Mörgeli Christoph · Nationalrat · 2013-06-10
Mörgeli Christoph · Nationalrat · Zürich · Fraktion der Schweizerischen Volkspartei · 2013-06-10
Wortprotokoll
Geschätzter Herr Wasserfallen, Sie haben uns wirklich missverstanden. Niemand von uns widmet sich irgendwelcher Bekämpfung der Forschung - im Gegenteil: Wir haben als Vertreter der universitären Forschung gesprochen, aber auch als Vertreter der privatwirtschaftlichen Forschung, das haben Sie gehört. Was da punkto EU-Forschung passiert, hat eben mit Forschung relativ wenig, mit Forschungsbürokratie und Umverteilung viel zu tun.
Wenn wir aber einen Lobgesang auf den Forschungsplatz Schweiz anstimmen, vielfach zu Recht, dann ist dieser Antrag der Minderheit Chevalley, entschuldigen Sie, blanker Unsinn. Es ist doch nicht möglich, dass wir jetzt aus einem Bereich aussteigen, in dem die Schweiz nun wirklich Weltspitze ist, auch historisch Weltspitze war. Hier lohnt sich vielleicht einmal ein Exkurs in die Vergangenheit.
Seit den frühen Zwanzigerjahren hat sich die ETH im Bereich experimenteller und theoretischer Physik auf die Kernenergie ausgerichtet. Namen wie Paul Scherrer sind dafür ein Begriff oder auch Wolfgang Pauli, der Nobelpreisträger im theoretischen Bereich. Man hat ganz auf neue Technologien gesetzt, und das mit grossem Erfolg. 1940, mitten im Zweiten Weltkrieg, hat man an der ETH gemeinsam mit der Firma Brown Boveri und der Maschinenfabrik Oerlikon den frühesten Teilbeschleuniger seiner Zeit eingerichtet. In der Nachkriegszeit haben Paul Scherrer und der Unternehmer Walter Boveri die schweizerische Nuklearpolitik bestimmt. 1946 wurde Paul Scherrer Präsident der vom Bundesrat eingesetzten Studienkommission für Atomenergie, er war 1954 auch an der Gründung des Cern mitbeteiligt - das sind ausserordentlich wichtige Forschungsinstitute, die ja auch mit grossem Erfolg gewirkt haben. 1960 wurde am Cern der grösste Atombeschleuniger der Welt eingeweiht. 1955 bis 1993 war in Zusammenarbeit mit der Industrie der erste Uranreaktor Saphir am Eidgenössischen Institut für Reaktorforschung in Würenlingen in Betrieb, das 1988 bekanntlich in "Paul-Scherrer-Institut" umbenannt wurde.
Paul Scherrer hätte wohl schwerlich verstanden, was heute passiert. Auch wir sind nicht mit der Atomenergie verheiratet. Aber dank diesen frühen Bemühungen und diesen Pionieren gegen alle Widerwärtigkeiten haben wir heute 40 Prozent des Energieverbrauchs durch Kernenergie gedeckt. Ich weiss nicht, wie diese Leute heute denken würden: über unser Parlament und den Bundesrat, der jetzt unbedingt ohne beträchtliche Alternativen aussteigen will. Dieser Minderheitsantrag, so meine ich, beeinträchtigt aufs Schwerste die führende Rolle der Schweiz in der Kernenergie, die in eine Forschungszukunft führen wird, die anders ist als die bisherige. Selbstverständlich sind hier Probleme offen, aber es wäre natürlich eine ungeheuerliche Sache, wenn wir genau in diesem Bereich aussteigen würden, wo die Schweiz nun wirklich eine Pionierrolle einnahm und wahrscheinlich auch einnehmen wird, solange Sie nicht wirklich eine günstige, eine effiziente und eine wirksame Alternative vorschlagen. Die ist gegenwärtig nicht in Sicht, und es wäre ein unsinniges Zeichen, in diesem Bereich nun ein Verbot einzuführen - das berühmte Denkverbot, wie es Herr Wasserfallen richtig gesagt hat. Wir von der SVP lehnen das selbstverständlich ab.
Wir bitten Sie, diesen Antrag der Minderheit Chevalley abzulehnen.