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Aebischer Matthias · Nationalrat · 2015-03-04

Aebischer Matthias · Nationalrat · Bern · Sozialdemokratische Fraktion · 2015-03-04

Wortprotokoll

Man sollte ja die eigene Redezeit nicht opfern, um Kollegen zu einer Rede zu gratulieren, aber heute möchte ich eine Ausnahme machen und Kollege Portmann zu seinem Speech herzlich gratulieren: Er war sensationell!

Das gibt mir auch Gelegenheit, etwas zu diesem Sexkoffer zu sagen, den Sie hier mit meiner Kollegin Galladé hätten zeigen wollen. Ganz genau genommen, hat dieser Sexkoffer gar nichts mit der Diskussion zu tun. Der Titel der Volksinitiative ist "Schutz vor Sexualisierung in Kindergarten und Primarschule", und der Sexkoffer, von dem wir nun immer sprechen, ist für die Oberstufe, nicht für den Kindergarten. Das war am Anfang ein Missverständnis, und das hat die ganze Debatte ausgelöst.

Ich habe Mühe mit dem Titel der Volksinitiative. "Schutz vor Sexualisierung in Kindergarten und Primarschule", das hinterlässt bei mir einen fahlen Beigeschmack: Das Wort "Sexualisierung" tönt nach einem grossen, bösen Monster, das alle Kinder und Jugendlichen heimsuchen und verderben wird. Ich frage mich: Ist das so? Ich glaube nicht. Das Gegenteil ist der Fall. Der Umgang mit einer Sexualität, die Freude bereiten kann, darf oder muss in der heutigen Zeit mit den Kindern diskutiert und besprochen werden, gerade heute, in einer Zeit, in der Kinder und Jugendliche wohl früher, als uns allen lieb ist, im Internet mit Sexualität konfrontiert werden - mit einer Sexualität, die meiner Ansicht nach wenig mit der Realität zu tun hat. Gerade heute ist es deshalb wichtig, dass wir mit den Kindern zu Hause, aber auch in der Schule über Sexualität sprechen. Diese Sexualität hat meiner Ansicht nach nicht allzu viel mit der Sexualität zu tun, die im Internet feilgeboten wird.

Doch genau dieses Miteinander-darüber-Sprechen will die Initiative nun verhindern. Sie will, dass man Kinder von dieser Aufklärung ausschliessen kann. Sie will, dass die Sexualerziehung primär Sache der Eltern ist. Ich sage es klar und deutlich: Das ist ein Fehler.

"Sexualisierung" ist nicht das richtige Wort. Es rückt Sex in ein falsches Licht. Viel besser gefallen mir die Formulierungen der Steuergruppe des Lehrplans 21. Hier wird von "sexualkundlichem Unterricht" gesprochen, der Zusammenhänge zwischen biologisch-medizinischen, sozialen und psychologischen Bereichen der Sexualität aufzeigt, oder von "Sexualerziehung", die sich mit Wissen, Einstellungen und Werthaltungen der Sexualität befasst. Was ein bisschen kompliziert tönt, das gebe ich zu, heisst: Die Kinder sollen oder dürfen erfahren, dass es in der Sexualität um viel mehr geht als um den simplen Geschlechtsakt, den man im Internet auch ungefragt serviert erhält.

So stellt sich auch die Grundsatzfrage: Wie soll man Kinder vor Ausbeutung und Übergriffen schützen, wenn man sie gar nicht aufklären darf? Ich bin überzeugt, dass Kinder von [PAGE 109] klein auf eine Sexualerziehung in der Schule benötigen, die ihnen das Recht aufzeigt, ihre intimen Körperteile zu schützen, und die sie in ihrer Kompetenz fördert, sich gegen alle Arten von Gewalt zu wehren.

Wie gesagt, nicht nur der Titel "Schutz vor Sexualisierung in Kindergarten und Primarschule" ist für mich ein Rätsel, auch der Inhalt des Initiativtextes hat für mich anachronistische Züge. Ich bitte Sie deshalb, die Initiative abzulehnen.