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Munz Martina · Nationalrat · 2015-03-04

Munz Martina · Nationalrat · Schaffhausen · Sozialdemokratische Fraktion · 2015-03-04

Wortprotokoll

Die SP will einen wirksamen Kinderschutz und sagt deshalb Nein zur Initiative. Prävention gegen sexuelle Gewalt erfordert Kenntnisse über Sexualität. Zugegeben, wir alle glauben wohl nicht mehr an den Samichlaus. Dennoch haben wir alle Freude an dieser Geschichte. Auch das Märchen vom Storch, der die kleinen Kinderlein bringt, ist hübsch. Es wäre aber höchst fahrlässig, die Schulen mit einer Initiative zu verpflichten, dieses [PAGE 105] Märchen vom Storch als die Aufklärungslektion im Lehrplan zu verankern.

Die SP-Fraktion will einen wirksamen Kinderschutz. Das Selbstbewusstsein der Kinder muss gestärkt und der verantwortungsvolle Umgang mit dem eigenen Körper muss gefördert werden. Dieses Wissen soll im Sinne von Chancengleichheit allen Kindern zugänglich sein. Jedes Kind hat heute Zugriff aufs Internet mit einschlägigen Adressen. Vor dieser Tatsache können wohl auch die Initiantinnen und Initianten kaum die Augen verschliessen. Wie sollen Kinder vor Pornografie und sexuellen Übergriffen geschützt werden, wenn um den heissen Brei herumgeredet wird? Die Tabuisierung der Sexualität gefährdet den Schutz von Kindern und Jugendlichen.

Den bösen schwarzen Mann, der kleine Kinder missbraucht, gibt es zwar, die Wirklichkeit sieht aber anders aus. Die meisten Übergriffe an Kindern geschehen in der Familie und im Bekanntenkreis. Betroffenen Kindern kann nur geholfen werden, wenn das Thema Sexualität nicht nur dem Elternhaus vorbehalten bleibt, sondern auch im Schulunterricht zum Thema wird und "schlechte Geheimnisse" angesprochen werden. Es braucht auch eine gemeinsame Sprache, um zu sagen, was allenfalls vorgefallen ist. Kinder müssen zudem lernen, was "normal" und was nicht erlaubt ist.

Eine Studie aus dem Jahr 2001 zur Täterstrategie bei sexuellem Missbrauch ist sehr aufschlussreich. Täter suchen ganz gezielt nach Voraussetzungen, die den Missbrauch ermöglichen. Dazu gehört auch der Mangel an Sexualaufklärung oder deren gänzliches Fehlen beim anvisierten Opfer. Aber genau das fördern die Initiantinnen und Initianten. Tabuisierung der Sexualität und Prüderie sind kein wirksamer Schutz vor Übergriffen, im Gegenteil, sie sind der Nährboden dafür.

Ein Blick in die Vorgeschichte der Initiative bringt Unschönes ans Tageslicht. Die Volksinitiative "Schutz vor Sexualisierung in Kindergarten und Primarschule" musste zweimal eingereicht werden. Kurz nach der erstmaligen Unterschriftensammlung wurde bekannt, dass ein Mitglied des Initiativkomitees aufgrund sexueller Übergriffe an Kindern verurteilt worden war: Les extrêmes se touchent.

Ich bin froh, dass heute die Schulen im Rahmen ihres öffentlichen Bildungsauftrages Prävention und grundlegende Kenntnisse zur Sexualität vermitteln und damit auch die Chancengleichheit der Kinder fördern. Die Schweiz hat weltweit eine der tiefsten Raten bezüglich Teenagerschwangerschaften und Abtreibungen in dieser Altersgruppe. Das hängt sicher auch mit der einigermassen gründlichen Aufklärung zusammen, die an Schweizer Schulen gepflegt wird.

Die SP-Fraktion steht für einen wirksamen Kinderschutz ein. Wir fordern Chancengleichheit für alle. Wir wollen die Präventionsarbeit in den Schulen nicht behindern, deshalb lehnen wir die Initiative ab.