19.3195 · Interpellation · 2019-03-21
Departement des Innern
Erledigt
Wortlaut
Gemäss einer Studie von Agroscope und der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften aus dem Jahr 2017 sind Landwirte häufiger von Burnout betroffen als der Durchschnitt der Bevölkerung. Bei Burnout sind die finanzielle Situation der Betriebe, der allgemeine Gesundheitszustand, Freizeitmangel und Zeitdruck sowie die enge Verflechtung von Arbeit und Familie und dadurch bedingte Konflikte zentral. Schutzfaktoren sind eine gute Beziehungsqualität, soziale Kompetenzen wie gute Selbstkontrolle und Entscheidungsfreudigkeit.
Die "Rundschau" hat im März 2017 einen Bericht über "Lebensmüde Landwirte" gesendet. Die Verzweiflung der Landwirte führe zu Schwermut und Suiziden, wenn keine Diskussionen mit der Familie, dem Umfeld oder dem bäuerlichen Sorgentelefon stattfänden. Die Politik frage sich, weshalb viele Bauern nicht mehr leben wollen, so die "Rundschau".
Die Studie "Versorgungssituation psychisch erkrankter Personen in der Schweiz", welche das Büro Bass im Jahr 2016 im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit verfasst hat, belegt einen Mangel "an psychiatrisch-psychotherapeutischen Fachpersonen in Institutionen und ländlicheren Gebieten". Auch wird ein genereller Mangel an "rasch zugänglichen Angeboten (in Krisen- und Notfallsituationen) auf dem Land" sowie ein "Mangel an Angeboten im ambulant-institutionellen und intermediären Setting" festgestellt.
Ich bitte den Bundesrat, folgende Fragen zu beantworten:
1. Ist ein statistischer Zusammenhang zwischen den Versorgungsengpässen an psychotherapeutischen Angeboten auf dem Land und der Zahl an Burnouts und Suiziden von Landwirten in den letzten Jahren feststellbar?
2. Welche Angebote der Burnoutprävention und der Suizidverhinderung von Landwirten gibt es? Sind diese Angebote bei den Landwirten bekannt und wie werden diese genutzt?
3. Welche Massnahmen wurden auf Stufe Bund ergriffen, um die Versorgungslücken auf dem Land und in Bergregionen zu beheben, die 2016 in der Studie Bass beschrieben wurden?
4. Welche Auswirkungen hat die vom Eidgenössischen Departement des Innern angekündigte Verordnungsänderung vom Delegations- zum Anordnungsmodell bezüglich des Zugangs zu psychotherapeutischen Leistungen in ländlichen Gebieten und Bergregionen?
Stellungnahme des Bundesrates
1. Gemäss einer Literaturanalyse der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften über Suizid in der Landwirtschaft (Hafl 2018) existieren in der Schweiz keine aktuellen Studien zu Suiziden und Burnouts von Landwirten. Grundsätzlich kann mit den vorhandenen Daten kein Zusammenhang zwischen Krankheit und fehlenden psychotherapeutischen Angeboten untersucht werden. In der Schweizerischen Gesundheitsbefragung berichten die in der Landwirtschaft tätigen Männer und Frauen aber weniger oft über psychische Belastungen als die übrige Bevölkerung (Agrarbericht 2014). Sie weisen zudem generell eine geringere Anzahl an Arztbesuchen auf.
2. In der Schweiz gibt es verschiedene der Gesamtbevölkerung zugängliche Angebote der Suizidprävention. Dies zeigte sich in der Erarbeitung des Nationalen Aktionsplans Suizidprävention 2016 des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) und wurde in der Literaturanalyse der Hafl (2018) bestätigt.
Das Sorgentelefon der Dargebotenen Hand ist für alle Menschen in der Schweiz rund um die Uhr erreichbar. Wie eine Befragung im Auftrag des BAG 2017 zeigt, kennen aber nur 40 Prozent der Bevölkerung dieses Beratungsangebot.
Darüber hinaus gibt es zielgruppenspezifische Angebote. Die Schweizerische reformierte Arbeitsgemeinschaft Kirche und Landwirtschaft betreibt überkonfessionell ein Sorgentelefon. Zudem wird vom Schweizerischen Bäuerinnen- und Landfrauenverband eine Homepage betrieben, über welche in der Landwirtschaft tätige Männer und Frauen einfach Hilfe und Unterstützung erhalten. Diese Vermittlungsplattform wird mit über tausend Anrufen pro Monat häufig kontaktiert. Für Notfälle wird auf das Sorgentelefon der Dargebotenen Hand verwiesen. Auch mit Zeitungsartikeln in landwirtschaftlichen Zeitungen werden in der Landwirtschaft tätige Personen über die Thematik Burnout und Krisen sensibilisiert sowie über die verschiedenen Angebote informiert.
Zu begrüssen ist zudem, dass verschiedene Kantone in der Suizidprävention aktiv sind: Der Kanton Waadt schult Personen, die in Kontakt mit Landwirtinnen und Landwirten stehen. Sogenannte Sentinelles (Wachposten) sind zum Beispiel Tierärzte, Kontrolleure, Treuhänder oder Verkäufer. Sie sollen Warnsignale bei Krisen erkennen und wissen, was zu tun ist. Im Kanton Bern besteht eine gute Zusammenarbeit zwischen dem landwirtschaftlichen Bildungszentrum Inforama und klinischen Fachstellen. Im Kanton Graubünden wurde an der landwirtschaftlichen Schule Plantahof die Wanderausstellung Suizidprävention gezeigt.
Auch der Bund engagiert sich: das BAG generell im Rahmen der Umsetzung des Aktionsplans Suizidprävention, das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) spezifisch für Landwirte. Das BLW hat am 10. September 2018 eine nationale Tagung zur Suizidprävention bei Landwirten durchgeführt und hat Informationen und Links zu Hilfsangeboten auf der BLW-Homepage aufgeführt. Zudem trifft sich das BLW regelmässig mit den in diesem Bereich relevanten Akteuren.
3. Der Bundesrat ist sich der im Bericht des Büros Bass dargestellten Zugangs- und Versorgungsschwierigkeiten bewusst. Je ländlicher, umso grösser ist der Mangel an psychiatrisch-psychotherapeutisch tätigen Fachpersonen. Die Planung der Gesundheitsversorgung liegt jedoch in der Verantwortung der Kantone. Der Bundesrat begrüsst daher Massnahmen auf kantonaler Ebene, um die Situation zu verbessern.
4. Im Anordnungsmodell sind psychologische Psychotherapeutinnen und -therapeuten für die Abrechnungen über die obligatorische Krankenpflegeversicherung nicht mehr auf delegierende Ärztinnen und Ärzte angewiesen. Das Angebot an Leistungserbringer wird erweitert. Es bleibt jedoch offen, ob die Erhöhung der Anzahl Leistungserbringer ausreicht, um auch die Angebote auf dem Land zu erhöhen.
Antwort des Bundesrates.