Häberli-Koller Brigitte · Nationalrat · 2010-09-27
Häberli-Koller Brigitte · Nationalrat · Thurgau · Fraktion CVP/EVP/glp · 2010-09-27
Wortprotokoll
Einleitend möchte ich Ihnen meine Interessenbindungen bekanntgeben: Ich bin Mitglied des Initiativkomitees und Mitglied der parlamentarischen Gruppe Musik. Bis im Frühjahr 2010 war ich ausserdem Mitglied des Vorstandes des Schweizer Musikrates.
Die eidgenössische Volksinitiative "Jugend und Musik" wurde am 18. Dezember 2008 mit 153 626 gültigen Unterschriften eingereicht. Die Initiative will den Stellenwert der Musik verbessern und verlangt dazu eine Ergänzung in der [PAGE 1500] Bundesverfassung mit folgendem Wortlaut: "Artikel 67a, Musikalische Bildung. Absatz 1: Bund und Kantone fördern die musikalische Bildung, insbesondere von Kindern und Jugendlichen. Absatz 2: Der Bund legt Grundsätze fest für den Musikunterricht an Schulen, den Zugang der Jugend zum Musizieren und die Förderung musikalisch Begabter."
Unsere Kommission hat mit 20 zu 3 Stimmen bei 1 Enthaltung Eintreten auf einen Gegenvorschlag abgelehnt. Die Initiative wurde mit 13 zu 8 Stimmen bei 2 Enthaltungen zur Annahme empfohlen.
Der Gegenvorschlag wird von einer Minderheit der Kommission unterstützt und nachher hier auch begründet. Dieser Gegenvorschlag sieht vor, dass der Bund die Grundsätze für den Musikunterricht subsidiär zur Volksschulkompetenz der Kantone festlegt. Die Minderheit verlangt, dass die Volksinitiative, sofern sie nicht zurückgezogen wird, Volk und Ständen zusammen mit dem Gegenentwurf nach dem Verfahren gemäss Artikel 139b der Bundesverfassung zur Abstimmung unterbreitet wird.
Mit dem von einer klaren Mehrheit unterstützten Verfassungsartikel bekommt die Musik einen eigenen Artikel in der Bundesverfassung, und der Bund erhält die Kompetenz, die musikalische Bildung zu fördern. Damit geben wir der Musik den Stellenwert, den die 153 626 Unterzeichnerinnen und Unterzeichner dieser Initiative und die Mehrheit unserer Kommission der Musik geben wollen. Die Musikverbände, die Musikschulen, die Musikgesellschaften in den Städten und Dörfern haben diese Unterschriften bei ihren Mitgliedern und auch auf der Strasse bei der Bevölkerung gesammelt. Die Initiative wird vom Schweizer Musikrat getragen, dem Dachverband von rund sechzig Organisationen und Verbänden mit rund 500 000 Mitgliedern, welche das Musikleben in der Schweiz prägen und gestalten. Eine wesentliche Rolle spielt der Verein "Jugend und Musik", welcher die musikalische Bildung analog zum Sport fördern und in der Verfassung verankern will.
Zu Musik und Sport Folgendes: Ein Sportpsychologe von der Brunel-Universität in London hat in seinen Studien die Bedeutung von Musik für Sportler untersucht. Die Ergebnisse zeigten, dass Sportler dank der Unterstützung durch entsprechende Musik bessere Leistungen erzielen. So arbeitet zum Beispiel Haile Gebresellasie, der Marathon-Weltrekordhalter, intensiv mit der Hilfe von Musik. Bei seinem erfolgreichen Hallenweltrekordversuch über 2000 Meter hörte er den Popsong "Scatman"; dieser harmonierte perfekt mit seiner Schrittfrequenz und unterstützte den Spitzensportler ideal.
Die Mehrheit der WBK will, dass die wichtige Rolle der Musik in unserer Gesellschaft mit dem eingangs erwähnten Artikel in der Bundesverfassung verankert wird. Die Förderung der musikalischen Bildung, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen, die Schaffung von Grundsätzen für den Musikunterricht und die Förderung musikalisch Begabter sind wichtig, damit der Zugang zur Musik jedem Kind und Jugendlichen ermöglicht wird.
Alle musikalischen Tätigkeiten wie Musizieren, Singen, Musik hören und Sich-Bewegen helfen einer ganzheitlichen Entwicklung des Menschen. Sie bieten die Möglichkeit, die oft getrennten Bereiche von Geist, Seele und Körper zusammenzuführen. Gemeinsames Musizieren fördert die soziale Entwicklung und Integration der Kinder und Jugendlichen sowie die Entfaltung der Persönlichkeit. Musikunterricht unterstützt und beinhaltet Schlüsselqualifikationen der Volksschule. Musik erhöht das akustische Wahrnehmungsvermögen und die geistige Leistungsfähigkeit, sie fördert die Fantasie und das Gedächtnis und schult die Konzentrationsfähigkeit und das ganzheitlich vernetzte Denken.
Die Bildungshoheit der Kantone bleibt unangefochten. Die konkrete Ausgestaltung wird durch den Lehrplan 21 vorgegeben. Es geht hier um das Festlegen von Grundsätzen, und dies steht auch klar und deutlich im Initiativtext. Gemäss diesem bekommt die Musik einen eigenen Verfassungsartikel, wie ihn der Sport schon vor vierzig Jahren erhielt. Übrigens hat zum Beispiel auch der Film einen eigenen Artikel in der Bundesverfassung.
Im Namen der Mehrheit der Kommission bitte ich Sie, diese Initiative zur Annahme zu empfehlen.