Gesundheits- und Umweltfolgen durch Recycling von Blei in Nigeria. Rolle eines Schweizer Rohstoffhändlers
26.3492 · Interpellation · 2026-03-20
Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung
Stellungnahme zum Vorstoss liegt vor
Wortlaut
Recherchen der The New York Times und des Investigativportals The Examination weisen auf schwerwiegende Gesundheits- und Umweltprobleme im nigerianischen Ogijo nahe Lagos hin, einem Zentrum des Bleirecyclings. In mehreren Schmelzereien werden alte Autobatterien eingeschmolzen, häufig unter mangelhaften Umwelt- und Arbeitsschutzbedingungen. Dabei gelangen giftige Bleiemissionen in die Umgebung.
Bluttests zeigen gemäss der Recherche alarmierende Werte: Rund sieben von zehn getesteten Bewohner:innen wiesen erhöhte Bleiwerte auf, bei mehr als der Hälfte der untersuchten Kinder lagen die Werte in einem Bereich, der mit einem Risiko dauerhafter Hirnschäden verbunden ist. Auch bei allen getesteten Fabrikarbeitern wurde eine Bleivergiftung festgestellt. Bodenproben nahe einer Schule zeigten eine starke Kontamination.
Der Schweizer Rohstoffhändler Trafigura bezog in den vergangenen Jahren recyceltes Blei von mehreren Schmelzereien in Ogijo, darunter auch von True Metals, die gemäss der Recherche zu den grössten und zugleich besonders umweltbelastenden Anlagen der Region gehört.
Der Fall wirft Fragen zur Verantwortung von in der Schweiz ansässigen Rohstoffunternehmen entlang globaler Lieferketten auf.
Vor diesem Hintergrund wird der Bundesrat um die Beantwortung folgender Fragen gebeten:
Welche Kenntnisse hat der Bundesrat über die in den Medien geschilderten Umwelt- und Gesundheitsprobleme im Zusammenhang mit Blei-Recycling in Ogijo (Nigeria)?
Ist dem Bundesrat bekannt, in welchem Umfang in der Schweiz ansässige Rohstoffunternehmen – insbesondere Trafigura – recyceltes Blei aus solchen Anlagen beziehen oder gehandelt haben?
Wie trägt die Schweiz dazu bei, dass Recyclingprozesse für strategisch wichtige Metalle weltweit unter sicheren und umweltverträglichen Bedingungen erfolgen?
Recycelte Mineralien und Metalle unterstehen nicht der Konfliktmineralienregulierung. Angesichts der hohen Umweltrisiken beim Recycling wären menschenrechtliche und umweltbezogene Sorgfaltspflichten für den Handel und die Förderung von Blei angezeigt. Ist der Bundesrat bereit, die Konfliktmineralienregulierung auf recycelte Metalle und Mineralien auszudehnen und Blei sowie allenfalls weitere Metalle in die Regulierung aufzunehmen und einer wirksamen Durchsetzung zu unterstellen, etwa im Rahmen des Gegenvorschlags zur Konzernverantwortungsinitiative?
Stellungnahme des Bundesrates
1. und 2. Im Zusammenhang mit dem Kauf von recyceltem Blei ist der Bundesrat mit Trafigura in Kontakt. Das Unternehmen versichert, von allen seinen Zulieferern, bei denen es recyceltes Blei bezieht, hohe Lieferkettenstandards zu verlangen, so auch in Nigeria. Gemäss den Informationen, die dem Bundesrat zur Verfügung stehen, wird kein recyceltes Blei in die Schweiz ein- oder ausgeführt.3. Seit über 15 Jahren hilft das SECO mehreren Ländern beim Aufbau nachhaltiger Systeme für das Recycling von elektrischen und elektronischen Altgeräten (EAG) – in denen zahlreiche wichtige Metalle enthalten sind. Dank verschiedener vom SECO finanzierter Programme konnten Ägypten, Ghana, Indien, Peru, Kolumbien und Südafrika umweltverträgliche und sozialverantwortliche Entsorgungssysteme für elektronische Abfälle einrichten. Einerseits kann ein nicht fachgerechter Umgang mit EAG aufgrund der in vielen dieser Produkte enthaltenen giftigen Substanzen Gesundheitsrisiken bergen und der Umwelt schaden. Andererseits enthalten EAG auch wertvolle Materialien wie etwa Metalle und sind damit eine wichtige Quelle für Sekundärrohstoffe. Im Rahmen seines Engagements in Ghana hat sich das SECO insbesondere mit der Frage des nachhaltigen und sicheren Recyclings von ausgedienten bleihaltigen Autobatterien auseinandergesetzt. Darüber hinaus leistet die Schweiz auch einen wichtigen Beitrag als Vertragspartei des Basler Übereinkommens über die Kontrolle der grenzüberschreitenden Verbringung gefährlicher Abfälle und ihrer Entsorgung. In diesem Zusammenhang setzt sich die Schweiz seit mehreren Jahren für mehr Transparenz und einen besseren Umgang mit EAG ein. Im Rahmen der Umsetzung dieses Übereinkommens stellt die Schweiz sicher, dass das Recycling von wertvollen Materialien unter sicheren und umweltverträglichen Bedingungen erfolgt.4. Der am 2. April 2026 in die Vernehmlassung geschickte Gegenvorschlag zur Konzernverantwortungsinitiative (https://fedlex.data.admin.ch/eli/dl/proj/2025/116/cons_1) übernimmt ohne Änderung die für Mineralien aus Konfliktgebieten geltende bestehende Regulierung, ohne diese auf Recyclingmetalle oder andere Rohstoffe wie Blei auszuweiten. Gleichzeitig sieht der Gegenvorschlag für Unternehmen ab einer bestimmten Grösse (grosse Unternehmen) erweiterte Berichts- und Sorgfaltspflichten im Bereich der Menschenrechte und der Umwelt vor. Somit wären Risiken im Zusammenhang mit den Recyclingprozessen für die Unternehmen im Geltungsbereich dieses Gegenvorschlags grundsätzlich ebenfalls berücksichtigt.Der Bundesrat verfolgt einen international koordinierten Ansatz und orientiert sich dabei insbesondere an den bestehenden Regulierungen der EU. Eine unilaterale Ausweitung der Regulierung über Mineralien aus Konfliktgebieten auf zusätzliche Materialien oder auf Recyclingrohstoffe würde momentan über diesen Rahmen hinausgehen. Der zur Vernehmlassung unterbreitete Gegenvorschlag zieht die Möglichkeit in Betracht, dass eine Aufsichtsbehörde die Einhaltung der Sorgfaltspflichten kontrolliert.