Lexipedia

Günter Paul · Nationalrat · 2006-12-20

Günter Paul · Nationalrat · Bern · Sozialdemokratische Fraktion · 2006-12-20

Wortprotokoll

Es ist nicht ganz üblich, dass wir den Bundesrat gegen die Kommission unterstützen, aber es geht um eine ganz wichtige Sache. Ich spreche hier auch aus persönlicher Betroffenheit. Es geht darum, dass wir Heroin aus der Liste der verbotenen Substanzen streichen. Morphinartige Schmerzmittel, die sogenannten Opiate, gehören bis heute zu den wichtigsten Mitteln in der Hand der Ärzte, wenn es darum geht, schwere Schmerzen zu bekämpfen. In diesem Sinn sind die Opiate sehr segensreich. Die meisten von ihnen haben aber eine unangenehme Eigenschaft, nämlich die, dass sie Übelkeit bis hin zum Erbrechen hervorrufen können, wenn sie in grossen Dosen angewendet werden - und das muss man bei Schmerzen. Das Heroin ist eines der wenigen schweren Schmerzmittel, welche das nicht machen. Stellen Sie sich vor: Sie haben einen Herzinfarkt, starke Schmerzen, Sie bekommen ein Opiat, und Sie müssen erbrechen. Das kann fatal sein. Die Engländer haben das schon vor längerer Zeit gemerkt und verabreichen bei Herzinfarkten daher Diazetylmorphin. Das ist der wissenschaftliche Name des Heroins - es macht den Patienten etwas weniger Angst, wenn Sie "Diazetylmorphin" statt "Heroin" bekommen.

Frage: Macht das nicht süchtig? Ich kann Ihnen sagen: Alle Opiate können theoretisch süchtig machen, diejenigen, die Unwohlsein hervorrufen, begreiflicherweise etwas weniger, aber alle können das. Aber keines macht abhängig, wenn Sie es wirklich gegen starke Schmerzen anwenden. Bei Missbrauch kann man süchtig werden, aber wenn man Opiate gegen starke Schmerzen braucht, gibt es keine Gefahr einer Sucht. Ich weiss das, weil ich in der Anästhesie kurzwirkende Opiate anwende, z. B. das Fentanyl, von dem wir wissen, dass sein Suchtpotenzial theoretisch wesentlich höher wäre als das von Heroin. Und trotzdem werden die Leute nach einer Anästhesie nicht süchtig.

Ich gratuliere dem Bundesrat dazu, dass er das Heroin aus der Liste der verbotenen Substanzen streichen will. Es ist einfach absurd, dass Süchtigen Heroin abgegeben wird - richtigerweise -, dies aber dem ganzen Rest der [PAGE 2013] Bevölkerung z. B. nach schweren Operationen, bei einem Herzinfarkt, nach einem Unfall oder auch bei Krebs vorenthalten wird, einfach weil man die Pharmakologie dieser Substanz nicht richtig versteht.

Ich möchte Sie dringend ersuchen, dem Antrag des Bundesrates zuzustimmen. Das heisst nicht, dass das Heroin einfach frei verfügbar wird. Die Opiate unterstehen einer strengen Regelung, wenn sie von den Ärzten angewendet werden; sie unterstehen der verschärften Rezeptpflicht, und das muss selbstverständlich so bleiben. Aber wenn eine Substanz sehr vielen Leuten sehr viel bringen könnte, wenn sie starke Schmerzen haben, ist es einfach absurd, in einem Gesetz festzuschreiben, dass es den Ärzten überhaupt, auch in der richtigen Anwendung, verboten ist, diese Substanz zu gebrauchen.

Ich bitte Sie dringend, dem Antrag des Bundesrates zuzustimmen.