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Galladé Chantal · Nationalrat · 2011-12-13

Galladé Chantal · Nationalrat · Zürich · Sozialdemokratische Fraktion · 2011-12-13

Wortprotokoll

Wenn Sie das nächste Mal in den Medien eine Berichterstattung über misshandelte Kinder sehen oder vielleicht auch von einem entsprechenden Gerichtsprozess hören, dann denken Sie vermutlich wie ich: Wie konnte es so weit kommen? Warum hat das keiner vorher gemerkt? Warum ist hier keiner eingeschritten? Vielleicht denken Sie dann auch, dass wir mit der Annahme dieses Vorstosses einen Teil - nicht alle, aber einen Teil - dieser Misshandlungen frühzeitig hätten erkennen können. Ich selber habe einmal im Kinderspital Zürich gearbeitet und habe solche Fälle auch gesehen.

Ich sage Ihnen, was die parlamentarische Initiative will. Sie will, dass alle Kinder das gleiche Recht auf Gesundheit und Unversehrtheit haben - unabhängig von ihrem Elternhaus. [PAGE 2068] Das heisst, die parlamentarische Initiative will, dass die kinderärztlichen Vorsorgeuntersuchungen, die es heute schon gibt und die heute schon empfohlen werden, für alle Kinder im Vorschulalter für obligatorisch erklärt werden. Es geht dabei nicht so sehr darum, die Eltern zu kontrollieren oder ihnen zu misstrauen; es geht darum, dass bei gewissen Fehlentwicklungen, gewissen Leiden - wie seltene Nierenschäden, wie Diabetes, wie eine Fehlentwicklung der Knochen oder auch Zahnschäden - gerade im Alter von null bis vier Jahren gute Heilungschancen oder Korrekturmöglichkeiten bestehen, sofern man sie bemerkt. Es ist nicht so, dass man sie als medizinisch nicht geschulter Elternteil unbedingt in jedem Fall bemerkt.

Es geht hier also gewissermassen um ein Recht auf Gesundheit, auch um eine Pflicht der Eltern, ihren Kindern minimale Gesundheitsstandards zu gewährleisten - so, wie wir das im Schulbereich kennen. Wir stören uns ja auch nicht so sehr daran, dass die Kinder in der Schweiz nicht nur ein Schulrecht, sondern auch eine Schulpflicht kennen. Genau so wäre es auch bei der Gesundheit.

Wir wissen, dass auch eine grosse Dunkelziffer bei der Misshandlung von Kindern im Vorschulalter besteht, also bei Kindern im Alter von null bis vier Jahren. Wir wissen, dass es dort besonders schwierig ist, etwas zu unternehmen, weil es keine soziale Kontrolle gibt. Das Kind geht noch nicht zur Schule, das Kind ist noch nicht so in soziale Kontakte eingebettet. Umso wichtiger ist es, dass hier eine gewisse Unterstützung der Eltern und des Kindes, eine gewisse gesundheitliche Kontrolle stattfinden kann.

Wir wissen auch: Wenn festgestellt wird, dass ein Kind kurzsichtig ist, dass es nicht hört oder dass es kaputte Zähne hat, kann ihm in späteren Jahren viel Leid erspart werden. Es ist auch günstiger, wenn wir dann eingreifen, als wenn wir länger zuwarten.

Die Schweiz würde das Ganze nicht neu erfinden. In Deutschland kennen bereits sieben Bundesländer einen Baby-TÜV. Das Bundesland Saarland z. B. hat damit sehr gute Erfahrungen gemacht, er kommt bei den Eltern sehr gut an. Auch in der Schweiz soll das Ganze eingebettet werden, z. B. in ein Netz mit Mütterberaterinnen und Hebammen, damit Eltern mit Kindern im Alter von null bis vier Jahren in Bezug auf die Gesundheit ihrer Kinder nicht mehr alleingelassen und allenfalls überfordert sind.

Ich sage Ihnen: Wenn wir nur einige gesundheitliche Frühschäden erkennen und korrigieren können, wenn wir nur einige Misshandlungen verhindern können, wenn wir, wie meine Kinderärztin jeweils sagt, nur einige Fehlernährte oder Untergewichtige, die sonst erst kommen, wenn es zu spät ist, frühzeitig erkennen können, hat sich die Zustimmung zu dieser parlamentarischen Initiative in der ersten Phase gelohnt.

Die Schweiz kann z. B. schauen, welches die Erfahrungen des Bundeslands Saarland sind, und dann ein schweizerisches System entwickeln. Ich bin überzeugt, dass wir als Gesellschaft die Verpflichtung haben, allen Kindern Gesundheit und Unversehrtheit zu ermöglichen. Wir alle hier drin sind diesbezüglich in der Verantwortung.

Ich danke Ihnen für die Unterstützung dieser parlamentarischen Initiative in der ersten Phase.