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Gross Andreas · Nationalrat · 2001-06-05

Gross Andreas · Nationalrat · Zürich · Sozialdemokratische Fraktion · 2001-06-05

Wortprotokoll

Herr Bundesrat, ich wäre Ihnen dankbar, wenn wir vielleicht nicht zu schnell das Wort vom Bürgerkrieg in den Mund nehmen würden. Il ne faut pas parler trop vite de la guerre civile peut-être.

Wir reden jetzt ein Jahr zu spät über den Antrag einer starken Minderheit der Legislaturplanungskommission. Und zwar haben wir uns damals in der Legislaturplanungskommission sehr intensiv mit den Folgen der Einführung der neuen Technologien bzw. der Bedeutung der neuen Kommunikationstechnologien in unserem Alltag auseinander gesetzt.

Wir haben auch verschiedene Experten angehört, die uns darauf aufmerksam gemacht haben, was für eine Spaltungsgefahr für die Gesellschaft von diesen Technologien ausgeht. Man kann heute feststellen, dass die Schweiz zwar zu jenen Ländern gehört, in denen am meisten Menschen von ihrem Know-how her und von ihrer Ausrüstung her von diesen neuen Technologien profitieren und sie nutzen können, dass aber diejenigen, die schon viel wissen und schon sehr gut kommunizieren können, jetzt noch besser kommunizieren können, und dass jene, die das nicht lernen konnten, sich noch mehr abgehängt fühlen.

Diese Gefahr der unterschiedlichen Geschwindigkeiten und der Desintegration der Gesellschaft ist enorm gross. Eine der Möglichkeiten, diese Überforderung, diese Spaltung der Gesellschaft aufzufangen, wäre die Schaffung einer Bildungs- und Weiterbildungszeit, sodass jeder Arbeitende und jede Arbeitende in unserem Land, ähnlich wie in den meisten anderen Ländern Europas, Anspruch auf drei bis fünf Tage Bildungs- bzw. Weiterbildungszeit hätte.

Herr Bundesrat, ich bin erschrocken ob ihrer Antwort, weil Ihnen zwei grosse Irrtümer unterlaufen sind.

Sie reduzieren erstens Bildung auf Weiterbildung; uns geht es hier jedoch um Bildung in einem viel umfassenderen Sinne, nämlich um die Gewährleistung, um die Ermöglichung von existenzieller Souveränität. Wenn Sie analysieren, welche Menschen sich von dieser Gesellschaft ausgeschlossen fühlen, nicht mehr in der Lage sind, sie zu verstehen - d. h. also, die eigene Handlungsmacht verlieren, aufgrund einer Überforderung politisch immer Nein sagen -, dann merken Sie, dass hier ein Weg wäre, diesen Menschen entgegenzukommen und einen Beitrag zu leisten, dass sie ihre eigene existenzielle Souveränität - die mehr ist als die berufliche; nicht weniger, aber mehr - wiedererlangen.

Zweitens argumentieren Sie alleine mit den Kosten.

Vous pensez seulement, Monsieur le Conseiller fédéral, à la facture. Moi, je crois que si vous pensez seulement à la facture, vous ignorez la fracture de notre société. La fracture sociale entraîne une facture beaucoup plus lourde que les quatre milliards de francs que cette proposition coûterait, si vous calculiez son coût de façon extensive. En effet, je parle de trois à cinq jours et vous utilisez seulement les cinq jours pour calculer le coût.

Ich würde Sie wirklich bitten, Herr Couchepin, sich nochmals zu fragen, ob man diesen Vorstoss nicht mindestens als Postulat entgegennehmen könnte. Denn es kostet die Schweiz viel mehr als das Einführen dieser drei, vier bis fünf Tage, wenn die Gesellschaft auseinander fällt, wenn zu viele Menschen nicht mehr in der Lage sind, ihre Existenz zu hinterfragen, zu beurteilen und sich so auch in die Lage zu versetzen, sich selber zu helfen. Das ist die grosse Leistung der Bildung, diese darf nicht reduziert werden auf Weiterbildung, und sie darf uns etwas kosten. Das ist eine staatspolitische Aufgabe, die nicht zu unterschätzen ist.

Deshalb bitte ich Sie noch einmal, sich die Freiheit zu nehmen, die Sache aus Distanz nochmals zu überlegen und diese Motion vielleicht mindestens als Postulat doch entgegenzunehmen.