Meier-Schatz Lucrezia · Nationalrat · 2010-09-27
Meier-Schatz Lucrezia · Nationalrat · St. Gallen · Fraktion CVP/EVP/glp · 2010-09-27
Wortprotokoll
Zuerst möchte ich, wie viele meiner Vorredner und Vorrednerinnen, meine Interessenbindung offenlegen: Ich bin Mitglied des Patronatskomitees der Musik-Initiative.
Wir sind vorletzte Woche, wir haben es bereits gehört, sogar so weit gegangen, dass wir im Rahmen des Sportförderungsgesetzes den Kantonen drei Stunden Sportunterricht pro Woche aufgebunden haben. Wir haben dort ein Signal setzen wollen und mitgeteilt, dass Sport wichtig sei. Aber Sport alleine ist nur eine halbe Förderung. Musik und Sport dienen der Entwicklung des Kindes. Sie stärken seine Beweglichkeit, seine Musikalität und fördern vor allem seine Sozialkompetenzen. Wer einmal ein Kleinkind erlebt und es beobachtet hat, spürt, welch wichtige Rolle Musik spielt: Kaum kann es sich selbstständig in einem Raum bewegen, übernimmt es den Rhythmus der Musik, tanzt, hüpft und imitiert. Beweglichkeit und Musikalität gehören zusammen, doch im Laufe der Jahre lassen wir vor allem das Musische verkümmern, obschon Singen und Musizieren wesentliche Faktoren in der Menschenbildung sind.
Wer sich mit der Wirkung der Musik auf die Entwicklung der Kinder auseinandersetzt - das hätte Herr Noser vielleicht tun müssen -, stösst auf eine Langzeitstudie des Max-Planck-Instituts in Deutschland, eines Instituts, das auf Kognitions- und Neurowissenschaften spezialisiert ist. Das Institut hat Kinder zwischen 6 und 12 Jahren über längere Zeit beobachtet. Mit dieser Langzeitstudie konnte klar belegt werden, dass die Beschäftigung mit Musik dazu führt, dass die Sprachentwicklung schneller und deutlicher ist, dass sie ausgeprägter ist, insbesondere in Bezug auf die Syntax und den Bau von Sätzen.
Musikalische Bildung, wie sie die Initianten fordern, dient der ganzheitlichen Entwicklung des Kindes. Sie fördert seine Intelligenz, unterstützt das Erlernen von Sozialkompetenzen und öffnet dem Kind den Zugang zur Kreativität und zur Gefühlswelt. Wir dürfen uns in diesem Zusammenhang durchaus fragen: Was ist wichtiger für unser Leben in Familie und Gesellschaft als das Erlernen von spezifischen Lebenskompetenzen? Miteinander schaffen, voneinander lernen, aufeinander zugehen, füreinander da sein: Diese Kompetenzen fördern nicht nur den Zusammenhalt, sie erlauben dem Menschen auch zu spüren, dass es auf seinen Einsatz ankommt. Er übernimmt mit andern die Verantwortung für das Gelingen des Ganzen.
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Diese Kompetenzen erlernen Kinder während des Musizierens, des gemeinsamen Auftretens, des Singens im Chor, des Mitspielens in der Schulband oder des gezielten Musikhörens. Heute haben aber längst nicht alle Kinder Zugang zur Musik, obschon Musik sie in ihrer frühen Kindheit zur Bewegung animiert und ihre Beweglichkeit gefördert hat. In vielen Familien verkümmert die Lust an der Musik, in anderen wiederum fehlen die finanziellen Mittel zur Förderung der musikalischen Bildung der Kinder. Deshalb sollten alle Kinder ab Schulbeginn die Chance erhalten, eine musische Ausbildung zu geniessen und die Möglichkeit haben - wenn gewünscht -, ein Instrument zu lernen und wenn immer möglich in einem Ensemble ihrer Wahl zu musizieren. Musikalische Bildung in der Schule fördert das Miteinander-Schaffen, das Voneinander-Lernen, das Aufeinander-Zugehen, das Füreinander-da-Sein und die Übernahme gemeinsamer Verantwortung für das Gelingen des Ganzen. Diese fundamentalen sozialen Bezüge sind Bedingungen einer Lebensgemeinschaft, einer lebendigen Gesellschaft.
Die Förderung der musikalischen Bildung sollte unseres Erachtens ein grosses Anliegen sein. Sie gehört nicht etwa in den Kulturartikel, sie braucht einen spezifischen Musikartikel in der Bundesverfassung. Deshalb werde ich ganz klar und aus Überzeugung Ja zur Initiative sagen. Der Gegenvorschlag ist eigentlich nicht notwendig.