19.4470 · Interpellation · 2019-12-18
Departement des Innern
Erledigt
Wortlaut
Die Datenerfassung in Bezug auf Kinder entspricht nicht mehr den gesellschaftlichen Realitäten. Gerade im Bereich Mobilität und Verkehr fehlen Daten, welche die Chancen der Kinder für ein gesundes Aufwachsen in unserer Gesellschaft verbessern könnten. Bis anhin wird die Mobilität von Kindern erst ab dem sechsten Altersjahr erhoben. Diese Altersgrenze entspricht nicht mehr den gesellschaftlichen Gegebenheiten. Ein grosser Teil der Kinder geht bereits mit vier Jahren in den Kindergarten und viele Kinder benützen in ihrem Umfeld und auf ihren Wegen ein Kinderfahrrad, um nur zwei Beispiele herauszugreifen. Es wird auch nicht erfasst, ob Kinder auf ihren Wegen von einer erwachsenen Person begleitet werden oder nicht. Eine selbständige Mobilität ist aber essenziell für die Entwicklung der Kinder. Wenn sie nicht eigenständig zur Schule oder nach draussen gehen können, so wird ihre kindliche Entwicklung stark beeinträchtigt. So wird beim Mikrozensus "Mobilität und Verkehr" auch nur das zielgerichtete Verhalten erfasst, d.h. die Wege zur Arbeit, zur Schule oder in der Freizeit. Bei Kindern und Jugendlichen lassen sich die zielgerichtete und die weniger zielgerichtete Mobilität jedoch nicht so klar voneinander abgrenzen. Insbesondere jüngere Kinder verbringen nach wie vor einen grossen Teil ihrer Zeit im eigenen Wohnumfeld, in der unmittelbaren Nachbarschaft oder im eigenen Quartier. Diesem Zusammenhang bitte ich den Bundesrat um die Beantwortung folgender Fragen:
1. Wie kann die Mobilität der Kinder ab dem ersten Lebensjahr erfasst werden?
2.Wie kann evaluiert werden, ob sich Kinder bis 16 Jahren allein oder in Begleitung bewegen?
3. Wie kann auch die nichtzielgerichtete Mobilität und das Spiel im Freien erfasst werden?
Stellungnahme des Bundesrates
Der Bundesrat ist sich der gesellschaftlichen Veränderungen und namentlich des früheren Schuleintritts mit HarmoS bewusst. Im Hinblick auf Datenerhebungen haben Eltern allerdings häufig Bedenken, Informationen zu ihren Kindern zu liefern. Aus diesem Grund gibt es kaum öffentliche Erhebungen zu Kindern unter sechs Jahren. Es wurden jedoch vertiefte Analysen zur Mobilität von Kindern ab sechs Jahren durchgeführt, die hauptsächlich auf den Zahlen des Mikrozensus Mobilität und Verkehr basieren.
1. Im Zusammenhang mit der obligatorischen Einschulung ab vier Jahren hat die Pilotgruppe des Mikrozensus Mobilität und Verkehr im Rahmen der Erhebung 2015 die Möglichkeit untersucht, das Mindestalter auf vier Jahre zu senken. Dadurch hätte sich jedoch der Aufwand für die Befragten erheblich erhöht und es hätten angesichts der schlechten Datenqualität kaum zusätzliche Erkenntnisse gewonnen werden können. Die Befragung findet über eine Drittperson statt, und diese ist nicht unbedingt über sämtliche Bewegungen des Kindes und die verwendeten Verkehrsmittel informiert, was sich negativ auf die Qualität der Daten auswirkt. Darüber hinaus wäre der Anteil von Kindern unter sechs Jahren in der Stichprobe zum Mikrozensus Mobilität und Verkehr zu gering, um statistisch relevante Schlussfolgerungen zu ziehen. Das Kosten-Nutzen-Verhältnis wurde deshalb als schlecht eingestuft. Seitherhat sich der Kontext nicht verändert und die Analyse der Situation ist nach wie vor aktuell.
2. Aus statistischer Sicht ist es äusserst schwierig, die Mobilität von Kindern bis 16 Jahren zu evaluieren. Die Begleitung der Kinder (Familie, Tageseltern, Au-Pair, Krippe) kann stark variieren und die verwendeten Fortbewegungsmittel (Pedibus, Kinderwagen, Trottinett, Velo usw.) können noch unterschiedlicher sein als bei Erwachsenen. Ausserdem gibt es immer wieder Unterbrüche mit Abschnitten, die zu Fuss absolviert werden. Mittels einer Befragung über eine Drittperson können diese Einzelheiten nur schwer ermittelt werden. Derzeit gibt es folglich im Rahmen des Mikrozensus Mobilität und Verkehr keine wirksame Methode zur Einschätzung dieses Aspekts
3. Die Aktivitätsepisoden kleiner Kinder sind meist unstrukturiert und von kurzer Dauer. Mittels einer Befragung können einzig zielgerichtete oder strukturierte Aktivitäten in der für zuverlässige Aussagen notwendigen Qualität erfasst werden. Für repräsentative Ergebnisse müssten kurze Aktivitätsepisoden, das Spiel im Freien und die nicht zielgerichtete Mobilität mit Hilfe von technologischen Mitteln (z.B. Beschleunigungsmessern oder GPS-Trackern) gemessen werden. Die 2014 durchgeführte SOPHYA-Studie (Swiss children's Objectively measured PHYsical Activity) hat erstmals in einer nationalen Stichprobe das Bewegungsverhalten von 6- bis 15-jährigen Kindern mittels Beschleunigungsmessern erfasst. Die nicht zielgerichtete Mobilität und das freie Spiel können mit dieser Methode erfasst werden. Eine Integration dieser Aspekte in den Mikrozensus Mobilität und Verkehr ist aus methodischen Überlegungen nicht möglich.
Antwort des Bundesrates.