20.3830 · Interpellation · 2020-06-19
Departement des Innern
Erledigt
Wortlaut
Gemäss der Weltgesundheitsorganisation WHO soll Depression bis 2021 die zweit häufigste psychische Erkrankung werden. Der WHO zufolge waren 2015 rund 332 Millionen Menschen betroffen, das sind 4,4 Prozent der Weltbevölkerung, mehr als ein Drittel der Bevölkerung leidet mindestens einmal im Leben an einer depressiven Erkrankung.
Folglich erkranken gemäss Bundesamt für Statistik auch immer mehr Jugendliche an einer Depression oder anderen psychischen Leiden. In der Alterskategorie von 15-24 Jahren erkranken bei den Männern 12,3 Prozent, bei den Frauen 13,9 Prozent an einer Depression.
Aus verschiedenen Studien sowie aus eigener Erfahrung als langjähriger Assistenzarzt in der Psychiatrie ist zudem eines klar: Kinder und Jugendliche mit psychischen Erkrankungen leiden besonders stark unter der damit verbundenen Stigmatisierung und Mobbing. Die Suizidalität und die Suizidrate sind immer noch sehr hoch in dieser Alterskategorie.
Die Jugendlichen selber sowie die Eltern und Lehrpersonen sind im Umgang mit den psychischen Leiden und deren Folgen überfordert. Häufig ist ihnen nicht bekannt, wie sie helfen können beziehungsweise wo sie Hilfe holen können.
Zwar sind Depressionen und andere psychische Leiden Bestandteil der Ausbildung zur Lehrperson sowie der Lehrpläne für die Jugendlichen, aber dies reicht nicht, um auf diese Situationen vorbereitet zu sein. Es besteht Handlungsbedarf, damit ein jahrelanges Leiden und die dadurch entstehenden irreparablen Schäden möglichst verhindert werden können.
In diesem Zusammenhang bitte ich den Bundesrat um Beantwortung folgender Fragen:
1. Welche Massnahmen wurden bisher ergriffen, damit schweizweit einheitlich möglichst viele Jugendliche, Eltern sowie Lehrpersonen und andere Bezugspersonen von Kindern und Jugendlichen genügend auf das mögliche Auftreten psychischer Krankheiten vorbereitet sind und die Anlaufstellen bekannt sind?
2. Wie viel Platz nimmt die Sensibilisierung der Lehrpersonen für das Thema in deren Aus- und Weiterbildung ein?
3. Welche Massnahmen plant der Bundesrat, damit in Zukunft die Sensibilisierung für das Thema zunimmt?
4. Wie kann zukünftig das Thema verbindlicher in die Lehrpläne eingebunden werden?
5. Wie kann die Schaffung von niederschwelligen Hilfsangeboten landesweit gefördert werden, was gemäss wissenschaftlichen Studien für eine Früherkennung und zeitnahe Behandlung zentral ist?
Stellungnahme des Bundesrates
1. und 3. Der Bundesrat kennt die Bedeutung der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Massnahmen zur Förderung der psychischen Gesundheit oder zur Prävention psychischer Krankheiten (z.B. Sensibilisierung, Anlaufstellen) fallen jedoch in die Zuständigkeit der Kantone. Der Bund nimmt hingegen Koordinationsaufgaben wahr. In der neuen bundesrätlichen Strategie Gesundheit 2030 ist die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen als eine von 16 Stossrichtungen verankert.
Schulen (Lehrpersonen, Schulsozialarbeitende, Schulpsychologinnen und -psychologen) sind wichtige Anlaufstellen für Kinder, Jugendliche und Eltern. Im Konzept Früherkennung und Frühintervention (F+F) des Bundesamts für Gesundheit (BAG), das im Rahmen der Nationalen Strategie zur Prävention von nichtübertragbaren Krankheiten und der Nationalen Strategie Sucht erarbeitet wurde, ist die Schnittstelle zwischen Lehrpersonen und Fachpersonen ein zentrales Thema. Besonders in der Vernetzung und der interdisziplinären Zusammenarbeit sieht der Bundesrat Handlungsbedarf. Das BAG hat der Fachhochschule Nordwestschweiz deshalb den Auftrag für die Ausarbeitung von Grundlagendokumenten und Instrumenten für die Praxis erteilt.
Education21, Fachagentur der Eidgenössischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) und vom Bund mitgetragen, stellt für Lehrpersonen unter anderem zu psychischer Gesundheit Inhalte zusammen und bereitet diese für den Unterricht oder das Schulumfeld auf.
Der Dialog Nationale Gesundheitspolitik, die Dialogplattform zwischen Bund und Kantonen im Bereich der Gesundheit, hat 2015 den Bericht "Psychische Gesundheit in der Schweiz: Bestandsaufnahme und Handlungsfelder" verabschiedet. Im Rahmen seiner Umsetzung setzt die Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz in Zusammenarbeit mit 21 Kantonen seit 2017 kantonale Aktionsprogramme (KAP) zur Förderung der psychischen Gesundheit um. Der Fokus der KAP liegt u.a. auf der Zielgruppe der Kinder und Jugendlichen und ihren Bezugspersonen.
Weiter setzt sich das "bildung + gesundheit Netzwerk Schweiz", ein Programm des BAG, für die Implementierung von Prävention und Gesundheitsförderung im schulischen Kontext sowie die Zusammenarbeit und Koordination der verschiedenen Akteure ein.
2. Die Sensibilisierung für psychische Leiden sind Bestandteil der Ausbildung von Lehrpersonen. Die Verantwortlichkeiten diesbezüglich liegen jedoch bei den jeweiligen Kantonen respektive bei den Pädagogischen Hochschulen.
Im Rahmen der Berufsbildung ist der Bund zuständig für die pädagogische Berufsausbildung der Berufsbildnerinnen und Berufsbildner in Lehrbetrieben und der Lehrpersonen der Berufsschulen, der Berufsfachschulen und der Fachschulen. Der Rahmenlehrplan jedes Studiengangs beinhaltet das Ziel der Sensibilisierung für ausserschulische Probleme der Zielgruppe in der Ausbildung sowie Kenntnisse über Beratungsangebote.
4. Der Bereich der obligatorischen Schule liegt in der Hoheit der Kantone. Der Bundesrat sieht somit davon ab, sich zur inhaltlichen Ausgestaltung der sprachregionalen Lehrpläne zu äussern. Im Berufsbildungsbereich definiert der Rahmenlehrplan im allgemeinbildenden Unterricht an der Berufsfachschule klare Bildungsziele zum Thema der Identität und Sozialisation von Lernenden. Der Rahmenlehrplan wird vom Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) erlassen und ist Grundlage für die Schullehrpläne der Berufsfachschulen.
5. Mit der Umsetzung des Konzepts F+F fördert das BAG die Schaffung von niederschwelligen Hilfsangeboten in der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen. Seit 2019 werden mit verschiedenen Massnahmen Bezugspersonen im Umfeld von Kindern und Jugendlichen insbesondere an der Schule, in Jugendorganisationen, in Freizeitverbänden und in der offenen Jugendarbeit im Bereich F+F weitergebildet und sensibilisiert. Im Rahmen des Förderprogramms Interprofessionalität wird das BAG in den nächsten Monaten zudem die Haus- und Kinderärzteschaft mittels Fachinformationen für das Thema psychische Gesundheit sensibilisieren und Flyer für Kinder und Jugendliche zur Verfügung stellen, welche den Patientinnen und Patienten abgegeben werden können.
Antwort des Bundesrates.