Lexipedia

21.3177 · Postulat · 2021-03-15

Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung

Erledigt

Wortlaut

Der Bundesrat wird beauftragt, die vorhandenen und herangezogenen Zahlen und Inventare zur Berechnung der Nährstoffverluste und der Nährstoffüberschüsse bei Stickstoff (N) und Phosphor (P) aus der Landwirtschaft und den übrigen relevanten Bereichen hinsichtlich ihrer Verlässlichkeit zu überprüfen, Lücken und Fehlbereiche zu identifizieren und diese zu quantifizieren. Der Bundesrat sorgt zudem dafür, dass bei den Nährstoffverlusten künftig eine Unterscheidung zwischen vermeidbaren und unvermeidbaren Verlusten vorgenommen wird.

Begründung

Der Bund hat verschiedene Berichte vorgelegt, die Zahlen zu den Verlusten von N und P liefern. Die Fehlerbereiche bzw. Diskrepanzen zwischen den verschiedenen Inventaren und Methoden der Datenerhebung sind dabei äusserst bedeutend. Differenzen, Spannbreiten und Unsicherheiten von 20 bis 50 Prozent sind keine Seltenheit. Die Autoren der Berichte gehen auf die Differenzen, Spannbreiten und Unsicherheiten ein und diskutieren diese auch. Trotzdem bilden diese keine verlässliche bzw. vertrauensbildende Basis für die Berechnung von Reduktionszielen. Folgende Beispiele sollen dies veranschaulichen:

- Beispiel aus dem Bereich Stickstoff: Gemäss Dokument Stickstoffflüsse in der Schweiz (BAFU, 2013. Stickstoffflüsse in der Schweiz 2020) wird die Auswaschung von N aus der Landwirtschaft mit 34 000 t N +/- 8700 t N angegeben, Emission aus landwirtschaftlichen Böden mit 38 370 t N +/- 15 690 t N. Der Fehlerbereich bewegt sich somit im Rahmen von 40,1 Prozent der geschätzten Verluste, oder in absoluten Zahlen ausgedrückt, können sich die Verluste von 22 680 t N bis 54 060 t N bewegen.

- Beispiel aus dem Bereich Phosphor: Im Bericht des BAFU (BAFU 2009. Phosphorflüsse der Schweiz. Stand, Risiken und Handlungsoptionen) wurden die P-Flüsse der Schweiz für das Bezugsjahr 2006 berechnet. Der Bericht kommt auf ein Total von 1091 t P Verluste aus diffusen Quellen. Damit sind sie deutlich tiefer als MODIFFUS mit 3490 t P. Die MODIFFUS-Werte betragen somit mehr als 300 Prozent der Werte aus dem BAFU-Bericht.

Verluste von N und P aus der Landwirtschaft erscheinen in anderen Subsystemen wie Luft oder Gewässer als Einträge. Um diese Einträge zu reduzieren, wird eine Reduktion der Nährstoffverluste gefordert, und zwar anteilsmässig zum Mittelwert der Verluste in den Jahren 2014-2016. Ein Teil dieser Verluste ist aber nicht vermeidbar, weil natürliche Prozesse, z. B. bei der N-Mineralisation im Boden, eine massgebliche Rolle spielen. Diese Prozesse können häufig nicht beeinflusst werden.

Für die geforderten Reduktionen in der Landwirtschaft, die im Verhältnis zu den tatsächlichen Verlusten formuliert werden sollen, ist eine möglichst präzise Kenntnis der Ausgangsdaten unabdingbar. Diese ist einerseits relevant für das Controlling, ob die geforderten Ziele erreicht werden, andererseits sind die Zahlen relevant, um die grossen Hebel zu kennen und die richtigen Massnahmen am richtigen Ort zu ergreifen.

Antrag des Bundesrates

Der Bundesrat beantragt die Ablehnung des Postulates.

