Rickli Natalie Simone · Nationalrat · 2011-03-17
Rickli Natalie Simone · Nationalrat · Zürich · Fraktion der Schweizerischen Volkspartei · 2011-03-17
Wortprotokoll
Die Wirtschaftskrise hat ihre Spuren hinterlassen. Die Situation war und ist in vielen Ländern dramatisch. Die Staatshaushalte sind aus den Fugen geraten, die Staatsverschuldungen sind horrend, und die Arbeitslosigkeit ist immer höher. Davon sind auch EU-Staaten in unserer Nähe betroffen: Die Situation in Griechenland, Spanien und Irland ist sehr beunruhigend. Rezession, Arbeitslosigkeit und Existenzangst prägen das Leben der Einwohner.
Gleichzeitig stellen wir fest, dass die Schweiz die Wirtschaftskrise verhältnismässig gut gemeistert hat. Unsere Volkswirtschaft ist offensichtlich robuster und krisenresistenter als die Systeme anderer Länder. Die Schweizer Stabilität und Kontinuität hat verschiedene Gründe. Primär ist der Wirtschafts- und Werkplatz Schweiz wohl darum so stabil, weil wir nicht von einzelnen Grossunternehmen abhängig sind; rund 300 000 kleinere und mittlere Betriebe prägen unsere Volkswirtschaft. 99,7 Prozent der Schweizer Unternehmen beschäftigen weniger als 250 Mitarbeiter. Diese sogenannten KMU sind das Rückgrat unserer Wirtschaft, wie man so schön sagt. Die grosse Zahl kleiner, flexibler und innovativer Betriebe macht unser Land gerade in Krisenzeiten aussergewöhnlich robust und stabil.
Für die kleinen und mittleren Unternehmen ist das gute Einvernehmen zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern [PAGE 485] zentral. Die sogenannte Sozialpartnerschaft ist eine wichtige schweizerische Errungenschaft. Selbstverantwortung geht staatlicher Regulierung vor. Das gemeinsame Suchen nach einer sinnvollen Lösung ist wichtiger als einheitliche staatliche Vorschriften. Dies gilt auch in Bezug auf die Ferienregelung.
Seit 1985 haben die Schweizer Arbeitnehmer Anspruch auf 4 Wochen bezahlte Ferien. Diese Ferienregelung hat sich bewährt. Will ein Betrieb grosszügigere Ferienregelungen anbieten, so steht ihm dies selbstverständlich frei. Dies ist jedoch unter den Sozialpartnern zu vereinbaren und nicht gesetzlich zu regeln. Ein grosser Teil der Firmen mit und ohne Gesamtarbeitsvertrag bieten bereits heute 5 oder mehr Ferienwochen an und für über 50- und über 60-Jährige eine zusätzliche Woche. Viele bieten auch zusätzliche, individuell vereinbarte Arbeits- und Ferienmodelle an. Als Beispiel kann ich Ihnen meine Arbeitgeberin, die Goldbach-Gruppe, nennen. Wir haben generell 5 Wochen Ferien. Wir kennen für die Mitarbeiter ein zusätzliches Ferienmodell für die Sommerzeit: Die Mitarbeiter nehmen drei Wochen Ferien; sie geben eine normale Ferienwoche, nehmen eine Woche unbezahlten Urlaub und kriegen eine Woche von der Firma geschenkt. So können sich die Mitarbeiter drei Wochen am Stück erholen und kommen auf sieben Wochen Ferien pro Jahr, wenn sie das möchten. Meine Firma gibt den Mitarbeitern z. B. auch am Geburtstag frei. Dies alles geschieht freiwillig.
Genau dies ist mein Appell an die Arbeitgeber: Gewähren Sie wenn möglich zusätzliche Ferientage, und bieten Sie individuelle Ferienmodelle an. Denn es ist unbestritten: Ferien tun gut. Erholte Mitarbeiter arbeiten besser. Aber staatlich verordnete 6 Wochen Ferien sind der falsche Weg und versprechen nicht unbedingt bessere Erholung und bessere Gesundheit. Ein spannender und vor allem sicherer Arbeitsplatz, ein angemessener Lohn und nette Arbeitskollegen gehören ebenfalls dazu.
"6 Wochen Ferien für alle", das tönt auf den ersten Blick natürlich verlockend. Aber wer bezahlt das? Die Initianten sind der Meinung, dass die Arbeitgeber dafür aufkommen müssen. Mehr Ferien und weniger arbeiten bei gleichem Lohn - das kann nicht funktionieren, siehe Griechenland. Uns Schweizern geht es sicher auch darum so gut, weil hier immer etwas mehr, vielleicht etwas besser und genauer gearbeitet wurde als in anderen Ländern. Die 35-Stunden-Woche war bei uns nie ein Thema. Wer fleissiger ist, hat gerade in Krisenzeiten weniger Probleme.
Aus all diesen Gründen bitte ich Sie, die vorliegende Volksinitiative zur Ablehnung zu empfehlen.