Minder Thomas · Ständerat · 2013-09-24
Minder Thomas · Ständerat · Schaffhausen · Fraktion der Schweizerischen Volkspartei · 2013-09-24
Wortprotokoll
Wenn die Bienen aussterben, sterben vier Jahre später auch die Menschen aus, soll Einstein einmal gesagt haben. Sie sollten sich unbedingt einmal den Dokumentarfilm "More than Honey" des Schweizer Regisseurs Markus Imhoof anschauen - ich habe ihn hier. All jene, welche diesen Film gesehen haben, werden diese Motion unterstützen.
In China werden in gewissen Gebieten die Obstbäume von Hand bestäubt, es fliegen keine Bienen mehr. Die rücksichtslose und gewaltige Verwendung von zu viel Insektizid hat die Bienen getötet: Überall auf der nördlichen Halbkugel waren in den letzten zehn Jahren Völkerverluste zu verzeichnen. Leider konnte trotz langjähriger und internationaler Forschung kein alleiniger Faktor für das Bienensterben verantwortlich gemacht werden. Die Faktoren können sich zudem regional unterscheiden, was die Lösungsfindung erschwert. In Spanien, Schottland und Italien sind die Verluste noch schlimmer als bei uns. In Australien, Neuseeland und Indien kennt man das Bienensterben nicht.
Der Honigbiene, einem der wichtigsten Insekten unserer Erde, geht es schlecht, sie schwebt in Lebensgefahr. Ein Leben ohne die Biene ist für uns eigentlich gar nicht vorstellbar, denn sie ist durch ihre Bestäubungsaktivitäten bei Obstbäumen, Beeren, Raps usw. die grösste Ernährerin von uns Menschen. In der Schweiz gehen rund 80 Prozent der Ernte auf die Bestäubung durch die Biene zurück. Bei den Obstblüten sind sogar 90 Prozent auf die Hilfe der fleissigen Bienen angewiesen.
Sie erkennen also, dass es nicht primär um den Gewinn des Honigs geht. Es geht vielmehr um die Bestäubungsaktivitäten der Biene. Ein einziges Volk, 40 000 bis 50 000 Tiere, bestäubt in einem einzigen Tag bis zu 12 Millionen Blüten und deckt dabei eine Fläche von 30 Quadratkilometern ab. Für ein Kilo Honig fliegen die Bienen rund 60 000 Mal. Nicht umsonst spricht Regisseur Imhoof vom Intelligenzschwarm.
Das Thema des Bienensterbens ist mittlerweile auch in der Politik angelangt. Seine Ursachen sind vielfältig: Monokulturen, zu viele Pestizide und Insektizide, die Varroa-Milbe, Faul- und Sauerbrut, aber auch die Imker selbst wurden als Ursache gefunden. Rund ein Viertel der Bienenvölker in der Schweiz haben den letzten Winter nicht überlebt; im Winter zuvor waren es sogar fast die Hälfte.
Diese beängstigende Zahl ist Auslöser diverser politischer Vorstösse. Immer wieder rücken beim Thema Bienensterben die verwendeten Pflanzenschutzmittel und die Varroa-Milbe in die Mitte. Die EU hat kürzlich die Suspendierung einer Gruppe von Insektiziden, man nennt diese Neonicotinoide, für zwei Jahre angesetzt. Da in den Städten die Gesundheit der Bienen markant besser ist als in den landwirtschaftlichen Regionen mit Monokultur, ist der Beweis, dass die Insektizide viel schlimmer sind als die Varroa-Milbe - das ist jedenfalls meine Einschätzung -, bereits erbracht. Die Motion 13.3368, welche im Nationalrat scheiterte, verlangte, dass diese Insektizide gleich wie in der EU verboten oder während ein paar Jahren suspendiert werden. Womöglich hat das starke Schweizer Pharmalobbying die National- und Bundesräte zur Ablehnung dieser Motion verleitet. Warum die vom Nationalrat angenommene Motion 13.3367, "Massnahmenpaket zum Schutz der Bienen", heute nicht gleichzeitig in diesem Rat behandelt wird, ist für mich unverständlich.