Stellungnahme des Bundesrates

In den letzten Reformetappen der Agrarpolitik wurde für die Zielsetzung und die Berichterstattung zu den Stickstoff- und Phosphorverlusten der Schweizer Landwirtschaft jeweils die sogenannte "OSPAR-Methode" (nationale Input-Output-Bilanz-Methode) verwendet, ebenso in der jährlichen Berichterstattung im Agrarbericht. Die Methode stützt sich auf den im Übereinkommen zum Schutz der Meeresumwelt des Nordatlantiks ("OSPAR-Konvention", SR 0.814.293) festgelegten Ansatz ab. Gemäss dem in der Parlamentarischen Initiative 19.475 "Das Risiko beim Einsatz von Pestiziden reduzieren" beschlossenen Artikel 6a Absatz 2 LwG (BBl 2021 665) legt der Bundesrat ein Reduktionsziel für Nährstoffverluste sowie die Methode zur Berechnung der Zielerreichung fest. Der Bundesrat schlägt in der Vernehmlassung zum Verordnungspaket zur Umsetzung der pa. iv. 19.475 die OSPAR-Methode zur Evaluation der Zielerreichung vor.

Mit der OSPAR-Methode wird die Bilanzierung für die gesamte Landwirtschaft (Pflanzenbau und Tierhaltung) durchgeführt. Die schweizerische Landwirtschaft wird somit als eine Einheit betrachtet. Die Nährstoffbilanz wird aufgrund des Nährstoff-Inputs in die Landwirtschaft (Import aus dem Ausland und aus anderen inländischen Wirtschaftssektoren) und des Nährstoff-Outputs aus der Landwirtschaft (Export ins Ausland und in andere inländische Wirtschaftssektoren) erstellt (Input-Output-Bilanz). Der Bilanzsaldo, der auch als Nährstoffüberschuss bezeichnet wird, umfasst die Bodenvorratsänderung sowie die gesamten Verluste (gasförmige Emissionen, Auswaschung, Abschwemmung, Erosion, etc).

Agroscope hat die OSPAR-Methode kürzlich überprüft und die Ergebnisse in einem wissenschaftlichen Bericht veröffentlicht (Spiess E. und Liebisch F., 2020, Nährstoffbilanz der schweizerischen Landwirtschaft für die Jahre 1975 bis 2018, Agroscope Science 100; www.agroscope.admin.ch > Publikationen > Publikationssuche > Agroscope Science). Gemäss dem Bericht kann der mit der OSPAR-Methode berechnete Nährstoffüberschuss der Landwirtschaft über längere Perioden betrachtet als Indikator für die Umweltbelastung (Luft, Gewässer) herangezogen werden. Für die Verwendung der OSPAR-Methode zur Evaluation der Zielerreichung im Zusammenhang mit dem Absenkpfad spricht der Umstand, dass das gesamte Landwirtschaftssystem Schweiz bilanziert wird, die vergleichsweise kleinen Unsicherheiten bei den verschiedenen verwendeten Parametern, die langjährige Erfahrung in der Schweiz sowie die internationale Abstützung.

Ein Teil der Nährstoffverluste aus der Landwirtschaft ist biologisch bedingt und unvermeidbar. Der Anteil unvermeidbarer Verluste hängt davon ab, welche Produkte mit welchen Produktionssystemen (z.B. Anteil und Ausgestaltung von Weidehaltungssystemen) hergestellt werden. Die Anteile sind von Betrieb zu Betrieb stark unterschiedlich. In der einzelbetrieblichen Methode zum Nachweis einer ausgeglichenen Düngerbilanz, wie sie im Ökologischen Leistungsnachweis verlangt ist, wird unvermeidbaren Verlusten Rechnung getragen.

Auf nationaler Ebene ist eine Unterscheidung zwischen vermeidbaren und unvermeidbaren Nährstoffverlusten nicht zielführend, da auch unvermeidbare Verluste die Umwelt belasten.

In Erfüllung des in der pa. iv. 19.475 beschlossenen Artikels 6a Absatz 2 LwG (BBl 2021 665) werden die betroffenen Branchen- und Produzentenorganisationen sowie weitere betroffene Organisationen zurzeit anlässlich mehrerer Treffen unter anderem zur Bilanzierungsmethodik angehört. Zur Anhörung gehört auch die Vernehmlassung zum Verordnungspaket zur Umsetzung der pa. iv. 19.475.

Aktuell laufen demnach verschiedene Arbeiten zum Thema Nährstoffverluste in der Landwirtschaft oder sind soeben publiziert worden. Ein zusätzlicher Bericht ist aus Sicht des Bundesrates daher nicht nötig.

Der Bundesrat beantragt die Ablehnung des Postulates.

Nährstoffverluste. Verlässliche Grundlagen zur Verfügung stellen | Lexipedia | Lexipedia