20.4059 · Motion · 2020-09-23
Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung
Erledigt
Wortlaut
Der Bundesrat wird beauftragt, in der Schweiz einen Lehrstuhl für feministische Makroökonomie zu schaffen und/oder zu finanzieren.
Begründung
70 Prozent aller Arbeit (in Arbeitsstunden gemessen), die auf der Welt verrichtet wird, ist Care-Arbeit. Der Care-Sektor umfasst sämtliche bezahlten und unbezahlten personen- und haushaltsbezogenen Dienstleistungen.
Dieser riesige Bereich der Arbeit findet aber in der hierzulande universitär verankerten Wirtschaftstheorie (Neoklassik) kaum Beachtung.
Wir haben einen riesigen blinden Fleck bezüglich makroökonomischer bzw. volkswirtschaftlicher zentraler Fragestellungen für einen Wirtschaftsbereich, der zentral ist für das Überleben der Gesellschaft. Gerade die Corona-Krise hat einmal mehr gezeigt, welche Wichtigkeit der Care Bereich - sei er bezahlt oder unbezahlt - für unsere Gesellschaft hat und wie problematisch es sein kann, wenn wir diesen blinden Fleck nicht beseitigen und Antworten auf dringende Fragen finden und stattdessen mit Unwissen und Ratlosigkeit glänzen.
Es gibt international wichtige Arbeiten von feministischen Wissenschaftlerinnen und Ökonominnen zu diesen Fragen, u.a. zur zukünftigen Finanzierung der Care-Ökonomie. Gewisse Universitäten beginnen das zu merken. So bietet die Universität Wien seit kurzem Seminare zu diesem stetig wachsenden Wirtschaftssektor an.
Die Schweiz hat die Möglichkeit in diesem Bereich, der in Zukunft immer wichtiger werden wird, eine Vorreiterinnenrolle zu spielen.
Antrag des Bundesrates
Der Bundesrat beantragt die Ablehnung der Motion.
Stellungnahme des Bundesrates
Der Bundesrat hat in seiner Antwort auf das Postulat Gysi Barbara ("Care-Arbeit ins Zentrum rücken"; 19.3054) die grosse Bedeutung der Care-Arbeit für unsere Gesellschaft sowohl auf menschlicher als auch auf ökonomischer Ebene unterstrichen. Die Care-Arbeit betrifft zahlreiche Bereiche, in denen verschiedene Akteure tätig sind (Bund, Kantone, Gemeinden, diverse Organisationen usw.). Er verweist darin auch ausführlich auf die in den letzten Jahren verfassten Berichte zu verschiedenen Fragen im Zusammenhang mit Care-Arbeit und den laufenden Massnahmen in diesem Bereich.
Feministische Makroökonomie wird in der Schweiz gemäss Auskunft der Rektorenkonferenz der schweizerischen Hochschulen (swissuniversities) zurzeit zwar nicht an einem eigenen Lehrstuhl gelehrt und erforscht. Dennoch befassen sich die Hochschulen einerseits in der Ökonomie, andererseits auch in Gebieten wie der Soziologie, der Ethnologie oder den Genderstudies mit den unterschiedlichen Aspekten der Care-Arbeit. So thematisiert z.B. das Zentrum für Gender Studies der Universität Basel das Thema bezahlte und unbezahlte Care-Arbeit. Die Universität Zürich lanciert ab 2021 den Forschungsschwerpunkt 'Equality of Opportunity', der generell die wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen untersucht, die zu Ungleichheit führen. Forschungsvorhaben zur Care-Arbeit werden auch mit Bundesmitteln über die Projekt- und Programmförderung des Schweizerischen Nationalfonds finanziert. So hat z.B. das NFP 60 "Gleichstellung der Geschlechter" Aspekte der bezahlten und unbezahlten Care-Arbeit in der Schweiz hinsichtlich der Lohnungleichheit, der Bewertung der Care-Arbeit und der Familienfreundlichkeit analysiert.
Der Bund unterstützt die Aufwendungen der kantonalen Hochschulen im Rahmen des Hochschulförderungs- und -koordinationsgesetzes (HFKG; SR 414.20) sowie des Bundesgesetzes über die Förderung der Forschung und der Innovation (FIFG; SR 420.1). Er sorgt im Rahmen der Schweizerischen Hochschulkonferenz (SHK) gemeinsam mit den Kantonen auch für einen gesamtschweizerisch koordinierten Hochschulraum. Die SHK legt dazu für die jeweiligen BFI-Perioden, gestützt auf die strategische Planung der Rektorenkonferenz der schweizerischen Hochschulen (swissuniversities), prioritäre hochschulpolitische Schwerpunkte fest. Für die BFI-Periode 2021-2024 sind dies die Nachwuchsförderung, die Digitalisierung (Digital skills und Open Access), die Profilbildung und Aufgabenteilung sowie die Verminderung von Studienabbrüchen.
Die Hochschulen sind aber im Rahmen der Vorgaben ihrer kantonalen Trägerschaften in der Definition von Lehre und Forschung autonom. Dazu gehört auch die Einrichtung und Führung eines Lehrstuhls in feministischer Makroökonomie.
Der Bundesrat beantragt die Ablehnung der Motion.