Ingold Maja · Nationalrat · 2011-03-17
Ingold Maja · Nationalrat · Zürich · Fraktion CVP/EVP/glp · 2011-03-17
Wortprotokoll
4 Wochen Ferien sind ungenügend; ich habe niemanden gefunden, der das nicht unterschrieben hätte. Nicht einmal Arbeitgeber und Unternehmer, auch nicht die öffentlichen Verwaltungen sind davon ausgenommen. Die Wünsche nach Ferien kann man zwar nie vollständig befriedigen, aber das garantierte Minimum ist zu tief. Die Begründungen für eine Erhöhung der Ferien sind alle bereits mehrfach genannt worden. Die wichtigste ist in meinen Augen die Verbesserung der Work-Live-Balance, damit die Produktivität nicht durch die anforderungsreichen Arbeitsjahre ausgehöhlt wird - und ich verstehe "Produktivität" umfassend: die Produktivität am Arbeitsplatz, die Produktivität in der Familie und die Produktivität im gesellschaftlichen Umfeld, das heisst, es geht um die Erhaltung der Arbeitsressourcen für den Arbeitnehmer und die Arbeitnehmerin selbst, für die Familie, die Angehörigen und für die Volkswirtschaft.
Heute lässt der Druck am Arbeitsplatz fast keine Möglichkeit für ein ausgewogenes Nebeneinander der verschiedenen Lebensbereiche Arbeit, Familie und Freizeit. Die Zunahme von Burnouts, und zwar nicht nur bei Führungskräften, spricht eine deutliche Sprache. 40 Prozent der unfreiwilligen vorzeitigen Pensionierungen erfolgen aus gesundheitlichen Gründen. Heute wird von den Mitarbeitern höchste Flexibilität verlangt. Die Arbeitsprozesse wurden im Zuge der technologischen Entwicklungsschübe verdichtet, und der Arbeitsrhythmus wurde ständig erhöht. Aufgrund der zunehmenden Arbeitsbelastung sind je länger, je weniger Arbeitnehmer in der Lage, bis zur ordentlichen Pensionierung zu arbeiten. So ist die langfristige Leistungsfähigkeit bedroht, und es ist volkswirtschaftlich zwingend, diesen Produktivitätsrisiken mit verschiedenen Massnahmen entgegenzuwirken - und eine davon sind Ferien.
Noch viel wichtiger als für die Volkswirtschaft sind die zusätzlichen Ferien aber für die Familien. In unserem Land machen die Familien, in denen beide Elternteile arbeiten, die grosse Mehrheit aus - es sind 70 Prozent der Familien mit Kindern unter fünfzehn Jahren. Es ist eine ständige Herausforderung, die verschiedenen Betreuungsangebote, die man als Familie neben den Grosseltern nutzt, aufeinander abzustimmen. Arbeitende Mütter sind zwar Weltmeisterinnen im Organisieren; gerade die Ferien sind aber am schwierigsten und unter allergrösstem Stress zu organisieren, weil Kinder, Vater und Mutter nie gleichzeitig Ferien haben - das muss entlastet werden. Mehr Ferien geben mehr Eltern mehr Luft.
Die Schweiz gilt nicht als familienfreundliches Land. Hier können wir konkret etwas dagegen tun. Volkswirtschaftlich zahlt es sich erst noch aus, wenn das Produktivitätspotenzial durch das ganze Erwachsenenleben - das in der Schweiz mehr als vierzig Jahre dauert - besser erhalten werden kann.
Die Volksinitiative "6 Wochen Ferien für alle" erleichtert die Vereinbarung von Beruf und Familie, aber sie geht zu weit; sie wäre für KMU und auch für grössere öffentliche Verwaltungen, die noch bei 4 Wochen Ferien sind, eine Riesenbelastung. Richtig ist nach Einschätzung der EVP der Gegenvorschlag von Alec von Graffenried, nämlich 5 Wochen Ferien für alle.