24.3145 · Postulat · 2024-03-13
Departement des Innern
Überwiesen an den Bundesrat
Wortlaut
Der Bundesrat wird beauftragt, gemeinsam mit den Kantonen und den Expertinnen und Experten, einen Bericht zu verfassen, in dem u.a. folgende Punkte dargelegt werden:
Welches sind die Risikofaktoren für psychische Probleme während und nach der Schwangerschaft?
Welche niederschwelligen ambulanten medizinischen/psychotherapeutischen/sozialen Angebote gibt es in der Schweiz? Wie werden diese finanziert?
Wie hoch ist die Prävalenz im Vergleich zu den bestehenden ambulanten Angeboten? Mit welchen Massnahmen kann die Versorgungslücke geschlossen werden?
Gibt es gut funktionierende niederschwellige Versorgungsbeispiele aus dem Ausland, die in der Schweiz übernommen werden können?
Zudem soll der Bundesrat aufzeigen, welche gesetzlichen Lücken auf Bundesebene geschlossen und welche Leistungen Bund, Kantone und allenfalls Gemeinden übernehmen müssen, damit die Sensibilisierung, ein Screening und die ambulante Behandlung der psychischen Probleme von werdenden und jungen Müttern schweizweit gewährleistet werden können.
Begründung
50 Prozent der Schwangeren beschreiben Stress und Stimmungsschwankungen in der Schwangerschaft. 15 Prozent aller Frauen erleben während der Schwangerschaft oder nach der Geburt eine psychische Erkrankung, vor allem postnatale Depressionen. In der Schweiz waren im Jahr 2022 bei 82’371 Geburten etwa 11’250 Frauen betroffen. Keine andere Diagnose tritt so häufig bei Frauen vor und nach der Geburt auf wie postnatale Depressionen. Die Palette reicht von Anpassungsstörungen mit leichten depressiven Symptomen (7%) bis hin zu schwerer Depression mit Suizidgedanken (3,5%). Häufig treten auch Angststörungen auf (7%).
Die Auswirkungen dieser Krise zeigen sich auf verschiedenen Ebenen: Durch die Erkrankung der Mutter kann es zu einer Instabilität des Familiensystems kommen. Insbesondere postnatale Depressionen haben negative Folgen für die Bindung zwischen Mutter und Kind und können unbehandelt zu Entwicklungsstörungen bei den betroffenen Kindern führen. Das Risiko von Verhaltensauffälligkeiten und Depressionen im späteren Leben steigt dadurch an.
Es kommt oft zu Rückzugstendenzen und Arbeitsunfähigkeit bei den betroffenen Frauen sowie zur Notwendigkeit von Betreuungsunterstützung oder sogar zur Fremdplatzierung des Kindes. Dies ist mit sozialen und finanziellen Folgen verbunden.
Eine postnatale psychische Krise lässt sich in der Regel gut behandeln. Oft ist eine kurze Psychotherapie erforderlich, idealerweise verbunden mit einer strukturierten Tagesbetreuung - zum schnellen Aufbau der psychischen Stabilität der Mutter, zur Förderung der Bindung zum Kind und zur Stärkung des familiären Umfelds.
Verzögerte oder fehlende Behandlungen können zu einer Chronifizierung führen, welche sich negativ auf das weitere Leben der Mutter, die kindliche Entwicklung und das ganze familiäre Umfeld auswirken kann.
In der Schweiz fehlen weitgehend die Strukturen und Angebote für das Sensibilisieren, frühzeitige Erkennen (Screening) und rasche Behandeln von psychischen Störungen von werdenden und jungen Müttern. Erfahrungen aus dem Ausland zeigen, dass Mutter-Kind-Tageskliniken sowie Mutter-Kind-Häuser für einen Entlastungs-Aufenthalt – unter Einbezug des familiären Umfelds - wirksame Betreuungsangebote sind.
