Feri Yvonne · Nationalrat · 2014-06-13
Feri Yvonne · Nationalrat · Aargau · Sozialdemokratische Fraktion · 2014-06-13
Wortprotokoll
Basel-Stadt führte als erster Kanton eine Geschlechterquote von 30 Prozent für Verwaltungsräte staatsnaher Betriebe ein, die von einem breitabgestützten, überparteilichen Komitee getragen wurde. Auch die Eidgenössische Frauenkommission hat sich kürzlich für Quoten ausgesprochen. In Norwegen und Frankreich sowie auf der Ebene der EU gibt es für Führungspositionen in der Wirtschaft bereits zwingende Geschlechterquoten von 35 bis 40 Prozent.
Mit Blick auf die Verwaltungsräte in der Schweiz zeigt der Schillingreport, der jährlich die
rund hundert grössten Schweizer Unternehmen bezüglich Zusammensetzung der Geschäftsleitung und des Verwaltungsrates untersucht, dass sich der Frauenanteil in den Verwaltungsräten von 10 Prozent im Jahr 2010 auf 12 Prozent im Jahr 2013 erhöht hat. Dieser Anstieg resultiert aus einem grösseren Frauenanteil bei den Neubesetzungen. Nur gerade 9 Prozent der Gesellschaften verfügen über klare prozentuale Ziele, wie hoch der angestrebte Frauenanteil im Verwaltungsrat sein soll. Alle anderen Gesellschaften machen keine konkreten Angaben dazu.
In der höchsten Lohnklasse des Bundes fanden sich 2011 nur 14,3 Prozent Frauen, in der nächsttieferen 27,8 Prozent. In den Unternehmen mit Bundesbeteiligung ist die Situation höchst unterschiedlich. Abgesehen von der Finma, für deren Verwaltungsrat "eine angemessene Vertretung beider Geschlechter" gesetzlich vorgesehen ist, sind für kein Unternehmen Ziele formuliert. Der Bund korrigiert dies nun mit einer Direktive, die bis 2020 zu einer Geschlechterquote von 30 Prozent führen soll. Diese Direktive ist jedoch nicht verpflichtend.
Sie alle werden mir zustimmen, und damit meine ich wirklich alle, dass es volkswirtschaftlich unsinnig ist, Frauen gut auszubilden, ihre Ausbildung dann aber nicht zu nutzen. Die Frauen haben die Männer in der Ausbildung bereits überholt, das zeigen die Studienabschlüsse. Daran liegt es also nicht, die Zugänge wären geschaffen. Es liegt daran, dass Frauen nach wie vor strukturellen Hindernissen gegenüberstehen: Sie sind nach wie vor die Hauptbetreuenden der Familie; es gibt zu wenige und zu wenig flächendeckende Kinderbetreuungsangebote, von der Betreuung von Betagten ganz zu schweigen. Zudem liegt es daran, dass es nach wie vor die stupide Idee gibt, dass eine Person nur dann Führungsverantwortung übernehmen könne, wenn sie zu 150 Prozent zur Verfügung steht. Dies verhindert es nicht nur, das Familienleben mit einem Führungsjob zu vereinen, sondern es treibt auch Männer, die sich beispielsweise bereits von ihrer Familie getrennt haben, in die totale Isolation und Einsamkeit.
Es ist endlich an der Zeit, diese Fragen nicht nur als individuelle Probleme abzutun, sondern gesellschaftliche Strukturen zu ändern. Und es ist endlich an der Zeit aufzuhören, von Freiwilligkeit zu reden, wenn es um die Gleichstellung der Geschlechter geht. Deshalb, und damit komme ich nun konkret zu meinem Vorstoss, verlange ich flankierende Massnahmen zur Erreichung des Ziels, nämlich den ausgeglichenen Zugang zu Führungspositionen in Form einer Quote, sowohl für Unternehmen wie auch für die eidgenössische Verwaltung. Unter den flankierenden Massnahmen sind die Umsetzung der Lohngleichheit genauso wie die Förderung eines Eltern- und Pflegeurlaubs zu verstehen. Flankierend zu den Zielquoten braucht es weitere unterstützende Massnahmen, um die Gleichstellung voranzubringen, wie zum Beispiel folgende: Zugang zu Kinderbetreuung; Förderung von Karrieremöglichkeiten und Nachwuchsstrategien für Frauen ab dem Übergang von der Hochschule in den Beruf; Förderung von flexiblen und diskriminierungsfreien Arbeitszeitmodellen wie Jahresarbeitszeit und Teilzeitarbeit für beide Geschlechter; Förderung von Jobsharing für beide Geschlechter; Ermöglichen von Care-Arbeit und der damit einhergehenden temporären Reduktion der Erwerbsarbeit - z. B. Elternurlaub, Pflegeurlaub - für beide Geschlechter.
Ich anerkenne die einzelnen bisherigen Bemühungen; diese reichen jedoch nicht aus. Handeln wir, anstatt zu warten, und nehmen wir mein Postulat an - auch, wie eingangs erwähnt, breit abgestützt und überparteilich wie in Basel-Stadt -, anstatt weiterhin von der Freiwilligkeit der Gleichstellung zu palavern.