzt die Angebote von Regelstrukturen in Bildung und Arbeitsmarkt und unterstützt die Fähigkeiten der Betroffenen auch im Hinblick auf eine hoffentlich einst mögliche Rückkehr in ihre Heimat. Derzeit besteht aufgrund des Angriffskrieges in der Ukraine und damit verbundenen Fluchtbewegungen auch in die Schweiz grosser Unterstützungs- und Begleitungsbedarf - auch bei nachobligatorischen und höher qualifizierenden Ausbildungen. Vor diesem Hintergrund ersuche ich den Bundesrat um die Beantwortung folgender Fragen:

1. Wo in der nachobligatorischen Bildung wird freiwillige Mentoring-Begleitung als besonders hilfreiches Instrument zur Unterstützung von Kriegsflüchtlingen gesehen sowie zur Entlastung und Ergänzung professioneller Regelstrukturen?

2. Wo gibt es im nachobligatorischen Bildungssystem gut funktionierende Modelle von Mentoring zugunsten der Integration von Geflüchteten und wo fehlen diese weitgehend oder teilweise?

3. Gibt es diesbezüglich einen etablierten Erfahrungsaustausch zwischen den Institutionen zwecks gegenseitigem Lernen aus Erfahrungen und Erfolgsmodellen Dritter?

4. Wo sieht der Bund Chancen für die Optimierung, Weiterentwicklung oder ergänzende Etablierung von Mentoring-Begleitung in nachobligatorischen Aus- und Weiterbildungen?

5. Welche Möglichkeiten zur Unterstützung von freiwilligem Mentoring-Engagement bestehen oder sind in Planung?

6. Wie wird der Nutzen von professioneller Begleitung derartiger Mentoring-Programme eingeschätzt - insbesondere auch im Hinblick auf ein möglichst nachhaltiges Engagement der freiwillig Engagierten?

Begründung

In der Schweiz hat der Angriffskrieg auf ein europäisches Land viel Solidarität mit den Betroffenen ausgelöst. So sind z.B. viele Menschen bereit, als Gastfamilien einen Beitrag zur Unterbringung von Geflüchteten zu leisten. PädagogInnen leisten freiwilliges Engagement zur Unterstützung der Volksschule, damit fluchtbetroffene Kinder bestmöglich in hiesige Schulen inkludiert werden können. Auch in der nachobligatorischen Ausbildung gibt es viele Anstrengungen um Fluchtbetroffenen in Ausbildung zu ermöglichen, diese möglichst unbürokratisch fortsetzen zu können.

Die Erfahrung zeigt, dass bei gegenseitigem Interesse und Verständnis (auch sprachlich) Mentoring durch freiwillige Begleitpersonen geeignet sein kann, jungen Menschen einen Ausbildungszugang zu ermöglichen, den sie ohne diese Unterstützung weniger erfolgreich meistern würden. Auch weiss man, dass derartige 'Götti-Funktionen' nicht nur beim Einstieg sondern auch ausbildungsbegleitend hilfreich sein können.

Ein Erfolgsfaktor mit hohem Multiplikatoreffekt kann die professionelle Unterstützung für Mentorinnen und Mentoren sein, welche für die Zuordnung, Organisation und Begleitung der Freiwilligen sorgt. Auch angesichts von aktuell hoch belasteten professionellen Strukturen sowie verbreitetem Fachkräftemängel stellt sich die Frage, ob und wie das grosse Potenzial motivierter ehemaliger Absolventen und/oder Auszubildender in höher qualifizierender Bildung für die Unterstützung von Fluchtbetroffenen noch besser abgeholt und genutzt werden kann.

Stellungnahme des Bundesrates

1. und 6.

Unter dem Begriff "Mentoring" werden Projekte mit Freiwilligen (so genannte "Mentoren") zusammengefasst, welche dazu beitragen, die berufliche und persönliche Entwicklung spezifischer Zielgruppen (so genannte "Mentees") wie beispielsweise von Geflüchteten zu fördern. Mentoring hilft Geflüchteten, berufliche und soziale Netzwerke aufzubauen und sich mit den Werten und Normen der Schweizer Gesellschaft vertraut zu machen. Sie ersetzen dabei nicht die bestehenden Angebote der Regelstrukturen der Bildung, sondern ergänzen diese.

Der Bundesrat teilt die Auffassung, dass Mentoring einen wichtigen Beitrag leistet, um die berufliche Integration von Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu fördern. Um Mentoring als Instrument zur beruflichen und sozialen Integration zu stärken, hat das Staatssekretariat für Migration SEM im Jahre 2014 das Bundesprogramm "Mentoring" lanciert. Im Rahmen des Programms unterstützten Mentorinnen und Mentoren unter anderem Personen aus dem Asylbereich dabei, sich im Schweizer Bildungssystem und Arbeitsmarkt zu orientieren.

Die Evaluation des Bundesprogramms hat die Wirksamkeit von Mentoring bestätigt. Für ein nachhaltiges Engagement ist insbesondere die lokale Verankerung von Mentoring-Projekten sowie die institutionalisierte Koordination und Betreuung von Mentorinnen und Mentoren wichtig.

2.

Mentoring-Projekte sind in der Regel kommunal oder überregional organisiert. Es besteht auf nationaler Ebene keine Übersicht über entsprechende Angebote. Die Rückmeldungen aus den Kantonen zeigen jedoch, dass sich Mentoring als ergänzendes Angebot der Zivilgesellschaft etabliert hat. Für den Einsatz von Freiwilligen bestehen vielerorts von zivilgesellschaftlichen Organisationen oder staatlichen Stellen eingerichtete Koordinationsstellen. Diese arbeiten mit den kommunalen und kantonalen Akteuren der Integrationsförderung wie auch mit den Regelstrukturen der Bildung zusammen. Das SEM fördert diese Initiativen und Massnahmen im Rahmen seiner Beiträge an die kantonalen Integrationsprogramme KIP mit.

3. und 4.

Der Bund organisiert seit Abschluss des Bundesprogramms "Mentoring" im 2016 keinen spezifischen Erfahrungsaustausch mehr auf nationaler Ebene. Fragen der sozialen Integration, darunter auch des Einsatzes von Mentoring, werden im Rahmen der regelmässigen Austausche im Bereich Integrationsförderung (Workshops, Tagungen der Konferenz der Integrationsdelegierten) behandelt. Auf kantonaler und kommunaler Ebene finden zudem Erfahrungsaustausche und Weiterbildungen für Mentorinnen und Mentoren statt.

5.

Zurzeit sind auf nationaler Ebene über die genannten Massnahmen hinaus keine weitergehenden und zusätzlichen Aktivitäten zur Förderung von Mentoring geplant. Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass erfolgreiche Mentoring-Programme lokal verankert werden müssen.

Antwort des Bundesrates.