Zanetti Roberto · Ständerat · 2013-09-24
Zanetti Roberto · Ständerat · Solothurn · Sozialdemokratische Fraktion · 2013-09-24
Wortprotokoll
Wir kommen jetzt zu einem Geschäft der höchsten Wichtigkeitsstufe - das ist mir durchaus bewusst. Um was geht es? Mit einer Änderung der Tierzuchtverordnung will der Bundesrat keine Beiträge mehr an die "subjektive Exterieurbeurteilung" der zuständigen Zuchtorganisationen leisten. Die "subjektive Exterieurbeurteilung" - das sind eben die klassischen Viehschauen, wo die Experten um die Kühe herumspazieren, sie anschauen, begutachten und allenfalls eben auch betatschen, um zu sehen, ob sie wirklich gut gebaut sind, ein gutes Fundament haben - das Strichband ist entscheidend, habe ich mir sagen lassen. Dieser Entscheid, die Änderung der Tierzuchtverordnung, wird begründet mit der Sicherstellung eines effizienten Einsatzes von Bundesmitteln und weiter mit der Empfehlung der Finanzkontrolle, die eine "Fokussierung der Tierzucht auf Kernaufgaben" bewirken will.
Ich muss Ihnen ehrlich gestehen, dass das für meinen Geschmack ziemlich trockenes und blutleeres Technokratendeutsch ist. Und was "Fokussierung der Tierzucht auf Kernaufgaben" genau bedeuten soll, hat sich mir, ehrlich gesagt, nicht ganz erschlossen.
Immerhin sei für die Nichtfachleute gesagt, was der Unterschied zwischen der "linearen Beschreibung" und der "subjektive Exterieurbeurteilung" ist. Ich erkläre es jeweils so: Es ist ein bisschen wie der Unterschied zwischen bargeldlosem Zahlungsverkehr und Bargeld auf die Kralle oder wie der Unterschied zwischen "Köfferli-Muni" und Natursprung; es ist der Gegensatz zwischen einem ganz komplizierten Kaufvertrag und dem Handschlag auf einem Viehmarkt. Irgendwie geht bei der "linearen Beschreibung" das sinnliche Erlebnis verloren.
Ich bin gelegentlich auf Viehschauen - ich mache das freiwillig; früher musste ich sie aufgrund meiner damaligen Funktion besuchen. Heute mache ich es freiwillig, weil ich es ein schönes Erlebnis finde. Ich bin felsenfest überzeugt, dass die klassischen Viehschauen ein exzellentes Marketinginstrument für die Landwirtschaft darstellen. Wenn Sie an eine Viehschau gehen - ich kann Ihnen das wärmstens empfehlen -, dann werden Sie sehen, dass auch Mütter mit ihren Kindern dort sind und den Kindern eben erklären können, dass die Milch nicht von Migros oder Coop kommt, sondern bei der Kuh unten herausgemolken werden kann.
Ich finde, dass es wirklich jammerschade wäre, wenn diese Viehschauen wegfallen würden. Eine Viehschau bedeutet für den Viehzüchter einen riesigen Aufwand: Die Kühe werden auf Hochglanz gestriegelt und richtiggehend frisiert, [PAGE 874] also richtig aufgemotzt. Dann müssen Transportkosten getätigt werden, es muss sehr viel Zeit aufgewendet werden. Wenn nun dieser bescheidene Beitrag an diese Exterieurbeurteilungen auch noch gestrichen wird, besteht eine gewisse Gefahr, dass die Viehzüchterinnen und Viehzüchter sagen, dass man die Sache nun halt linear oder sozusagen biometrisch mache, dies nicht eben zur Sinnesfreude für die beteiligten Konsumentinnen und Konsumenten.
Ich sage Ihnen: Wenn die Viehschauen wegfallen, dann wird der Tag kommen, an dem entweder die Landwirtschaftskreise oder - was dann noch teurer wird - die Tourismuskreise sagen werden, dass man das wieder einführen müsse, da sich die Leute daran erfreuten. Dann werden Sie Anschubfinanzierungen sprechen müssen, die wesentlich über dem Betrag liegen werden, der jetzt für diese Exterieurbeurteilungen auszugeben wäre; hierfür werden nämlich rund 300 000 Franken pro Jahr ausgegeben. Mit Blick auf den Zahlungsrahmen der Agrarpolitik 2014-2017 und die jeweilige Jahrestranche ist das weniger als 0,1 Promille, also 1 Prozent von 1 Prozent! Diesen Betrag müssten Sie für diese Exterieurbeurteilungen aufwerfen.
Sie werden nun sagen, dass Ihnen die Finanzkontrolle im Nacken sitze, welche die Fokussierung auf die Kernaufgaben fordere. Sie finden doch im Landwirtschaftsbudget von rund 3,5 Milliarden Franken mit Sicherheit diesen Betrag, der einer Rundungsungenauigkeit gleichkommt und mit dem diese Beurteilungen weiterhin ausgerichtet werden könnten. Ich denke da an Absatzförderungsmassnahmen; diese werden in der nächsten Zeit bis zu 70 Millionen Franken betragen. Auch da würden also diese 300 000 Franken nicht einmal 1 Prozent dieser Massnahme ausmachen. Ich sage Ihnen: Eine Viehschau ist eine exzellente Absatzförderungsmassnahme.
Ich will nun mein Votum nicht unnötig verlängern. Es gibt ein paar Leute aus meinem Umfeld, die gesagt haben, ich sei ein hoffnungsloser Nostalgiker und Romantiker. Sie können jetzt diese Aussage Lügen strafen, indem Sie meinem Vorstoss zustimmen. Dann machen Sie nämlich aus einem hoffnungslosen Romantiker einen hoffungsvollen Romantiker. Allein das wäre es doch wert, diesem Vorstoss zuzustimmen.