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Wie aussagekräftig ist die Studie zu "sexualisierter Gewalt" der Armeefachstelle "Frauen in der Armee und Diversity"?

24.4316 · Interpellation · 2024-12-09

Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport

Erledigt

Wortlaut

Kürzlich sorgte die Studie zu sexualiserter Gewalt» der Armeefachstelle "Frauen in der Armee und Diversity" mit dem Titel «Diskriminierung und sexualisierte Gewalt aufgrund des Geschlechts und/oder der sexuellen Orientierung in der Schweizer Armee» für Aufsehen. Laut dieser Studie haben z.B. über 90 Prozent der Frauen sexualisierte Gewalt erlebt. Knapp 50% sind von Diskriminierung betroffen.

Zweifellos kommt es in der Armee zu sexuellen Grenzüberschreitungen. Die Strategie der Nulltoleranz der Armeeführung ist sicher richtig. Es versteht sich von selbst, dass deren Umsetzung eine Führungsaufgabe ist und dass die strafrechtlich relevanten Fälle konsequent zu verfolgen sind.

Die unglaublich hohen Zahlen der Studie aber überraschen. Sie sind kritisch zu würdigen. In einem Artikel des «Schweizer Monat» ( Pseudowissenschaft von der Armee gegen die Armee – Schweizer Monat ) stellt Lukas Joos die Repräsentativität in Frage und spricht von wissenschaftlichem Unfug: Die Studie der Fachstelle beruhe auf einer Umfrage. Im Rahmen dieser Umfrage seien alle weiblichen Armeeangehörigen der Dienstgrade Soldat bis Oberst zur Teilnahme an einer Online-Umfrage eingeladen worden. In der Folge seien jene Frauen befragt worden, welche die Einladung annahmen. Dieses Verfahren biete den Studienleitern keine Möglichkeit auszuschliessen, dass sich die Teilnehmenden von den Nichtteilnehmenden durch ein grösseres Interesse an Diversity-Themen und/oder eine höhere Viktimisierungsquote unterscheiden. Dieser Mangel sei nicht das einzige methodologische Problem der Studie – aber er allein genüge, um den Resultaten jegliche Repräsentativität zu nehmen.

Ich bitte den Bundesrat, folgende Fragen zu beantworten:

  1. Wie beurteilt der Bundesrat die Anwendung der wissenschaftlichen Kriterien in dieser Studie, respektive wie stellt er sich zur Aussage, dass elementare wissenschaftliche Kriterien nicht eingehalten wurden?

  2. Hält der Bundesrat die Resultate der Studie für repräsentativ und realistisch?

  3. Wie beurteilt der BR die Tatsache, dass die Studienautoren Forschungen zur Integration der Frauen in die israelische Armee vollkommen unberücksichtigt liessen, obwohl Israel in Bezug auf diese Frage zweifellos das relevanteste Vergleichsbeispiel ist?

  4. Wie schätzt der BR die Wirkung der erfolgten, breiten Berichterstattung über offenbar systematische «sexualisierte Gewalt» in der CH-Armee auf a) die aktuellen und künftigen Angehörigen der Armee, b) die Gesellschaft sowie c) auf die internationale Reputation ein?

  5. Wie viel hat die Studie gekostet?

  6. Wer ist für die Qualitätssicherung und Überwachung der Einhaltung wissenschaftlicher Kriterien bei in Auftrag gegebenen Studien (wie z.B. bei Fachstelle "Frauen in der Armee und Diversity") zuständig?

Begründung

Studien des Bundes müssen auch im Bereich der Sicherheitspolitik und Armee den wissenschaftlichen Kriterien entsprechen. Ungerechtfertigte Kritik sowie eine Schlechtmachungder Schweizer Armee ist insbesondere in Zeiten einer erhöhten Gefahrenlage gleich aus mehreren Gründen kontraproduktiv: Sie schwächt das Ansehen der Armee, demotiviert künftige Mannschaften und Kader, Dienst zu leisten und schwächt sie vermindert die Dissuasion.

