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Lustenberger Ruedi · Nationalrat · 2010-09-30

Lustenberger Ruedi · Nationalrat · Luzern · Fraktion CVP/EVP/glp · 2010-09-30

Wortprotokoll

Die beiden Kommissionssprecher haben die Ausgangslage im Detail sehr gut dargelegt. Ich verzichte deshalb auf weiterführende Auslegungen im Zusammenhang mit dem zweiten Punkt der Motion des Ständerates. Ich erlaube mir aber, hier zu versuchen, eine etwas übergeordnete Sichtweise in den Saal zu tragen.

Die heutige Diskussion fördert eine politische Problematik zutage, welche weit über das Thema und die Problematik Schaf-Wolf hinausgeht. Ich meine die zunehmende Majorisierung des ländlichen Raums und seiner Bevölkerung durch die urbane Gesellschaft. Begründen kann man das am besten und am einfachsten mathematisch. Nur noch ein Drittel der Schweizer Bevölkerung lebt im ländlichen Raum. Es ist eine über Generationen gewachsene Selbstverständlichkeit, dass diese Gegenden als attraktive Naherholungsgebiete von den Menschen aus den angrenzenden Ballungsräumen genutzt werden. Dabei entsteht auch ein willkommener gesellschaftlicher Austausch.

Trotzdem und gerade deshalb muss in diesem Ausgleich und in diesem Austausch von Stadt und Land wieder vermehrt auch das bessere Verstehen der anderen Seite passieren. In den vergangenen Jahrzehnten war das Verstehen [PAGE 1614] und Begreifen des anderen vermutlich auf der urbanen Seite mindestens so ausgeprägt wie auf der ländlichen. Viele urbane Leute haben ihre ländlichen Wurzeln noch stark in sich gespürt, und sie haben sie auch getragen. Nur gründen diese Wurzeln mit jeder Generation weniger tief. Die Erwartungen vor allem der jungen urbanen Generation an den ländlichen Raum und seine Einwohnerinnen und Einwohner haben sich verändert. Man nimmt ganz selbstverständlich temporär Besitz vom Bike-Weg durch den Privatwald. Man zieht die eigene Schneespur durch die weisse Landschaft im Naturreservat, und man folgt dem schmalen Pfad durchs hohe Gras auf den Alpweiden, ohne zu überlegen, dass hier tags darauf der Älpler sein Heu mähen möchte. Und diese ganze Sache passiert in aller Regel unbewusst.

In einem wachsenden Teil unserer Gesellschaft hat sich ein pseudoökologisches Verhalten installiert, ein Verhalten nach dem Motto "Zurück zur Natur - mit dem eigenen Auto" oder nach dem Heidiland-Effekt mit dem Bild des Schafhalters, welcher dem armen Wolf die Nahrung missgönnt.

Wir leben noch nicht in einem Stadt-Land-Konflikt, aber die Tendenzen lassen einen solchen am Horizont aufscheinen. Kommt dazu, dass sich die Kräfteverhältnisse aufgrund der Einwohnerzahlen je länger, je mehr zulasten des ländlichen Raums verschieben. Beide Seiten - Stadt und Land - sind, im eigenen Interesse, gut beraten, das gegenseitige Verstehen wieder vermehrt zu pflegen. In dieser heutigen Angelegenheit hat die ländliche Bevölkerung wenig Verständnis für diesen extremen Schutz des Wolfs. Deshalb bin ich Herrn Bundesrat Leuenberger und dem Bundesrat als Kollegium dankbar, dass er die Motion der UREK, die massvoll einen guten Weg aufzeigt, zur Annahme empfiehlt.

Ich bitte Sie namens der UREK, diese Motion ebenfalls zu unterstützen. Sie ebnet den Weg für ein vernünftiges Zusammensein, sie ebnet auch den Weg, mit dem Wolf - im Interesse auch der Schafhalter - einen guten Umgang pflegen zu können.