Widmer Hans · Nationalrat · 2001-06-20
Widmer Hans · Nationalrat · Luzern · Sozialdemokratische Fraktion · 2001-06-20
Wortprotokoll
Die WBK hat eine Parlamentarische Initiative ausgearbeitet. Sie hat damit die Anliegen der Initianten Simoneschi, Strahm und Theiler aufgenommen und auch auf eine Interpellation Pfister Theophil reagiert. Folgende Hauptüberlegungen haben sie motiviert, diese Anliegen aufzunehmen:
Die Informations- und Kommunikationstechnologien (ICT) sind Schlüsseltechnologien, den gekonnten Umgang mit ihnen nennt man Schlüsselqualifikationen. Es wäre deshalb bildungspolitisch, aber auch wirtschaftspolitisch ungünstig, wenn man die entsprechenden Massnahmen nicht ergreifen würde; Massnahmen, die vor allem natürlich auch die Erwachsenen, die KMU und die Regionen betreffen sollen. Der ICT-Bereich hat also für die Mehrheit der Bevölkerung eine grosse strategische Bedeutung, und zwar nicht nur auf der wirtschaflichen Ebene, sondern auch auf der soziologischen im Sinne der Bewältigung der so genannten digitalen Herausforderung der ganzen Gesellschaft.
Vergessen wir nicht, dass die Umwälzungen, welche mit den ICT einhergehen, weit über die einzelnen Branchen hinausgehen. Der ICT-Bereich ist branchenübergreifend, er hat eine übergeordnete Bedeutung. Die Mehrheit der WBK hat also deswegen eine dringliche Massnahme als dringend erachtet. Man hat gesehen, dass man diesbezüglich in den letzten zehn Jahren zwar einiges unternommen hat, aber nicht genügend. Es ist also, im Sinne einer schnellen Reaktion, ein weiterer befristeter "Feuerwehreinsatz" vonnöten, wie wir das bei den Lehrstellenbeschlüssen I und II gemacht haben. Die Umwälzungen, welche nämlich den ICT-Bereich auch begleiten, gehen weit über die Wirtschaft hinaus. Wir können sagen, dass eine ganz neue Kultur der Technik in die Welt gesetzt wird, und wir müssen die nötigen Qualifikationen dafür schaffen.
Deswegen haben wir festgestellt, dass wir konkret handeln müssen. Wir haben festgestellt, dass ein Bedarf und ein Mangel an Fachleuten für diesen Bereich bestehen. Das sehen wir nicht nur, wenn wir die Zeitungen aufschlagen, wenn wir die teilweise viel zu hohen Löhne in dieser Branche betrachten, das sehen wir auch, wenn wir die Seite 6 des WBK-Berichtes genau anschauen. Es ist ein ungeheurer Bedarf vorhanden. Die Anzahl der Lehrverträge für Informatiker wurde von 1992 bis 1999 sage und schreibe verhundertfacht, für Mediamatiker wurde sie von 1997 bis 2000 mehr als verfünzigfacht! Das zeigt doch, dass unser System zwar schon ein bisschen reagiert hat, aber lange nicht genügend, sonst hätten sich diese Kurven nicht so entwickelt.
Die strategische Bedeutung des ICT-Bereiches für die einzelnen Branchen, für die gesamte Wirtschaft, für die gesamte Gesellschaft: Das war die Grundmotivation dafür, diese Initiative ausarbeiten zu lassen.
Folgende Massnahmen werden vorgeschlagen: Ein befristetes Umschulungs- und Weiterbildungsgesetz. Was soll dieses Gesetz? Es soll die nachfrageorientierte Ausbildung mit dem neuen, innovativen Instrument der Bildungsgutscheine fördern. Es sollen nicht neue Ausbildungsinstitutionen gegründet werden, sondern es soll für möglichst viele begabte und motivierte Leute, die man zuerst prüft, die Möglichkeit geschaffen werden, im ICT-Bereich sich weiterzubilden oder neu einzusteigen. Es geht um eine Grundausbildung, nicht um eine Spezialausbildung.