Antrag des Bundesrates
Ablehnung
Stellungnahme des Bundesrates
Der Bundesrat ist sich bewusst, dass psychische Belastungen bei Müttern, aber auch Vätern, rund um eine Geburt ernst zu nehmen sind. Die Gesundheit der Mütter und Väter, der Neugeborenen und allenfalls ihrer Geschwister gilt es in dieser wichtigen Lebensphase bestmöglich zu stärken. Dabei leisten Berufsgruppen wie Hebammen und weitere Gesundheitsfachpersonen inklusive Ärztinnen und Ärzte sowie im besten Fall ein unterstützendes soziales Umfeld einen wichtigen Beitrag.In der Schweiz bestehen diverse Angebote für Betroffene und ihre Angehörigen sowie für die Gesundheitsfachpersonen.Eine erste niederschwellige Betreuung und Beratung ist primär über die Hebammen sowie die Mütter-und Väterberatung (MVB) sichergestellt. Die MVB wird flächendeckend in der ganzen Schweiz angeboten und über die öffentliche Hand finanziert. Gemäss der Statistik 2022 decken die Beratungen über 90% aller Geburten ab (www.sf-mvb.ch > MVB-Statistik). Einige Kantone haben spezifische Angebote, in denen die MVB bei komplexen Fällen eng mit anderen Fachpersonen aus den Bereichen Gesundheit und Soziales zusammenarbeiten (zum Beispiel im Kanton Bern; www.mvb-be.ch > Fachpersonen > Zusammenarbeit und Übergaben). Die Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz hat bis 2022 das Projekt Miapas unterstützt, ein nationales und interdisziplinäres Vernetzungsprojekt zur Gesundheitsförderung in der frühen Kindheit. Im Kontext dieses Projekts sind Materialien zur Stärkung der psychischen Gesundheit von Eltern und Kindern entstanden. Sie richten sich an Eltern und Fachpersonen. Auch hat Gesundheitsförderung Schweiz 2021 den umfassenden Bericht «Die psychische Gesundheit von werdenden Eltern unterstützen» mit Informationen und Empfehlungen für Fachpersonen veröffentlicht. Die Weltgesundheitsorganisation hat 2022 einen englischen Bericht «Guide for integration of perinatal mental health in maternal and child health services» für Fachpersonen und Behörden im Sektor Gesundheit veröffentlicht (www.who.int > publications). Die Information und Fortbildung von Ärztinnen und Ärzten sowie anderer Gesundheitsfachpersonen fällt in die Zuständigkeit der jeweiligen Fachgesellschaften, Universitäten bzw. Fachhochschulen. Für Gesundheitsfachpersonen, welche Wöchnerinnen und ihre Familien betreuen, gibt es in der Schweiz entsprechende Bildungsangebote. Wenn eine medizinische/psychotherapeutische Betreuung und Behandlung der Mutter nötig ist, sind die Kantone in der Verantwortung, entsprechende Angebote ausreichend anzubieten. Eine Ist-Situation in der Schweiz für Mutter-Kind-Institutionen für eine stationäre Betreuung von perinatal psychich erkrankten Frauen wurde im Februar 2024 von der Berner Fachhochschule Gesundheit veröffentlicht. Finanzierungsfragen und (allenfalls neue) rechtliche Rahmenbedingungen für präventive Massnahmen in der Versorgung (wie niederschwellige ambulante Angebote) werden im Rahmen des «Postulats 22.3671 Wasserfallen Flavia. Wirksame Prävention in der Gesundheitsversorgung» auch für die psychische Gesundheit diskutiert werden. Der Bundesrat ist angesichts der bereits bestehenden Grundlagen und Massnahmen der Meinung, dass ein zusätzlicher Bericht keinen substanziellen Beitrag zur Stärkung von psychisch belasteten Mütter und Väter leisten würde.
Der Bundesrat beantragt die Ablehnung des Postulates.