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Behandlung von Adipositas mit Diabetesmedikamenten. Was sind die Folgen für unser Gesundheitssystem?

24.4243 · Interpellation · 2024-09-27

Departement des Innern

Stellungnahme zum Vorstoss liegt vor

Wortlaut

Damit die neuen Medikamente zur Behandlung von Adipositas von der Krankenkasse übernommen werden, müssen sie von einer Fachärztin oder einem Facharzt für Endokrinologie/Diabetologie verschrieben werden. Diese Ärztinnen und Ärzten sehen sich mit einer massiven Zunahme von Konsultationen konfrontiert und sind nicht mehr in der Lage, die anderen Patientinnen und Patienten, insbesondere Personen mit Diabetes, angemessen zu behandeln.

Dies hat insbesondere damit zu tun, dass Adipositas mittlerweile epidemische Ausmasse angenommen hat (43 % der Schweizer Bevölkerung ist übergewichtig oder adipös).

Hinzu kommt, dass die Übernahme der Kosten durch die Krankenversicherung in diesem Kontext deutlich komplexer geworden ist. Wie der Bundesrat in seiner Antwort auf die Interpellation 24.3222 ausführt, muss unterschieden werden zwischen GLP-1-Medikamenten, die für die Behandlung von Adipositas bestimmt sind (Wegovy, Saxenda ...), und Medikamenten, die für die Behandlung von Diabetes bestimmt sind, jedoch auch zur Gewichtsabnahme verschrieben werden können (Ozempic, Off-Label-Use). Im ersten Fall ist eine Übernahme durch die Krankenversicherung möglich, im zweiten Fall hingegen nicht.

Schliesslich führt die Verschreibung von Diabetesmedikamenten (z.B. Ozempic) durch nicht spezialisierte Ärztinnen und Ärzte im Rahmen einer Behandlung von Adipositas dazu, dass die Versorgungslage unter Druck gerät und ein Risiko von Engpässen bei der Behandlung von Personen mit Diabetes besteht. Dies ist sehr besorgniserregend.

Der Bundesrat wird gebeten, die folgenden Fragen zu beantworten:

  • Welche Analyse der Kosten, die unserem Gesundheitssystem durch die vermehrte Verschreibung von Wegovy, Saxenda und von Ozempic im Rahmen von Behandlungen gegen Adipositas entstehen, wurden durchgeführt? Zu welchen Ergebnissen kam die Analyse?
  • Was gedenkt der Bundesrat gegen die Gefahr zu tun, dass es aufgrund der Verwendung von Diabetesmedikamenten in der Behandlung von Adipositas für Personen mit Diabetes zu Medikamentenengpässen kommt?
  • Welcher Anteil der Bevölkerung wird für die Behandlung von Diabetes beziehungsweise für die Behandlung von Adipositas mittelfristig auf diese Medikamente zurückgreifen?
  • Wie gedenkt der Bundesrat diese neuen Behandlungen in seine Politik zur Bekämpfung nichtübertragbarer Krankheiten zu integrieren?

Stellungnahme des Bundesrates

1. und 3. Aktuell werden zwei vergleichbare Arzneimittel zur Behandlung von Adipositas vergütet: Saxenda (Liraglutid) seit Ende 2020 und Wegovy (Semaglutid) seit März 2024. Vor der Aufnahme in die Spezialitätenliste (SL) prüft das Bundesamt für Gesundheit (BAG) Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit inklusive der möglichen Kostenfolgen von Arzneimitteln für die obligatorische Krankenpflegeversicherung (OKP). Bei der Aufnahme von WEGOVY definierte das BAG Auflagen zur Eindämmung hoher Kostenfolgen sowie eine strenge Limitierung mit Auflagen für eine kontrollierte Vergütung nur für stark adipöse Personen. Eine Analyse über die effektiven Kosten ist schwierig, da WEGOVY erst seit 7 Monaten vergütet wird, SAXENDA und WEGOVY lange nicht verfügbar waren und eine Substitution durch die Diabetesmedikamente OZEMPIC (Semaglutid) und RYBELSUS (Semaglutid) stattfand. Von August 2023 bis Juli 2024 betrugen die OKP-Kosten für Saxenda 16.1 Mio., Wegovy 14.1 Mio., Rybelsus 35.9 Mio. und Ozempic 63.1 Mio. Franken (Insgesamt 129.1 Mio. Franken / Quelle SASIS). OZEMPIC und RYBELSUS wurden aber auch für Diabetes eingesetzt. Eine Aussage zu Spareffekten durch die Vermeidung von Folgeerkrankungen von Adipositas kann aufgrund der vorliegenden Daten nicht gemacht werden. In der Schweiz sind etwa 12 % der Bevölkerung von starkem Übergewicht betroffen. Würden alle diese Personen mit WEGOVY zu Jahrestherapiekosten von 2333 CHF behandelt, wären die Kosten mit über 2 Milliarden Franken pro Jahr enorm hoch. Realistischerweise geht das BAG aufgrund der Einschränkungen der Limitierung, der genannten Marktzahlen und Rückmeldungen von Krankenversicherern mittelfristig von Kosten für die OKP von über 100 Millionen Franken pro Jahr aus. Für den Bundesrat ist es wichtig, dass solche Hochkostenarzneimittel aufgrund der stark überdurchschnittlich wachsenden Kosten im Arzneimittelbereich engmaschig überwacht werden und bei Bedarf Massnahmen zur Kostendämpfung umgesetzt werden können. Die derzeit im Rahmen des Kostendämpfungspakets 2 im Parlament diskutierten Kostenfolgemodelle (Mengenrabatte) würden dem BAG entsprechende Möglichkeiten geben.2. Weltweit sind aufgrund der hohen Nachfrage für WEGOVY insbesondere bei OZEMPIC Lieferengpässe entstanden. Der Off-Label-Einsatz von OZEMPIC zur Behandlung von Adipositas geht seit der Vergütung von WEGOVY zurück, sodass OZEMPIC wieder vermehrt für Diabetiker verfügbar ist.4. Der Bundesrat setzt sich für eine Verbesserung der Situation bezüglich Übergewicht und Adipositas ein. Diese Thematik gehört zu den drei Schwerpunkten des Massnahmenplans 2025–2028 zur Nationalen Strategie Prävention nichtübertragbarer Krankheiten (NCD-Strategie). In diesem Sinne ist sich der Bundesrat der bestehenden Herausforderungen bewusst. Er beabsichtigt jedoch nicht, medikamentöse Behandlungen in die NCD-Strategie einzubinden, da diese auf die Verminderung der Risikofaktoren und die Förderung von gesundheitsfördernden Verhaltensweisen setzt.