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Schweiger Rolf · Ständerat · 2010-09-16

Schweiger Rolf · Ständerat · Zug · Freisinnig-demokratische Fraktion · 2010-09-16

Wortprotokoll

Ich erachte es als richtig, Sie transparent über das Entstehen meiner Motion zu orientieren. Auch für mich selbst ist es immer wieder erstaunlich, dass ich offenbar auf junge Erwachsene und dabei vorab auf Angehörige des weiblichen Geschlechts zwischen 20 und 30 Jahren eine merkwürdige Anziehungskraft ausübe. Dies ist nun in meiner Ständeratskarriere bereits die dritte Motion, die ich auf Anregung solcher junger Erwachsener - bisher erfolgreich - eingereicht habe. Aus dieser Feststellung ergibt sich denn auch, dass meine Anziehungskraft eine rein politisch-intellektuelle ist und alle allenfalls anderen Interpretationen und Vermutungen völlig verfehlt wären. Dies zur Klarstellung.

Bei meinen ersten Kontakten mit den erwähnten jungen Frauen war ich skeptisch gegenüber der bei mir angeregten Motion. Bei Medienführerschein und Engagement des Bundes im Volksschulwesen hatte ich vorerst ein paar Fragezeichen. Diese Skepsis relativierte sich erstmals, als ich vernahm, dass in Bayern, wo übrigens mein Grossvater geboren ist, eine analoge Idee umgesetzt wurde, dies mit grossem Erfolg. Von den bayrischen Schülern wird der Medienführerschein nicht als Last empfunden, er ist für sie vielmehr Ansporn, er weckt ein sportähnliches Engagement und ist für sie auch Ausdruck für Ernsthaftigkeit und Wichtigkeit einer für ihr ganzes Leben zentralen Sache. Ein Medienführerschein ist auch nicht eine administrativ aufwendige [PAGE 824] Angelegenheit, sondern etwas, was sich im Klassenverband abspielt und von der Lehrperson, ähnlich den Noten einer Prüfung, intern und vielleicht sogar mit einem gewissen Brimborium ausgehändigt wird. Es gibt alle Jahre etwas Höheres, etwas Neueres, es ist also baukastenähnlich aufgebaut. Das Ganze lässt sich durchaus mit dem bei uns üblichen Veloführerschein vergleichen, der mehr den Charakter einer Anerkennung denn eines formellen Dokumentes hat.

Bedenken hatte ich anfänglich auch, ob dem Bund eine Kompetenz zusteht, sich für einen solchen Medienführerschein zu engagieren. Das Volksschulwesen ist ja Sache der Kantone - und das soll es auch bleiben. Meine Bedenken sind jedoch verflogen, als ich die Antwort des Bundesrates auf meine Motion zu Gesicht bekam. Da erwähnt der Bundesrat nämlich, dass er schon auf verschiedenen Ebenen in der Medienausbildung von Schülern involviert ist. Erlauben Sie mir, die drei Beispiele zu erwähnen, die in der Antwort des Bundesrates aufgeführt sind.

1. Der Bund finanziert und unterstützt den Bildungsserver für Lehrkräfte, Educta, via BBT und via EDK. Auf diesem Server ist umfangreiches Informations- und Lernmaterial aufgeschaltet.

2. Das EDI hat zusammen mit der Medienbranche einen Massnahmenkatalog zur Förderung der Medienkompetenz von Jugendlichen und deren Bezugspersonen ausgearbeitet.

3. Das UVEK erarbeitet in Abstimmung mit dem EDI derzeit ein Konzept "Sicherheit und Vertrauen", das sich insbesondere mit dem rechtskonformen Umgang mit der Informations- und Kommunikationstechnik befasst.

Der Bundesrat erwähnt dann zwar, dass er darüber hinaus keinen weiteren Handlungsbedarf sehe. Wenn er aber zumindest bis heute tatsächlich gehandelt hat, bedeutet dies nichts anderes, als dass er sich für ein solches Handeln als kompetent und damit auch als befugt erachtet, und zwar in dem Sinne, Impulse zu geben, Koordinationen anzubieten und generell alle Player des Schulwesens zu unterstützen und zu inspirieren. Das - und vorab das - will ich mit meiner Motion erreichen. Die Welt der neuen Medien ist für unsere Jugend zu ernst, als dass sich der Bund heraushalten kann - dies soll im Folgenden unter drei Aspekten betrachtet werden:

1. Die neuen Medien sind integrale Begleiter des Lernens und des Wissens. Medienkunde ist nicht allein ein Fach für sich, nein, Medienkunde hat dasjenige Vehikel zu sein, mit welchem Wissen aus allen Bereichen erfahren, erweitert und gefestigt werden kann.

2. Die neuen Medien bergen auch Gefahren. Erwähnt sei nur das unüberlegte Preisgeben von persönlichen Informationen auf Social-Network-Websites oder der jugendlichen Entwicklung nicht angepasste Spiele, z. B. Killerspiele und anderes.

