24.4696 · Interpellation · 2024-12-20
Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung
Stellungnahme zum Vorstoss liegt vor
Wortlaut
Welche Massnahmen für mehr Unterstützung tierversuchsfreier Forschung hat das 3RCC beim SNF angeregt? Falls das nicht Teil seines Auftrags ist: warum nicht?
Warum ist InnoSuisse keine Mitgliederorganisation des 3RCC, wo doch Alternativmethoden auch eine Frage der Innovationsförderung sind?
Aus früheren NFPs sind permanente Institutionen hervorgegangen (NFP 17: Stiftung Forschung 3R). Welche Möglichkeiten sieht der Bund für die Schaffung einer Institution in diesem Bereich?
Begründung
Der Bund unterstützt zwei Programme, um Alternativen zu Tierversuchen zu fördern: das Nationale Forschungsprogramm 79 «Advancing 3R» (NFP 79) und das 3R-Kompetenzzentrum (3RCC). Gemäss BLV-Statistik stagnieren die Tierversuchszahlen in der Schweiz seit 30 Jahren zwischen 550'000 und 750'000 Tieren pro Jahr, hinzu kommen ungefähr noch einmal so viele «Überschusstiere».
Ungefähr ein Drittel der Projekte im NFP79 beschäftigt sich mit geistes-, sozial- und rechtswissenschaftlichen Fragen zu Tierversuchen. Dies umfasst zum Beispiel Fragen zur politischen Debatte über Tierversuche, rechtliche Fragen über neuartige Alternativmethoden sowie die Frage nach möglichen Reduktions- oder Ausstiegsstrategien.
Diese Auseinandersetzung ist essenziell, weil Wissenschaft ein gesellschaftliches System ist, in dem Veränderungen auch von rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen abhängig sind. Das NFP79 ist jedoch nur ein vorübergehendes Programm. Das 3RCC hat keine gesonderte Abteilung für geistes-, sozial- und rechtswissenschaftliche Fragen. Man kann deshalb befürchten, dass das 3RCC zwar die naturwissenschaftliche Forschung an einzelnen Alternativmethoden fördert, nicht aber die Suche nach Strategien, um diesen Alternativen auch zum Durchbruch zu verhelfen.
Ein Blick ins Ausland zeigt, dass man mehr tun kann: In den Niederlanden gibt es einen Lehrstuhl für «evidenzbasierte Transition zu tierfreien Innovationen». Die deutsche Bundesregierung lässt zurzeit eine Reduktionsstrategie für Tierversuche erarbeiten. Die Europäische Kommission lässt eine Ausstiegsstrategie spezifisch für Tierversuche in der gesetzlich vorgeschriebenen Toxikologie entwickeln. Es wäre daher geboten, im Sinne einer ganzheitlichen Analyse und Betrachtung auch hier in geistes- und sozialwissenschaftliche Projekte zu investieren, damit potenzialreiche Methoden auch breit zur Anwendung kommen.
Stellungnahme des Bundesrates
1. Das Schweizerische 3R-Kompetenzzentrum (3RCC) hat den Auftrag, Alternativen zu Tierversuchen zu fördern. Diese Förderung umfasst vier Aktionsfelder: die Unterstützung von Forschungsprojekten zur Entwicklung von Alternativmethoden für Tierversuche sowie Bildung, Monitoring und Kommunikation. Für die Bildung, das Monitoring und die Kommunikation im 3R-Bereich («replace, reduce, refine») ist einzig das 3RCC zuständig. Forschungsprojekte werden hingegen vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) und vom 3RCC gemeinsam unterstützt. Die vom 3RCC geförderten Projekte befassen sich schwerpunktmässig mit der Entwicklung von Methoden, mit denen die Zahl der Versuchstiere verringert oder die Haltungsbedingungen der Tiere verbessert werden können. Massgebende Auswahlkriterien sind die Umsetzung und die Auswirkungen der 3R. Im Gegensatz dazu unterstützt der SNF – nach einem hochkompetitiven Selektionsprozess – im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms «Advancing 3R – Tiere, Forschung und Gesellschaft» (NFP 79) hauptsächlich Projekte, die neue wissenschaftliche Erkenntnisse liefern und Antworten auf gesellschaftliche Fragen geben. Dieses NFP wurde vom SNF in Zusammenarbeit mit Innosuisse entwickelt. Die Erkenntnisse aus dem NFP 79 können in die Praxis umgesetzt werden: vom 3RCC im Rahmen seiner Bildungs- und Kommunikationsaufgaben, von den Hochschulen in der Grundlagenforschung und der Implementierung und schliesslich von den privaten Akteuren in der angewandten Forschung und durch die Anwendung neuer Tierversuchsmethoden.2. 2016 beauftragte das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation swissuniversities mit der Erarbeitung eines Konzepts für ein 3R-Kompetenzzentrum. In der Folge wurde das 3RCC vom Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen, Interpharma, elf Schweizer Hochschulen und dem Schweizer Tierschutz als gemeinnütziger Verein gegründet. Das 3RCC wird gemäss Artikel 15 des Bundesgesetzes über die Förderung der Forschung und Innovation (FIFG, SR 420.1) unterstützt. Die Gründungsmitglieder des Vereins haben alle eine spezifische Funktion im 3R-Bereich und tragen durch ihre Vertretung in den Entscheidungsgremien zur strategischen Weiterentwicklung des 3RCC bei. Innosuisse unterstützt ihrerseits bereichsunabhängig Innovationsprojekte und kann so zur Entwicklung von Alternativmethoden für Tierversuche beitragen, sofern in der Privatwirtschaft ein entsprechender Bedarf besteht.3. Ein Schlussbericht mit den Ergebnissen des NFP 79 (im Jahr 2027) wird zeigen, was mit dem Programm erreicht wurde, Empfehlungen formulieren (z. B. Wissenssicherung) und zukünftige Herausforderungen identifizieren. Der zusätzliche Mittelbedarf wird im Parlament im Rahmen der Arbeiten zur parlamentarischen Initiative Christ 21.426 «Mehr Ressourcen und Anreize für die 3R-Forschung, um Alternativen zu den Tierversuchen rascher voranzutreiben» diskutiert.