Antrag des Bundesrates

Annahme

Stellungnahme des Bundesrates

1. Bei der Beurteilung der Wissenschaftlichkeit einer quantitativen Studie gelten die allgemeinen Kriterien der empirischen Sozialwissenschaft. Wissenschaftlichen Standards folgt eine solche Studie, wenn sie präzise definiert, welcher Gegenstand mittels welcher Fragestellung und Methode wie untersucht wird. Diese Darlegung ermöglicht Aussenstehenden, die Ergebnisse zu überprüfen und dabei zu den gleichen Ergebnissen und Schlussfolgerungen zu gelangen wie die Studienautorinnen und Studienautoren. Dies ist bei der Studie zu «Diskriminierung und sexualisierter Gewalt in der Schweizer Armee» nach Auffassung des Bundesrates gegeben. 2. In der Studie wird transparent ausgewiesen, dass die Studiendaten für weibliche Angehörige der Armee repräsentativ sind, jedoch nicht für Männer, queere Angehörige der Armee oder die Gesamtarmee. Daher werden Auswertungen geschlechter- und gruppengetrennt erläutert und abgebildet, was den Richtlinien des Bundesrates über die Berücksichtigung des Geschlechts in Studien und Statistiken des Bundes entspricht (BBI 2024 410, https://www.fedlex.admin.ch/eli/fga/2024/410/de). Ebenfalls ausgewiesen ist der Aspekt, dass aufgrund der freiwilligen Teilnahme an einer Umfrage tendenziell die Teilnahmezahlen derer, die den Studieninhalten besonders positiv oder negativ gegenüberstehen, erhöht sein können. Die Realitätsnähe der Studie zeigt sich insbesondere im Vergleich mit analogen Studien aus unterschiedlichen Gesellschaftsbereichen, wie beispielsweise die Studie zu sexueller Belästigung am Arbeitsplatz (EBG/SECO 2024, https://www.newsd.admin.ch/newsd/message/attachments/90904.pdf). Diskriminierung und sexualisierte Gewalt ist folglich nach wie vor ein Problem in allen gesellschaftlichen Bereichen, besonders ausgeprägt bei hierarchischen Ordnungen, starken Machtgefällen und Abhängigkeiten sowie Konkurrenzverhalten. 3. Der Vergleich mit den Israeli Defence Forces wurde nicht angestellt, da Israel eine allgemeine Dienstpflicht für Frauen und Männer kennt und somit eine andere Ausgangslage aufweist. 4. Die Studie wird vom Bundesrat als positives Beispiel gewertet, da das Thema aktiv angesprochen wird. Dabei wirkt die transparente und umfassende Kommunikation vertrauensbildend, unterstreicht die 2023 von der Schweizer Armee beschlossene Nulltoleranz und verhindert die Tabuisierung. Die Studie stärkt die Schweizer Armee gegenüber ihren Angehörigen und der Gesellschaft, indem Vertrauen geschaffen, Verantwortung übernommen und psychologische Sicherheit gewährleistet wird.Auch international erhält das Thema Diskriminierung und sexualisierte Gewalt im militärischen Kontext zunehmende Beachtung – beispielsweise existiert ein NATO-Fragebogen zu «Sexual Violence in the Military». Folglich entspricht die Studie dem aktuellen Stand der internationalen wissenschaftlichen Diskussion. 5. Die Kosten der Studie beliefen sich auf rund 87 000 Schweizer Franken. 6. Die Datenerhebung fand in Zusammenarbeit mit einem externen Sozialforschungsinstitut statt, wodurch sichergestellt ist, dass die Datenerhebung anonym, unabhängig und wissenschaftlich erfolgte. Die üblichen Standards der wissenschaftlichen Forschung, wie externe Qualitätskontrolle und mehrfache Qualitätssicherung, wurden eingehalten.