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Gilli Yvonne · Nationalrat · 2015-03-04

Gilli Yvonne · Nationalrat · St. Gallen · Grüne Fraktion · 2015-03-04

Wortprotokoll

Ich möchte Ihnen zuerst meine Interessenbindung bekanntgeben: Ich bin Präsidentin des Stiftungsrates von Sexuelle Gesundheit Schweiz, der Dachorganisation der Familienberatungsstellen in der Schweiz.

Das dem Alter entsprechende Wissen zum Thema Sexualität wird durch Bildung vermittelt, genau wie das Wissen, das es zum Lesen und zum Schreiben braucht. Für die Vermittlung dieses Wissens brauchen die Initianten verschiedene Worte: Von "Sexualerziehung" ist die Rede, aber auch von "Sexualkundeunterricht" und von "Unterricht über die menschliche Fortpflanzung und Entwicklung". Hier fängt das Problem der Initiative bereits an. Warum soll Sexualerziehung allein Sache der Eltern sein, wie das die Initianten fordern und wodurch man die Eltern allein entscheiden lässt, ob ihr Kind in der Schule in Sexualkunde unterrichtet wird? Mit dieser Forderung ignorieren die Initianten bewusst, dass es bei der sexuellen Bildung um weit mehr geht als um die Vermittlung einer Wertehaltung.

Sie ignorieren auch, dass sexueller Missbrauch und sexuelle Diskriminierung nicht seltene Delikte sind. Zudem sind es Handlungen, die aufs Schwerste elementare Menschenrechte verletzen. Die Stiftung Kinderschutz Schweiz schätzt, dass jede vierte Frau und jeder zehnte Mann in der Kindheit sexuellen Missbrauch erlitten hat. Am häufigsten betroffen sind Mädchen und Jungen im Alter von sieben bis zwölf Jahren. Der Missbrauch dauert umso länger, je näher der Täter dem Opfer steht. Die Täterschaft ist meistens ein Elternteil. Mit der wachsenden Einwanderung von Menschen aus Ländern, in denen die Genitalverstümmelung von Mädchen praktiziert wird, sind in der Schweiz, hier bei uns, mehrere Tausend Mädchen in Gefahr, diese Verstümmelung erleben zu müssen. Homosexuelle Jugendliche sind stärker gefährdet, depressiv oder süchtig zu werden, und zwar Männer und Frauen. Der Grund dafür, das haben Sie schon gehört, ist unter anderem die anhaltende subtile Tabuisierung und Diskriminierung der Homosexualität.

In der Schweiz wie überall bestehen nach wie vor viele geschlechterspezifische Normen, die Ungleichheiten fördern. Kinder und Jugendliche orientieren sich an den Rollenmustern, in denen sie leben. Diese prägen auch ihr Verhältnis zur Sexualität. In einer zunehmend multikulturellen Schweiz ist es Aufgabe der Schule, Wissen zu geschlechterspezifischen Rollenmustern und deren Bedeutungen zu vermitteln, ergänzend zum Wertesystem von zu Hause. Alle diese Fakten sprechen für sich und für eine altersgerechte Körper- und Sexualkunde, welche auf allen Schulstufen integrativer Bestandteil des Unterrichts ist.

Auch wenn diese Initiative scheinbar den Unterricht zur Prävention von Unrecht wie sexuellem Missbrauch zulässt, so verunmöglicht sie mit ihren drastischen Einschränkungen nicht nur die Prävention von Straftaten, sondern auch, dass das Wissen über Sexualität und Körperlichkeit allen altersgerecht und professionell zugänglich gemacht wird. Damit macht sie grobfahrlässig Bemühungen zunichte, die in der Schweiz unter anderem dazu geführt haben, dass wir nur wenige Teenagerschwangerschaften und Schwangerschaftsabbrüche bei Jugendlichen kennen.

Die Initianten ignorieren die heutige Realität. Sexuell übertragbare Krankheiten in der allgemeinen Bevölkerung nehmen wieder zu, und sexueller Missbrauch durch Familienmitglieder ist keine Seltenheit. Es braucht die in den regulären Unterricht selbstverständlich integrierte Körper- und Sexualkunde, wie sie von vielen Schulen bereits praktiziert wird. Unbestrittene Grundrechte wie das Recht auf Selbstbestimmung, Integrität und Würde, Gleichstellung und Freiheit stehen im Zusammenhang mit Sexualität und Gesundheit. Deshalb gibt es sexualitätsbezogene Grundrechte. Dies zu vermitteln und zu garantieren ist eine öffentliche Aufgabe.

Ich bitte Sie deshalb, diese Initiative zur Ablehnung zu empfehlen.