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20.3812 · Interpellation · 2020-06-18

Departement des Innern

Erledigt

Wortlaut

Studien belegen den klaren Zusammenhang zwischen schweren Formen von Covid-19-Erkrankungen und Adipositas. Neben dem Alter ist Adipositas der wichtigste Risikofaktor für einen schweren Verlauf der Krankheit und damit für Organschäden. Dies wurde in Frankreich, in China und in Genf nachgewiesen. 13 Prozent der Schweizer Bevölkerung leiden unter Adipositas. Die Risiken für die öffentliche Gesundheit, aber auch die Auswirkungen auf die Gesundheitskosten sind also erheblich.

Adipositas ist eine Krankheit, die viele Ursachen haben kann: Bewegungsmangel, Stress und psychische Probleme, familiäre Gewohnheiten, Schlafmangel, aber auch das Ernährungsverhalten. Gesellschaftliche Faktoren spielen ebenfalls eine Rolle, insbesondere bei der Ernährung: eine Lebensmittelindustrie, die auf Produkte setzt, die sehr kalorien-, fett-, salz- und zuckerhaltig, rund um die Uhr erhältlich und für alle Altersgruppen zugänglich sind, an Kinder gerichtete Werbung für ungesunde Produkte, Probleme bei der Vereinbarkeit von Arbeit und Familie, mit der Folge, dass der Lebensmittelverzehr nicht kontrolliert werden kann, grosse Portionen und der häufigere Konsum auswärts.

Wissenschaftliche Studien zeigen zudem, dass - auch ohne Adipositas - eine aus dem Gleichgewicht geratene Ernährung das Risiko für eine Sars-CoV-2-Infektion erhöht. Deshalb müssen im Bereich der Ernährung schleunigst Präventionsmassnahmen ergriffen werden. Ich bitte den Bundesrat deshalb, folgende Fragen zu beantworten:

1. Wie gedenkt der Bundesrat vorzugehen, um die wissenschaftlichen Daten zum Verhältnis zwischen Covid-19 und Adipositas zu verbessern, namentlich in Bezug auf die speziellen Massnahmen zur Behandlung, die vorgesehen werden müssen, und die Risikofaktoren in Bezug auf die Ernährung?

2. Welche Massnahmen gedenkt der Bundesrat angesichts des nach wie vor existierenden Pandemierisikos zu ergreifen, um die Prävention von Adipositas zu verstärken?

3. Adipositas wurde als Krankheit gemäss der internationalen Klassifikation der Krankheiten der WHO (ICD-11) eingestuft. In der Praxis ist sie aber noch nicht als eigenständige Krankheit anerkannt. Was gedenkt der Bundesrat zu unternehmen, damit Adipositas in der Schweiz als Krankheit anerkannt wird und damit Personen, die unter Adipositas leiden, die optimale Behandlung innerhalb der existierenden und künftigen therapeutischen Möglichkeiten erhalten?

Stellungnahme des Bundesrates

1. Der Bundesrat ist sich des Zusammenhangs zwischen Adipositas und einem schwereren Verlauf der Covid-19-Erkrankung bewusst. Deshalb listet er Adipositas Grad III im Dokument "Kategorien für besonders gefährdete Personen" auf. Der Bund beobachtet die neusten wissenschaftlichen Erkenntnisse rund um Adipositas und Covid-19 mittels systematischer Sichtung der wissenschaftlichen Literatur. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) erhebt zudem regelmässig Daten über die in den Schweizer Spitälern hospitalisierten Patientinnen und Patienten. Risikofaktoren wie Adipositas und andere Erkrankungen werden in diesen Daten miterhoben. Bezüglich spezifischen Massnahmen zum Schutz von Menschen mit Adipositas ist das BAG in Kontakt mit der Schweizerischen Fachgesellschaft für Endokrinologie und Diabetologie (SGED) und der Swiss Society for the Study of Morbid Obesity and Metabolic Disorders (SMOB).

2. Im Rahmen der Nationalen Strategie zur Prävention nichtübertragbarer Krankheiten (NCD-Strategie) setzen der Bund, die Kantone und die Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz verschiedene Massnahmen zur Prävention von nichtübertragbaren Krankheiten wie Adipositas um.

So setzt sich der Bund für ein bewegungsfreundliches Umfeld ein, welches der gesamten Bevölkerung zu Gute kommt. Zum Beispiel mit der Koordinationsstelle für nachhaltige Mobilität KOMO und den Modellvorhaben für nachhaltige Raumentwicklung. Mit einer attraktiven Gestaltung des Umfelds wird insbesondere die Bewegung im Alltag gefördert. Die Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz unterstützt die Kantone bei der Entwicklung von Aktionsprogrammen für eine gesunde Ernährung und Bewegung bei Kindern und Jugendlichen sowie bei älteren Menschen. Derzeit setzen 23 Kantone ein solches Programm um.

Im Sinne der Sekundär- und Tertiärprävention stärkt der Bund zudem die Rahmenbedingungen für ein multidisziplinäres Adipositas-Management. In Zusammenarbeit mit der Schweizerischen Arbeitsgruppe Metabolismus und Obesitas (SAMO/ASEMO) der SGED entstand 2017 ein Praxisleitfaden Adipositas für Grundversorger. Für Anfang 2021 gab das BAG zudem einen Bericht zur Überprüfung der 2014 gestarteten multiprofessionellen Gruppentherapieprogramme für Kinder und Jugendliche und eine Expertenbefragung hinsichtlich eines multiprofessionellen Behandlungsprogramms für adipöse Erwachsene (siehe Frage 3) in Auftrag.

3. Der Bundesrat begrüsst die Anerkennung von Adipositas als chronische Krankheit durch die WHO. Er setzt sich dafür ein, Adipositas-Betroffene gezielter und besser zu unterstützen und Adipositas als Thema zu stärken.

Im Bereich der Kinder-und Jugend-Adipositas verfügt die Schweiz über Vorzeigebeispiele für die Behandlung, welche über die obligatorische Krankenpflegeversicherung (OKP) vergütet werden: Multiprofessionelle Gruppenprogramme und multiprofessionelle strukturierte Individualprogramme. Für Erwachsene fehlt zurzeit ein vergleichbares Angebot. Eine aktuell laufende Expertenbefragung bezüglich Möglichkeiten eines multiprofessionellen Behandlungsprogramms für adipöse Erwachsene soll neue Lösungen aufzeigen. Der Bericht wird im Februar 2021 vorliegen.

Ein weiterer wichtiger Schritt hinsichtlich der Anerkennung von Adipositas als komplexe und chronische Erkrankung ist die Sensibilisierung und Informationsvermittlung. Diesbezüglich wird aktuell ein Literatur-Review erstellt zum Thema "Adipositas als Erkrankung", welcher dazu genutzt werden soll, Gesundheitsfachpersonen zu sensibilisieren und so der Stigmatisierung von Betroffenen entgegenzuwirken. Der Bericht liegt im Dezember 2020 vor.

Der Bundesrat befürwortet die Gründung des Vereins "Allianz Adipositas Schweiz" per 1. Juli 2020 durch vier nationale Adipositas-Akteure. Er hat sich zum Ziel gesetzt, evidenzbasierte und ganzheitliche Therapieverfahren für Adipositas-Betroffene zu etablieren, wirksame und zielgerichtete Präventionspolitik zu unterstützen, die Zusammenarbeit verschiedener Berufsgruppen zu fördern, sowie das Thema Adipositas in der Grundausbildung von Gesundheitsfachpersonen zu verankern.

Antwort des Bundesrates.