3. Das Verbieten von Websites kann nur Ultima Ratio sein.

Wichtig und richtig ist vielmehr zu warnen, zu informieren und immer wieder aufzuzeigen, wie auch mit neuen Medien verantwortungsvoll umgegangen werden kann und umgegangen werden muss. Für diesen Aspekt, schreibt nun der Bundesrat, seien vorab die Eltern da. Dieser Hinweis ist an sich richtig, gleichwohl aber problematisch und zu relativieren. Der gleiche Bundesrat schreibt nämlich in der Antwort auf die Motion nur zwei Zeilen weiter unten, die Kinder und Jugendlichen hätten vielfach ein besseres technisches Know-how als ihre Eltern und es gelinge ihnen einfacher und spielerischer als Erwachsenen, ihre Kenntnisse laufend zu erweitern. Es dürfte denn auch kein Geheimnis sein, dass die Kinder ihre Eltern oft mehr inspirieren als umgekehrt.

Vollends überzeugt von der Richtigkeit meiner Motion wurde ich aufgrund des unerwartet grossen medialen und sonstigen Echos. Ich zitiere einige Beispiele.

1. Christian Doelker, emeritierter Zürcher Uni-Professor für Medienpädagogik, sagt zum Medienführerschein, man müsse froh sein um jeden Vorschlag, der in diese Richtung ziele.

2. Thomas Merz, Professor an der Pädagogischen Hochschule in Zürich, pflichtet Doelker bei. Er sagt, die Schweiz laufe bei fortgesetzter Vernachlässigung des Themas gar Gefahr, im Wettbewerb der Nationen an Vorsprung einzubüssen. Den so wichtigen neuen Medien werde in den Schulsystemen vieler Schwellenländer nämlich deutlich mehr Beachtung geschenkt als hier in der Schweiz.

3. Zustimmung kommt - und das war für mich wohl das Entscheidendste - sogar von Beat Zemp, dem Präsidenten des Lehrerverbandes. Zwar steht er der Grundtendenz, die Schule ständig mit neuen Aufgaben zu beauftragen, kritisch gegenüber. Der souveräne Umgang mit Medien aber sei eine Kernkompetenz, über die man heute im Wirtschaftsleben verfügen müsse. Zudem wies Herr Zemp darauf hin, dass in manchen Kantonen bereits Systeme realisiert sind, die dem Konzept eines Medienführerscheins gleichen.

4. Ebenfalls positiv äussert sich Pro Juventute. Sie schreibt: "Wir teilen die Meinung des Bundesrates nicht, dass in diesem Bereich kein weiterer Handlungsbedarf besteht. Es ist nicht zu akzeptieren, dass Medienkompetenzbildung keine eigene Verankerung in den Lehrplänen findet. Zudem muss es eben gerade darum gehen, Jugendliche so zu stärken, dass sie mit der Konfrontation mit sogenannt gefährlichen Medieninhalten umgehen können." Und weiter schreibt Pro Juventute: "Die anstehende Reform des Lehrplans 21 ist die richtige Gelegenheit, die Medienkompetenzbildung endlich ernsthaft zu verankern. Dabei steht die Befähigung Jugendlicher für einen positiven und produktiven Umgang mit neuen Medien im Vordergrund." Pro Juventute meint deshalb, dass ein Ja des Ständerates zu meiner Motion ein starkes Signal für eine echte Medienkompetenzbildung sein könne, die auch von den Kantonen als verantwortliche Träger der Volksschule mitgetragen würde.

5. Zur Motion hat sich schliesslich auch noch die Schweizerische Arbeitsgemeinschaft der Jugendverbände geäussert; sie schrieb: "Wir teilen die Auffassung, dass die vielfältigen Herausforderungen, die sich Kindern und Jugendlichen in der heutigen Kommunikationsgesellschaft stellen, durch Verbote allein nicht zu bewältigen sind. Vielmehr glauben auch wir, dass eine umfassende Medienbildung, welche Chancen wie auch Gefahren neuer Medien beleuchtet, unumgänglich ist, damit Kinder und Jugendliche mediale Inhalte eigenverantwortlich und kritisch reflektieren können."

Ich kann es bei diesen Zitaten und dem Antrag, meine Motion anzunehmen, bewenden lassen. Sie ist kein Allheilmittel. Der Medienführerschein ist denn auch nur ein Element unter vielen. Entscheidend aber ist, dass die Annahme meiner Motion von den Schülerinnen und Schülern als wahrscheinlich von allen geschätzter Weg in einer für sie wichtigen Angelegenheit beurteilt wird.

Junge Leute schätzen - wie übrigens auch ich - unkonventionelle und von der Alltäglichkeit abweichende Wege.

Ich hoffe, dass Sie bereit sind, den Wegweiser hierzu mitzuzimmern, und meiner Motion zustimmen.