23.4061 · Interpellation · 2023-09-26
Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung
Erledigt
Wortlaut
Ich bitte den Bundesrat, folgende Fragen zu beantworten:
Hält er die derzeitige Situation für zufriedenstellend und wenn nicht, was gedenkt er zu tun, um die Lage zu verbessern?
Wie hat sich die Anzahl an Personen mit einem Abschluss in Humanmedizin in der Schweiz zwischen 2016 und heute zahlenmässig entwickelt?
Wie hat sich unsere Abhängigkeit von ausländischen Ärztinnen und Ärzten im selben Zeitraum insgesamt entwickelt?
Wie sind die Anteile in den verschiedenen Fachrichtungen?
Wie hat sich die Erfolgsquote im ersten Jahr des Medizinstudiums in den letzten Jahren entwickelt?
Wie viele junge Schweizerinnen und Schweizer mit einem Masterabschluss in Medizin einer europäischen Universität kommen jedes Jahr an Schweizer Krankenhäuser, um ihre Ausbildung abzuschliessen?
Wie schätzt er den Bedarf an Ärztinnen und Ärzten (Vollzeitäquivalente) ein, damit den gesellschaftlichen Entwicklungen Rechnung getragen wird (insbesondere Teilzeitarbeit)?
Das Programm «Humanmedizin» hat zu einer Diversifizierung des Medizinstudiums geführt: Neue Studiengänge wurden eingeführt. Worin liegt der Nutzen dieser Diversifizierung?
Laut Swissuniversities sollte die Diversifizierung weiterverfolgt werden. In welche Richtung soll diese Diversifizierung gehen?
Begründung
Seit der BFI-Botschaft 2017‒2020 haben sich der Bund und die Kantone das Ziel gesetzt, die Studienplätze in der Humanmedizin im Rahmen des Programms «Humanmedizin» zu erhöhen. Gemäss ersten Ergebnissen des Programms stieg die Zahl der Studienplätze von 1055 im Jahr 2016 auf 1445 im Jahr 2021. Auch wenn diese Ergebnisse positiv sind, stellen sich weiterhin Fragen, insbesondere angesichts des Mangels an Allgemeinmedizinerinnen und -medizinern und an bestimmten Fachärztinnen und -ärzten, zum Beispiel in der Pädiatrie. Eine kürzlich veröffentlichte PWC-Studie prognostiziert beispielsweise, dass in der Schweiz im Jahr 2040 5500 Ärztinnen und Ärzte fehlen werden ‒ und auch die meisten Nachbarländer der Schweiz werden von diesem Mangel betroffen sein.
Stellungnahme des Bundesrates
Die Umsetzung des Sonderprogramms «Erhöhung der Anzahl Abschlüsse in Humanmedizin» (SPHM), das der Bund mit 100 Millionen Franken unterstützt, läuft plangemäss, was auch von einer externen Evaluation bestätigt wurde. Dank der Anstrengungen von Bund, Kantonen und Hochschulen hat sich die Anzahl der Master-Diplome in Humanmedizin von 882 im Jahr 2016 auf 1164 im Jahr 2022 erhöht und wird sich aufgrund des SPHM voraussichtlich nachhaltig auf über 1300 im Jahr 2025 erhöhen. Auch die Anzahl der Ärztinnen und Ärzte, die ein eidgenössisches Diplom erhalten haben, ist seit 2016 kontinuierlich angestiegen. 2016 erlangten 935 Personen ein eidgenössisches Diplom, 2022 waren es bereits 1209 Personen. Auch die Schwerpunkte Interprofessionalität, Hausarztmedizin und medizinische Grundversorgung wurden durch das SPHM verstärkt und eine Diversifizierung der Ausbildungen konnte gefördert werden: Im Master der Universität Freiburg liegt der zentrale Fokus auf der Hausarztmedizin und im Master an der Università della Svizzera italiana werden u.a. auch Leadership, Interprofessionalität und personalisierte Medizin vermittelt. Der neue Joint Medical Master der Universitäten Zürich und St. Gallen legt seinen Schwerpunkt auf Management im Gesundheitswesen, Interprofessionalität und medizinische Grundversorgung, jener der Universitäten Zürich und Luzern auf Gesundheitsökonomie, Management und Praxisführung mit dem Ziel, die medizinische Grundversorgung zu stärken. Der Anteil an vollständig im Ausland aus- und weitergebildeten Ärztinnen und Ärzten in der Schweiz nimmt seit 2016 ab und der Anteil an vollständig in der Schweiz aus- und weitergebildeten Ärztinnen und Ärzte steigt an: Vollständig im Ausland aus- und weitergebildete ärztliche Fachpersonen machten 2022 noch 40 % aus (2016: >50 %; 2019-2021: 45 %). Der Anteil an vollständig in der Schweiz aus- und weitergebildeten Ärztinnen und Ärzten betrug 2022 33 % (2016: 28 %, 2019-21: 30 %). Der Anteil an ärztlichen Fachpersonen mit ausländischem Diplom, aber eidgenössischem Weiterbildungstitel betrug 2022 27 % (2016: 20 %, 2019-21: 25 %; vgl. www.bag.admin.ch > Zahlen & Statistiken > Berufe im Gesundheitswesen: Statistiken > Statistiken Medizinalberufe > Statistiken Ärztinnen/Ärzte sowie www.obsan.admin.ch > Publikationen > 04/2023 und 05/2023). Gesonderte Statistiken existieren nur für einzelne Fachgebiete. In der Pädiatrie beispielsweise belief sich die Anzahl von Ärztinnen und Ärzten mit einem ausländischen Arztdiplom in den letzten 5 Jahren auf durchschnittlich 33 % (2016: 35 %; 2020: 26 %, vgl. ebd.). Die Anzahl der Schweizerinnen und Schweizer mit einem europäischen universitären Medizinabschluss, die sich als Assistenzärzte oder -ärztinnen in der Schweiz weiterbilden, wird nicht separat erfasst.Die Erfolgsquote für das erste Bachelorstudienjahr in Humanmedizin wird nicht systematisch erhoben. Anhand der Entwicklung der Studienplatzkapazitäten und erreichten Masterabschlüsse der letzten Jahre ist gemäss swissuniversities aber davon auszugehen, dass die Erfolgsquote an Universitäten mit einem Numerus Clausus (NC) über 90 % beträgt. An Universitäten ohne NC erfolgt die Zulassung zum zweiten Bachelorstudienjahr mittels «Concours», der ähnlich selektiv ist wie der NC: Nur rund ein Drittel der Studierenden erhält einen Platz für das zweite Studienjahr.Eine Einschätzung des künftigen Gesamtbedarfs an Ärztinnen und Ärzten ist komplex und hängt von verschiedenen Faktoren ab. Das Schweizerische Gesundheitsobservatorium (Obsan) kommt mit seinem Simulationsmodell zurzeit auf einen Gesamtbedarf für 2032 von ca. 32 600 bis 35 000 Vollzeitäquivalenten (VZÄ) (www.obsan.admin.ch > Publikation > 05/2023). Es weist dabei ebenfalls u.a. auf Unsicherheiten bei den verwendeten Daten und Annahmen hin. Die Anzahl berufstätiger Ärztinnen und Ärzte in der Schweiz belief sich 2022 auf 34 688 VZÄ.