Anstieg der Ertrinkungsfälle in offenen Gewässern. Welche Möglichkeiten der Prävention und Verbesserung gibt es?
23.4222 · Postulat · 2023-09-28
Departement des Innern
Erledigt
Wortlaut
Das Jahr 2022 wird das Jahr eines traurigen Rekords bei den tödlichen Ertrinkungsunfällen in Schweizer Gewässern bleiben. Die Schweizerische Lebensrettungsgesellschaft (SLRG) zählte allein in diesem Jahr 63 Opfer. Der bisherige Rekord bestand seit 20 Jahren. 2023 sind bisher bereits 36 Todesfälle zu beklagen. Darum beauftrage ich den Bundesrat, einen Bericht vorzulegen, der den Bedarf und die notwendigen Mittel für eine bessere Prävention und einen besseren Schutz der Bevölkerung vor den Gefahren des Ertrinkens in offenen Gewässern aufzeigt. Dieser Bericht soll insbesondere folgende Fragen beleuchten:
1. Zwar sind die 16- bis 30-Jährigen nach wie vor die am stärksten gefährdete Gruppe, doch scheint es, dass auch Seniorinnen und Senioren eine neue Risikogruppe darstellen. Allerdings sind die Angaben zu den Ursachen für diese Gruppe nach wie vor lückenhafter als bei Jugendlichen, bei denen Risikobereitschaft und Selbstüberschätzung als Gründe angeführt werden können. Wie lässt sich also der Anstieg bei den 61- bis 75-Jährigen und den 75- bis 90-Jährigen erklären?
2. Beabsichtigt der Bundesrat, in Zusammenarbeit mit der SLRG und den Kantonen die Präventions- und Sicherheitsmassnahmen zu verstärken, insbesondere in der Nähe von Seen und Fliessgewässern, wo die Gefahr am grössten ist?
3. Ist der Bundesrat angesichts der Tatsache, dass Sonnenschein- und Hitzeperioden in den kommenden Jahren tendenziell an Intensität und Dauer zunehmen werden und unbestreitbar einen wichtigen Risikofaktor darstellen, immer noch der Ansicht, dass keine weiteren Massnahmen erforderlich sind, wie 2007 in der Antwort auf die Anfrage Berberat 07.1088?
4. Welche Bilanz zieht der Bundesrat generell über die geltenden Präventions- und Sicherheitsmassnahmen und wie lassen sie sich verbessern?
Begründung
Hitze, Risikobereitschaft oder Selbstüberschätzung sind nur einige Annahmen, die aber die Dramen, die sich bei einem Ertrinkungsunfall abspielen, nie vollständig erklären können. Natürlich lässt sich nicht jegliches Risiko ausschalten, aber es scheint doch Anlass zur Sorge zu geben, wenn die Zahl der Ertrinkungsunfälle mit Todesfolge so exponentiell ansteigt wie in den letzten Jahren. Wie die SLRG am 17. August dieses Jahres bekannt gab (1), fielen 2022 "63 Personen einem tödlichen Ertrinkungsunfall zum Opfer, davon waren 12 (19%) weiblichen und 51 (81%) männlichen Geschlechts. Damit liegt die Anzahl Opfer um knapp 40% über dem langjährigen Mittel." Ertrinkungsunfälle in öffentlichen Schwimmbädern werden zwar auch in der Statistik erfasst, doch der grösste Teil der Ertrinkungsunfälle ereignet sich in offenen Gewässern (57 % in Seen, 38 % in Fliessgewässern und 5 % beim Tauchen). Um zu verhindern, dass sich dieser Trend fortsetzt, ist es notwendig, die bestehenden Massnahmen auf ihre Tauglichkeit hin zu prüfen und nach Schwachstellen und möglichen Verbesserungen zu fragen, insbesondere in der Nähe von Seen und Fliessgewässern. Darüber hinaus sollte man sich auch mit dem Phänomen der besonders hohen Rate an tödlichen Ertrinkungsunfällen bei Seniorinnen und Senioren befassen, deren Ursachen aufgrund fehlender Daten noch nicht vollständig bekannt sind, sowie mit der Frage, ob dieser Trend im Laufe der Zeit anhält oder nicht.
