Haller Vannini Ursula · Nationalrat · 2013-04-17
Haller Vannini Ursula · Nationalrat · Bern · Fraktion BD · 2013-04-17
Wortprotokoll
"Nach menschlichem Ermessen werden Sie nie ein eigenes Kind bekommen." Dies war die niederschmetternde Diagnose, die mein Mann und ich Anfang der Siebzigerjahre erhielten. Damals stellten wir fest, dass ein geplatzter Blinddarm im Kindesalter zu starken Verwachsungen geführt hatte, die eine sehr dramatische Operation zur Folge hatten. Und eben, die Diagnose hiess: "Nach menschlichem Ermessen" - ich betone: nach menschlichem Ermessen - "werden Sie nie ein eigenes Kind bekommen." Wir hielten uns trotzdem an einen kleinen Faden der Hoffnung, und der Arzt verhalf uns mit vielen Therapien und vielen medikamentösen Behandlungen zu unserem medizinischen Glück. Wir wurden trotzdem Eltern einer heute 35 Jahre alten Tochter und dazu eines heute 34-jährigen Adoptivsohnes aus Indien. Wir dachten eben, wenn wir schon kein eigenes Kind bekommen, werden wir ein Kind aus der Dritten Welt adoptieren.
Was will ich damit sagen? Ich will nicht wiederholen, was hier an Argumenten pro und kontra gesagt wurde. Niemand, keine Frau und, so hoffe ich, auch kein einziger Mann, nimmt die allfällig sich stellende notwendige Frage eines Schwangerschaftsabbruchs auf die leichte Schulter, ganz und gar nicht, davon bin ich ganz fest überzeugt. Es gibt aber eben Augenblicke, wo eine solche Frage erlaubt ist, und nachdem ich Ihnen meine persönliche Geschichte geschildert habe, will ich Ihnen auch Folgendes sagen: Auch ich nehme eine solche Frage nicht auf die leichte Schulter. Ich tat mich damals mit der Fristenlösung schwer. Trotzdem stimmte ich ihr zu, weil ich meine, es müsse der Entscheid der Frau oder, besser gesagt, des Paares sein, ob man ein zu erwartendes Kind haben kann oder ob es allenfalls richtig und - hören Sie gut zu - ebenfalls ethisch und moralisch vertretbar ist, wenn man sich bei der Schwangerschaft ganz früh allenfalls dafür ausspricht, ein Kind nicht austragen zu wollen.
Ist es denn nicht ethisch und moralisch von einer jungen Frau viel eher zu akzeptieren, dass sie sich folgende Frage stellt? Die Frage nämlich: "Was ist denn, wenn ich meinem Kind in keiner Weise eine Perspektive bieten kann, weil ich keinen Mann habe - er ist möglicherweise noch da, aber er kann mich nicht unterstützen -, weil ich niemanden habe, dem ich das Kind irgendwann einmal geben kann, weder eine Grossmutter noch eine Nachbarin, die zum Kind schaut?" Ist es da nicht vielleicht besser, einem Kind ein unglückliches Leben in einer kritischen Gesellschaft zu ersparen, als die Mutter später irgendwie zu zwingen, den mühsamen und entwürdigenden Gang auf das Sozialamt zu gehen? Deswegen muss ich die Frauen der SVP schon fragen, weshalb sie sich eben auch so vehement - es wurde schon angetönt - dagegen ausgesprochen haben, dass sich die Allgemeinheit für einen Kinderhort, eine Tagesstätte engagieren soll. Solche Institutionen sind genau für solche Frauen möglicherweise die einzige Möglichkeit, zum Kind Ja zu sagen, weil sie weiss: Auch wenn die Grossmutter nicht da ist und die private Initiative nicht funktioniert, ist immerhin eine staatliche Einrichtung da, die hilft, dass dieses Kind ebenfalls in Würde gross werden kann. [PAGE 680]
Es erstaunt mich daher sehr, wenn ich höre, dass nur eine Frau, die allenfalls eine medizinische Indikation geltend machen kann, oder gar eine Frau, die vergewaltigt wurde, das Recht hat, ihr Kind nicht auszutragen, und dass sie dann noch - drei Personen haben Frau Herzog heute Morgen dazu gefragt - erklären muss, ob sie dieses Kind empfangen hat, weil sie tatsächlich oder allenfalls eventuell vergewaltigt wurde. Was ist denn das für eine entwürdigende Diskussion!
Wenn es heisst, Abtreibungsfinanzierung sei Privatsache, dann würde ich sagen, die ganze Frage, wer ein Kind will, zu welcher Zeit sie das Kind will, sei Privatsache, und deswegen wäre diese Diskussion tatsächlich hier gar nicht zu führen gewesen. Es ist scheinheilig, entschuldigen Sie diesen Ausdruck, wenn man so unter dem Vorwand, es gehe gar nicht um die Abtreibung, sondern nur um die Kosten, hier eine solche Debatte führt. Lassen wir den Entscheid dem Ehepaar, und mischen wir uns nicht in ein gutes System ein, das sich in den Jahren seit der Einführung der Fristenlösung bestens bewährt hat. Die Kosten sind gesunken, die Zahl der Abtreibungen ist gesunken. Es ist alles auf dem besten Weg, die Schwangerschaft, die Frage, ob man ein Kind haben will, wieder zur Privatsache zu machen; lassen wir die Sache.
Lehnen Sie bitte diese Initiative ab, die wohl auch in der Bevölkerung noch heftigste Diskussionen auslösen wird, damit wir hier eine klare Ausgangslage haben.