21.3612 · Interpellation · 2021-05-31
Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung
Erledigt
Wortlaut
Ich danke dem Bundesrat für seine Antworten auf folgende Fragen:
- Beabsichtigen die betroffenen Dienste, epidemiologische Forschung zu betreiben über die Auswirkungen von Neonicotinoiden - und von anderen synthetischen Pestiziden mit analogen Wirkmechanismen (z.B. Sulfoxaflor) - auf die menschliche Gesundheit, insbesondere jene von Kindern?
- Falls nicht, gedenkt der Bundesrat, unabhängige Forschung in diesem Bereich zu finanzieren / politisch zu fördern (nebst den Geldern aus dem Fonds für die Forschung)?
- Welche Massnahmen gedenkt der Bundesrat kurz- und mittelfristig zu ergreifen, um die Belastung der Bevölkerung und insbesondere von Kindern mit diesen hochgiftigen Stoffen sowohl in der Schweiz wie auch für importierte Produkte zu stoppen?
Begründung
Professor Bernard Laubscher, Chefarzt der Pädiatrie am Spital Neuenburg (RHNe) und Belegarzt am Lausanner Universitätsspital (CHUV), hat in Zusammenarbeit mit der Universität Neuenburg und der pädiatrischen Onkologie des CHUV eine Studie über Neonicotinoide in der Hirnflüssigkeit von 14 Kindern mit Leukämie/Lymphomen geführt.
Die Proben konnten bei jungen Patientinnen und Patienten entnommen werden, die mit Infusionen von Chemotherapeutika beim Gehirn behandelt werden. Im Rahmen dieser Behandlung wird eine kleine Menge Hirnflüssigkeit entnommen, was eine ethisch vertretbare Probeentnahme ermöglicht.
Die Studie, die weltweit erste dieser Art, war bereits Thema diverser Presseartikel und wird demnächst in einer wissenschaftlichen Zeitschrift publiziert. Bis dahin hatten nur wenige Studien (vor allem in Asien) Spuren von Neonicotinoiden im Urin von Kindern festgestellt.
Neonicotinoide sind hochtoxische synthetische Pestizide, die 3 bis 10 000 Mal stärker wirken als DDT (Dichlordiphenyltrchlorethan) und in der Schweiz regelmässig verwendet werden, insbesondere in diversen Insektiziden. Vor Kurzem wurde ein stark wirkendes Neonicotinoid für die Blattbehandlung von Zuckerrüben bewilligt.
Neonicotinoide sind für das Nervensystem von Insekten gefährlich. Das Ziel der genannten Studie war es, so nahe wie möglich an das menschliche Nervensystem zu gelangen.
Die Ergebnisse sind unerwartet und besorgniserregend: 14 von 14 getesteten Kindern haben Neonicotinoide in der Hirnflüssigkeit, also in unmittelbarer Nähe des Gehirns. Sechs Kinder weisen bis zu drei verschiedene Neonicotinoide auf.
Das Ergebnis dieser Studie lässt für die beteiligten Forscherinnen und Forscher den Schluss zu, dass wir es mit einer chronischen Belastung der gesamten Bevölkerung zu tun haben.
Es stellt sich die Frage, ob die unmittelbare Nähe dieser Insektizide zum Gehirn von Kindern mit Leukämie bei der Entwicklung dieser Krebsformen mitwirkt.
Diese Frage ist natürlich ein Problem für die öffentliche Gesundheit.
Stellungnahme des Bundesrates
1. Der Bundesrat unterstützt mehrere Gesundheitsüberwachungsprogramme wie beispielsweise das Ernährungsmonitoring des Bundesamtes für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) und das Biomonitoring-Projekt des Bundesamtes für Gesundheit (BAG), das sich derzeit in der Pilotphase befindet. Diese Art von regelmässiger Studie - die auf verschiedene Substanzen und Bevölkerungsgruppen ausgeweitet werden kann - ermöglicht es, allfällige Sicherheitsmängel im Bereich der Pflanzenschutzmittel zu erkennen und geeignete Korrekturmassnahmen zu ergreifen. Durch die Kombination mit Gesundheitsdaten der Bevölkerung sollen mit dem Biomonitoring-Projekt potenziell schädliche Auswirkungen bestimmter Expositionen auf die menschliche Gesundheit ermittelt werden. Neonicotinoide, die gemäss der guten landwirtschaftlichen Praxis und den gängigen Verfahren zum Einsatz kommen, haben nach dem derzeitigen Stand der Wissenschaft keine schädlichen Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit. Der Bundesrat erwägt daher nicht, spezifische epidemiologische Studien zu lancieren.
2. Der Bund unterstützt die unabhängige Forschung durch nationale Forschungsförderungsinstitutionen wie den Schweizerischen Nationalfonds oder die Akademien der Wissenschaften Schweiz. Darüber hinaus unterstützt der Bund auch eine Forschungsinfrastruktur von nationaler Bedeutung, das Schweizerische Zentrum für Angewandte Humantoxikologie (SCAHT), das einen Teil seiner Aktivitäten der Problematik der Toxizität von Pflanzenschutzmitteln widmet.
3. Alle Pflanzenschutzmittel unterliegen einem Zulassungsverfahren, um den Schutz der menschlichen Gesundheit und der Umwelt zu gewährleisten. Ausserdem werden die Pflanzenschutzmittel einem regelmässigen Überprüfungsverfahren unterzogen, um den neusten wissenschaftlichen Erkenntnissen Rechnung zu tragen. In der Folge wurde in den letzten Jahren mehreren Neonicotinoiden aufgrund ihrer Toxizität für Bestäuber - und nicht wegen einer Gefahr für die menschliche Gesundheit - die Bewilligung entzogen.
Antwort des Bundesrates.