Bereits 2007 stellte Nationalrat Didier Berberat die Frage, ob der Bundesrat bereit sei, zusätzliche Präventions- und Sicherheitsmassnahmen einzuführen oder nicht (2). Angesichts der Tatsachen, dass sich der Bundesrat vor knapp 20 Jahren geweigert hat, auf diese Frage einzugehen, und dass Episoden starker Hitze und Sonneneinstrahlung neben anderen Risikofaktoren in den kommenden Jahren besonders häufig auftreten werden, ist es angebracht, die Frage neu zu überdenken und sich die Mittel zu verschaffen, um noch wirksamer gegen diese Tragödien vorzugehen.
(1) SLRG , «Höchste Anzahl Ertrinkungsopfer seit knapp 20 Jahren», 17. August 2023
(2) BERBERAT Didier, Die Anzahl der Ertrinkungsfälle in der Schweiz reduzieren, Frage 07.1088, 19.09.2007
Antrag des Bundesrates
Ablehnung
Stellungnahme des Bundesrates
Der Bundesrat teilt die Sorge des Postulanten angesichts der hohen Zahl tödlicher Badeunfälle in Schweizer Gewässern und appelliert in erster Linie an die Selbstverantwortung (vgl. dazu seine Antwort auf die Anfrage 07.1088 Berberat «Reduzierung der Todesfälle durch Ertrinken in der Schweiz»). Der Bundesrat weist darauf hin, dass die unterschiedlichen Organisationen im Sportbereich, die Gemeinden wie auch die kantonalen Stellen und das BASPO in ihrem Zuständigkeitsbereich viel für die Sensibilisierung der Schwimmenden tun. Das BASPO z.B. bietet Jugend und Sport-Kurse für Leiterinnen und Leiter an, um Jugendliche möglichst sicher im Wasser unterrichten zu können. Die Beratungsstelle für Unfallverhütung (BFU), trägt durch Aufklärung und allgemeine Sicherheitsvorkehrungen ebenfalls zur Verhütung von Nichtberufsunfällen bei (Artikel 88 des Bundesgesetzes vom 20. März 1981 über die Unfallversicherung; UVG, SR 832.20). Auch die Schweizerische Lebensrettungs-Gesellschaft (SLRG) setzt sich für die Ertrinkungsprävention und die Förderung des Rettungsschwimmsports ein.Der Bundesrat beantwortet die Fragen 1 bis 4 wie folgt:Mögliche Gründe für die hohe Zahl an Badeunfällen sind – nach Einschätzung der BFU – unter anderem Folgende: die Altersgruppe der 61 – 90-Jährigen ist in den letzten Jahren grösser geworden. Die Menschen sind heute auch im höheren Alter fitter als früher und sind mehr auf, am und im Wasser unterwegs. In dieser Alterskategorie können aber auch vermehrt medizinische Probleme bei gleichzeitigem Überschätzen der körperlichen Leistungsfähigkeit eine Rolle spielen (siehe Medienmitteilung der SLRG vom 17. August 2023; www.slrg.ch / über uns /medien / Höchste Anzahl Ertrinkungsopfer seit knapp 20 Jahren). Zudem besteht ein Zusammenhang zwischen hohen Temperaturen sowie vielen Sonnenstunden in der Sommersaison und der Zahl an tödlichen Ertrinkungsunfällen. In einem lange andauernden und sehr warmen Sommer sind mehr Menschen im, auf und am Wasser unterwegs, was zu mehr Unfällen führt (www.bfu.ch / Bestellen & herunterladen / 2022 Wasser-Sicherheits-Forum WSF / Seite 19). Offene Gewässer sind für die BFU und die SLRG ein Schwerpunkt in ihrer Präventionsarbeit, was sich durch zahlreiche Präventionsaktivitäten zeigt. Die BFU beschäftigt sich zudem mit der Erhebung und der Erforschung des Unfallgeschehens. Der Bundesrat ist der Auffassung, dass bereits sehr viele Präventionsanstrengungen unternommen werden und kein Anlass besteht, einen Bericht zu erstellen, der den Bedarf und die notwendigen Mittel für eine bessere Prävention und einen besseren Schutz der Bevölkerung vor den Risiken des Ertrinkens in offenen Gewässern aufzeigt.
Der Bundesrat beantragt die Ablehnung des Postulates.