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Feri Yvonne · Nationalrat · 2014-06-02

Feri Yvonne · Nationalrat · Aargau · Sozialdemokratische Fraktion · 2014-06-02

Wortprotokoll

Im November 2013 hat das Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann die Studie "Kosten von Gewalt in Paarbeziehungen" publiziert. Danach verursacht die Gewalt in Paarbeziehungen nach vorsichtiger und konservativer Schätzung 164 Millionen Franken an Kosten pro Jahr in der Schweiz. Dies entspricht ungefähr den jährlichen Gesamtausgaben einer mittelgrossen Stadt wie Chur oder Thun.

Geschlechtsspezifische Gewalt ist Ausdruck einer historisch gewachsenen Hierarchie zwischen den Geschlechtern. Sexismus bezeichnet jegliche Form von Diskriminierung, Ausbeutung oder Gewalt aufgrund des biologischen oder sozialen Geschlechts sowie Identitäts- und Verhaltensanforderungen an Personen wegen ihres Geschlechts, ihrer Geschlechtsidentität oder sexuellen Orientierung. Sexismus beschreibt ein Machtverhältnis zwischen den Geschlechtern und funktioniert wie Rassismus. Die Frauen sind empathisch, kommunikativ, fürsorglich und eignen sich darum bestens für die Mutterrolle, während die Männer willensstark, entscheidungsfreudig und rational sind, darum eignen sie sich bestens für die Rolle des Familienernährers. So sind sogenannte Frauenberufe tendenziell weniger hoch angesehen als sogenannte Männerberufe. Frauen verdienen weniger als Männer; dies kann als Geringschätzung betrachtet werden.

Die klare und verkürzte Bildsprache der Werbung ermöglicht es uns, eine Botschaft in Sekundenbruchteilen aufzunehmen. Die Anspielungen auf Stereotype sind für uns alle einfach zu verstehen. Auch wenn wir aus unserem Alltag längst wissen, dass die Realität eine andere ist, haben die schönen Bilder aus der Werbung einen grossen Einfluss auf unser Tun, Handeln, Streben. Sie prägen unsere Einstellung den Geschlechtern und ihrem jeweiligen Platz in der Gesellschaft gegenüber. So sind Frauen tendenziell sexy, sie kümmern sich um das Haus, und sie sind passiv. Männer dagegen werden als Experten für Waschmaschinen oder andere Geräte gezeigt, sie sind die Macher oder die im Haushalt Überforderten. [PAGE 804]

Auch die Medien konfrontieren uns mit den Geschlechterrollen. Männer haben generell eine viel höhere Präsenz als Frauen, und sie kommen häufiger als Experten für harte Themen zu Wort als Frauen. Männer und Frauen erleben die Auswirkungen gesellschaftlicher Umbrüche, Krisen und Kriege oftmals völlig unterschiedlich. Eine differenzierte Berichterstattung, die diesem Fakt Rechnung trägt, ist nach wie vor selten.

Frauen werden in den Medien auch öfter als Opfer dargestellt als Männer, obwohl Männer beispielsweise häufiger Opfer von Tätlichkeiten werden als Frauen. Solche stereotypen Rollenbilder zementieren die Geschlechterhierarchie und sind darum eine der Hauptursachen der eingangs erwähnten geschlechtsspezifischen Gewalt.

Um die Kosten dieser Gewalt zu senken und die Chancengleichheit für alle zu sichern, müssen Geschlechterstereotype und -rollen erkannt, hinterfragt und bekämpft werden. Frauen gehen dem Arbeitsmarkt verloren, da sie entweder Pflegeaufgaben übernehmen oder aufgrund physischer und/oder psychischer Belastung und von Traumata nicht arbeitsfähig sind. Frauen und Männer können sich aufgrund ihrer Rollenzuschreibungen nicht ihren Talenten und Interessen entsprechend ausleben, was wiederum eine Auswirkung auf die Produktivität und Effizienz hat.

Um eine nachhaltige Prävention bei der Bekämpfung von geschlechtsspezifischer Gewalt leisten zu können, soll eine Fachstelle geschaffen werden, die sich dem Phänomen Geschlechterstereotype und deren Auswirkungen auf die geschlechtsspezifische Gewalt sowie deren effektiver Bekämpfung widmet. Stereotype Geschlechterrollen in einer Gesellschaft zementieren ein Machtungleichgewicht zwischen den Geschlechtern. Medien und Werbung tragen entscheidend zur Zementierung dieser Bilder bei. Die Auswirkungen sind im Arbeitsleben in der mangelnden Lohngleichheit für gleichwertige Arbeit, in der Berufswahl von Mädchen und Jungen, in der Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu sehen, aber auch in der häuslichen und geschlechtsspezifischen Gewalt. Die volkswirtschaftlichen Kosten der häuslichen Gewalt bestätigen die Dringlichkeit meines Anliegens, in die Prävention zu investieren.

Da ich bei der Vorberatung in der Kommission merkte und auch am jetzigen Lärmpegel merke, dass unser Rat für ein solches Unterfangen nicht bereit ist, ziehe ich die parlamentarische Initiative zurück.