Sehr wichtig ist, dass wir die Ausbildung von Ausbildnerinnen und Ausbildnern in den Unternehmungen fördern. Das ist wirtschaftsnah. Was nützt es uns, wenn wir nur Anwender auf den Markt bringen, aber niemand motiviert, bezahlt, gewillt ist, dieses Wissen auch weiterzugeben? Sie sehen das Problem des heutigen Lehrermangels. Wie schnell könnte es auch einen Lehrermangel in diesem Bereich geben!
20 Millionen Franken wollen wir für die Bereitstellung von Ausbildungsmodulen und die zentralen Dienste dieser Offensive sowie für gute Abklärungen der Kandidaten einsetzen. Die 20 Millionen sind fix. Daran sollte man auf keinen Fall etwas ändern. Dazu kommen 80 Millionen Franken, damit man möglichst viele Leute in diese Ausbildung hineinziehen kann.
Nun sagen aber der Bundesrat und die Minderheit der Kommission, es sei schon viel unternommen worden; der Bedarf sei zu wenig genau festgestellt worden; es gebe in der Branche Schliessungen von Unternehmen; man kenne auch in anderen Branchen Mangel und schliesslich sei - wie der Nichteintretensantrag nachweisen will - die Ausbildung des Nachwuchses reine Sache der Wirtschaft.
Nun, diese Argumente stimmen nur zum Teil. Es wurde etwas unternommen, aber nicht genug. Sonst müsste sich der Bundesrat für seinen eigenen Laden ein bisschen an der Nase nehmen, anstatt den Chef des Bundesamtes für Informatik und Telekommunikation, Herrn Redli, nach aussen sagen zu lassen, es fehlten nur schon beim Bund 1200 bis 1500 Leute.
Zu sagen: "Liebe Mitarbeiter, wir geben Kopfgeld, wir geben Prämien, wenn ihr uns Leute hereinbringt", das ist keine Strategie. Wir wollen tiefer ansetzen. Wir wollen eine Grundausbildung. Wir wollen die Chance nicht verpassen.
Der Bedarf ist nicht gesichert; er ist nicht genau zu beziffern. Die Angaben der Fachleute schwanken: zwischen 10 000 und 20 000 Fachkräften. Ich denke an eine Aussage von Carl August Zehnder, Professor an der ETH Zürich, der das gesagt hat. Es ist ein Mangel vorhanden, allerdings ist er nicht genau zu beziffern, und es ist ein Mangel in einem Schlüsselbereich, also müssen wir reagieren.
Ein weiteres Argument sind die Betriebsschliessungen. Natürlich gibt es solche. Man kann sagen, dass die freigestellten Leute nach diesen Betriebsschliessungen sofort wieder vom Arbeitsmarkt verschwinden. Sehr wichtig ist: Der ICT-Bereich betrifft die ganze Wirtschaft, über alle Branchen hinweg, und wir haben eine wachsende Wirtschaft. Der Bedarf wird wachsen, und wir müssen betreffend die nötigen Fachleute Folgendes tun:
1. Wir müssen sie in der Praxis zur Verfügung stellen.
2. Wir müssen vor allem auch gewährleisten, dass Ausbildner da sind.
Denken Sie daran, dass es sehr schnell einen Mangel an Ausbildnern geben kann und dass es sehr lange geht, bis diese Lücken jeweils gefüllt sind. Schauen Sie nur, wie mühsam jetzt die EDK auf den Lehrermangel reagieren muss.
Schliesslich möchte ich Sie einfach noch mit einer Schlussbemerkung motivieren, der Vorlage zuzustimmen: Alle reden immer wieder grossartig davon, in der Schweiz gebe es nur einen Rohstoff, den Rohstoff Bildung. Das ist ein ganz besonderer Rohstoff. Aber was ist das genau für ein Rohstoff? Das ist ein Rohstoff, den wir selber überhaupt erst produzieren müssen. Das Gold, die Diamanten müssen wir nicht produzieren, die Gehirnzellen auch nicht direkt, aber wir müssen machen, dass sie zu einem Rohstoff werden. Das ist der einzige Rohstoff, den man eigentlich produzieren muss.
Ich bitte Sie im Namen der Mehrheit der Kommission, auf die Vorlage einzutreten.