An vorderster Front finden Sie bei diesem Thema als Gegner die Firma Syngenta, Hersteller von Insektiziden. Am Flughafen Berlin waren anlässlich von Imhoofs Filmpremiere grosse Syngenta-Plakate sichtbar. Darauf stand "... is the real cause of bee collapse staring you in the face". Gemeint ist die Varroa-Milbe, welche auf der Stirn der Biene sitzt. [PAGE 876] Unglaublich, wie einseitig eine Firma auftreten kann, um den Verkauf ihrer Pestizide zu verteidigen!
Ich habe der Firma Syngenta geschrieben und habe folgende Antwort erhalten: "Wir bitten Sie, sich im Interesse des Forschungs- und Produktionsstandortes Schweiz für eine Versachlichung der Debatte einzusetzen." Das mache ich. Ich habe, anders als Syngenta, noch keine Schlussfolgerung gezogen. Syngenta hat das Wesentlichste nicht begriffen: Geht es der Biene schlecht, so ist es um die Nahrungsmittel und somit auch um die Bauern und die Menschheit schlecht bestellt. Und wenn es den Bauern und der Menschheit schlechtgeht, geht es auch der Firma Syngenta schlecht. Wir können dann noch wählen, ob wir vergiftet überleben, das wäre die Syngenta-Terminologie, oder gesund verhungern, das wäre die Einstein-Terminologie.
Nebst den Insekten, welche die Bienen schwächen, scheint bei dieser Problematik auch die Varroa-Milbe eine entscheidende Rolle zu spielen. Die Forschungsanstalt Agroscope in Liebefeld sucht mit Hochdruck und mit einer neuen Forschungsoffensive nach einer nachhaltigen Lösung, um diesen Parasiten zu bekämpfen. Zurzeit liegt es an den Imkern, dies zu tun, zum Beispiel mit der Verwendung von Ameisensäure. Da diese Arbeit von grösster Wichtigkeit und sehr komplex ist, trifft die Imker eine genauso grosse Verantwortung.
Anzumerken ist, dass es die Imker waren, welche die Idee hatten, die Bienengesundheit zu thematisieren. Genau in diese Richtung zielt die nun in diesem Rat behandelte Motion: Sie verlangt einen nationalen Bienenmassnahmenplan. Wohl der wichtigste Punkt in dieser Motion ist der, dass Agroscope die subletalen Effekte von Pflanzenschutzmitteln erforschen soll. Auf gut Deutsch heisst das: Die Forschung soll herausfinden, warum die Bienen von den Insektiziden lediglich geschwächt, aber nicht getötet werden. Die Motion soll helfen herauszufinden, warum das Immunsystem der Biene geschwächt wird und die Varroa-Milbe dadurch einfacher zum Parasiten werden kann.
Ein grosses Anliegen der Imker ist es, dass es für das Ausüben ihres Hobbys - es ist ja kein eigentlicher Beruf - ein Fähigkeitszeugnis und eine dauernde Weiterbildung braucht. Gerade die Bekämpfung der Varroa-Milbe nützt reichlich wenig, wenn sie nicht flächendeckend erfolgt.
Jedes ungesunde Bienenvolk, welches sich mit einem gesunden vermischt, erschwert den Kampf gegen die Varroa-Milbe. Dasselbe gilt bei einer weiteren bakteriellen Brutkrankheit der Honigbiene, der sogenannten Faul- und Sauerbrut. Auch da muss mit Hochdruck weitergeforscht werden. Ist nämlich ein einziges Volk von dieser Krankheit befallen, so müssen oftmals alle umliegenden Völker ebenfalls vernichtet werden; so ist es bereits in diversen Kantonen geschehen. Aus dieser Überlegung heraus bitte ich den Bundesrat, aber auch Agroscope, sich mit Vollgas des Themas Bienensterben in der Schweiz anzunehmen.