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Sommaruga Simonetta · Nationalrat · 2001-05-09

Sommaruga Simonetta · Nationalrat · Bern · Sozialdemokratische Fraktion · 2001-05-09

Wortprotokoll

Wir haben im Gesundheitswesen zwei Probleme, die uns in nächster Zeit sehr beschäftigen werden. Wir haben einerseits die Tatsache, dass die Ärztedichte zunehmen wird, und das bedeutet gleichzeitig steigende Kosten ohne eine bessere Qualität. Die Tatsache, dass eine grössere Anzahl Ärzte höhere Kosten verursacht, ohne dass die Qualität verbessert wird, ist nämlich längst bewiesen. Diese Ausgangslage ist sehr unbefriedigend, vor allem deshalb, weil wir kaum über Instrumente verfügen, um diese Dynamik zu durchbrechen.

Ich möchte nicht behaupten, dass mit der Motion, die ich heute vorlege, das Problem umfassend und endgültig gelöst wird. Solche Lösungen gibt es im Gesundheitswesen gar nicht. Aber ich bin davon überzeugt, dass wir mit der Motion eine Richtung einschlagen können, die dazu beitragen wird, diesem Problem zu begegnen.

Das Ziel der Motion ist es, die Koordination unter den Leistungserbringerinnen und Leistungserbringern zu verbessern. Auch Frau Bundesrätin Dreifuss hat kürzlich auf die Zersplitterung unter den Leistungserbringern als eines der grossen Probleme im Gesundheitswesen hingewiesen. Ohne Anreize, ohne Druck werden wir aber diesbezüglich nichts verändern und verbessern können. Ein besseres Behandlungsmanagement, eine bessere Koordination unter den Leistungserbringenden ist vor allem einmal ökonomisch interessant. Die Kosten für Mehrfachabklärungen, für unkoordinierte Abläufe, für Parallelbehandlungen im Gesundheitswesen sind sehr hoch. Sie werden auf ungefähr 10 bis 15 Prozent der Gesamtkosten geschätzt.

Eine bessere Koordination der Behandlung ist aber auch für die Patientinnen und Patienten von Vorteil, denn Abklärungen, Behandlungen, Operationen und Medikamente machen nicht einfach gesund, sie können auch krank machen. Wir haben heute wieder eine Studie gelesen, wonach in den Spitälern 600 Todesfälle gezählt und beklagt werden müssen, die auf die Einnahme von Medikamenten und ihre Nebenwirkungen zurückzuführen sind.

Mit Medikamenten, Operationen und Behandlungen, die unnötig oder überflüssig sind, wird die Medizin nicht einfach besser, weil man mehr macht, sondern unter Umständen schlechter. Eine bessere Koordination in der Behandlung unter den Leistungserbringenden ist deshalb ökonomisch interessant und für die Patientinnen und Patienten von Vorteil.

Natürlich gibt es in der Schweiz auch ein grosses Bedürfnis der Patientinnen und Patienten nach der freien Arztwahl. Diese wird mit dem von mir vorgeschlagenen Modell aber nicht mehr eingeschränkt als heute. Jede Patientin, jeder Patient kann den Vertrauensarzt oder die Vertrauensärztin weiterhin frei wählen. Die Patientin wird aber, wenn sie an eine Spezialistin oder an ein Spital überwiesen wird, weiterhin von ihrer Vertrauensärztin begleitet. Das ist nur möglich, wenn sich die Ärztinnen und Ärzte mit den Leistungserbringenden in so genannten Ärztenetzen, in Gatekeeping-Modellen, in HMO-Modellen oder in Hausarzt-Modellen, vernetzen.

Das Einzelkämpfertum im Gesundheitswesen gehört der Vergangenheit an. Qualitativ gute Behandlungen sind nur dann möglich, wenn die Leistungserbringenden zusammenarbeiten. Eine bessere Koordination unter den Ärzten bedeutet aber auch bessere Kontrolle, vermehrten Austausch untereinander und ein besseres Fehlermanagement. Die Zukunft unserer medizinischen Versorgung liegt in der guten Koordination unter den Leistungserbringenden.

Wenn wir heute davon ausgehen - ich glaube, wir müssen davon ausgehen -, dass in Zukunft zwischen den Leistungserbringenden und den Krankenversicherungen Vertragsfreiheit herrscht, kommt meinem Vorstoss noch grössere Bedeutung zu. Ärztenetze können und müssen dann nämlich auch vermehrt in die Budgetverantwortung gezogen werden. Meine Forderung nach einem Fonds für Hochrisikofälle muss breit aufgefasst werden. Es ist klar, dass hier verschiedene Modelle vorstellbar sind, die abgeklärt werden müssen.

Die Hauptstossrichtung ist aber eine bessere Koordination unter den Leistungserbringenden, und diesem Ziel kommen wir mit meinem Vorstoss näher.